Lokalsport

Ausrichter dringend gesucht

Tischtennis-Bezirksmeisterschaften: Kontroverse zwischen Vereinen und Verband

Überraschende Nachricht: Mangels Ausrichterverein ist die Durchführung der Tischtennis-Bezirksmeisterschaften 2015 vorerst ausgeschlossen. Nur, falls sich auf den letzten Drücker noch ein Ersatzverein finden sollte, könnten die Titelkämpfe nachgeholt werden – im kommenden Jahr.

Ungewiss, ob die ausgefallenen Tischtennis-Bezirksmeisterschaften 2015 noch nachgeholt werden.Foto: Deniz Calagan
Ungewiss, ob die ausgefallenen Tischtennis-Bezirksmeisterschaften 2015 noch nachgeholt werden.Foto: Deniz Calagan

Kirchheim. Es ist ein Stoff aus dem Kuriositätenkabinett. Die Chance, dass die Tischtennis-Bezirksmeisterschaften 2015 erst im Jahr 2016 über die Bühne gehen werden, ist ziemlich groß. Denn für den verbandsweit gültigen Standardtermin 7./8. November war trotz wochenlanger Suche kein Ausrichterverein gefunden worden – weshalb der seit Juli amtierende Bezirksvorsitzende Bernd Scholz (Weilheim) nun ein weiteres Mal Klub-Fahndung betreiben will. „Ich werde potenzielle Ausrichtervereine anmailen“, sagt der 38-Jährige, „meldet sich ein geeigneter Bewerber bis Ende November, kann das Bezirksturnier am Wochenende 9./10. Januar stattfinden“. Falls nicht, steht der 7. und 8. Mai als zweiter Alternativtermin im Raum.

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Warum das wichtigste Turnier im Terminkalender des Tischtennis-Bezirks Esslingen am vergangenen Wochenende ausfallen musste, weil mit dem TSV Oberboihingen und dem TSV Wendlingen zuvor die Ausrichter der letzten Jahre vom Kandidatenkarussell abgesprungen waren, darüber ist in Tischtennis-Kreisen eine Kontroverse entbrannt. TSV Wendlingen versus Tischtennis-Verband Württemberg-Hohenzollern (TTVWH) heißt einer der Schlagabtausche, in dem es um die Unlust von Vereinen geht, das Bezirksturnier zu den gehabten Konditionen zu organisieren. „Dass sich keine Ausrichter mehr finden, liegt an den sinkenden Teilnehmerzahlen, was weniger Startgeld und Wirtschaftsumsatz für die Vereine bedeutet“, sagt Fritz Russek, TCW-Abteilungsleiter und Bezirksspielleiter. „Und warum kommen immer weniger Spieler? Hauptsächlich deswegen, weil jedes Bezirksmeisterschaftsspiel automatisch für die Q-TTR-Rangliste gewertet wird. Sie wollen solche Turniere aber lieber wie früher ohne größeren Erfolgsdruck bestreiten“. Russek („früher kamen 200 Spieler, heute kommen 120“) plädiert für eine Abschaffung des Ranglistenpunkte-Zwangs.

Thomas Pfeiffer, Oberboihinger Spieler, Kassier, Ex-Abteilungsleiter und mit dem Schreiber dieser Zeilen nicht identisch, kann Russeks Einwand nachempfinden. „Der Termin 7./8. November liegt kurz vor dem Rückrundenstart. Damit riskiert jeder Spieler, dass er aufgrund verlorener Q-TTR-Punkte in eine tieferklassige Mannschaft seines Vereins versetzt werden muss.“ Pfeiffer („wegen der Ranglistenpunkte sollte man bei den Bezirksvereinen mal eine Umfrage durchführen“) plädiert zudem für einen Finanzzuschuss von wenigstens 250 Euro für jeden Ausrichterverein, damit sich Aufwand und Ertrag wieder lohnten. Die schwierige Rekrutierung von freiwilligen Helfern, die zwei Tage lang im Schichtbetrieb arbeiten müssten, stünde in keinem Verhältnis zu den circa 400 Euro Gewinn, die für die Vereinskasse nach einer Marathonveranstaltung schließlich übrig blieben.

Auch TTVWH-Geschäftsführer Thomas Walter hat längst erfahren, dass der vom Verband entschiedene Ranglistenpunkte-Zwang bei Bezirksmeisterschaften vielen Tischtennis­cracks ein Dorn im Auge ist. Allerdings weiß Walter durch viele Vor-Ort-Gespräche auch, dass die Gruppe der Befürworter ebenso groß ist. „Man kann Ranglistenpunkte bei Bezirksmeisterschaften nicht nur verlieren, sondern auch gewinnen. Das macht diesen Modus für viele Tischtennisspieler interessant“, sagt er und verweist auf einige TTVWH-Bezirke, wo die Turnier-Resonanz sehr gut gewesen sei. Walter, der die Einschätzungen des Esslinger Bezirksspielleiters überhaupt nicht teilt („das ist Fritz Russeks rein persönliche Meinung“) empfiehlt, die Bezirksturniere attraktiver zu gestalten. „Dann kommen auch mehr Spieler“.

Wie und ob es weitergeht mit den Esslinger Bezirksmeisterschaften, kann er nicht prognostizieren. Ebenso wenig wie Bernd Scholz. Der Bezirkschef mit den Visionen („wir brauchen einen festen Standort für die Bezirksmeisterschaften“) hofft auf die Vermeidung eines tischtennis-historischen Breaks – darauf, dass die Titelkämpfe eine schnelle Neuauflage erfahren.

Drei Gründe fürs ScheiternKommentar

Jahrelang haben sich die Vereine TSV Oberboihingen und TSV Wendlingen darin abgewechselt, als Ausrichter für die Tischtennis-Bezirksmeisterschaften zu fungieren. Das war so lange wirtschaftlich profitabel, bis die Benchmark von 180 teilnehmenden Sportlern – die für manchen Funktionär Messlatte für die wirtschaftliche Rentabilität solch einer Veranstaltung ist – sich als unerreichbar entpuppte. 2014 erschienen 30 Prozent weniger Spieler zum Bezirksevent, und für 2015 hatten Szenekenner einen ähnlichen Rückgang vorausgesagt. Die Unkenrufe schreckten ab – zum Originaltermin (7./8. November) fand sich im Bezirk Esslingen erstmals kein Ausrichterverein. Was als Niederlage für die Bezirksoberen zu werten ist.

Es gibt offensichtliche Gründe, weshalb die Spielerzahl beim Bezirksturnier unter Schwindsucht leidet: erstens der umstrittene Ranglistenpunkte-Modus, der laut Tischtennis-Verband Württemberg Hohenzollern (TTVWH) nach einer Übereinkunft mit den Vereinen auf Jahre hinaus festgeschrieben ist, zweitens ein unglücklich gewählter Termin im proppenvollen Herbst-Terminkalender, drittens geburtenschwache Jahrgänge, die logischerweise auf die Teilnehmerfelder durchschlagen. Drei Probleme, doch nur eines davon ist kurzfristig lösbar.

Was also tun, um die Tischtennis-Bezirksmeisterschaften vorm mittelfristig drohenden Aus zu retten? TTVWH-Chef Thomas Walter legt den 64 Esslinger Kreisvereinen beim Austüfteln neuer Veranstaltungskonzepte vor allem mehr Kreativität und Erfindungsgeist ans Herz. Beispiele aus anderen Regionen, wo die Turniere durch pfiffige Werbung, Hallensprecher und Siegerehrungen reüssierten anstatt zu floppen, gibt es.

Neben den Blick übern Tellerrand verspricht die gemeinsame Absichtserklärung des TTC Aichtal, TTF Neckartenzlingen und TSV Neckartailfingen Hilfe in der Problematik: Diese Vereine würden die Titelkämpfe liebend gerne einmal gemeinsam ausrichten. Vorteile: Drei Vereine verfügen über dreifache Menpower und generieren womöglich auch gute Ideen.THOMAS PFEIFFER