Lokalsport

Das gefühlte Karriereende

Tobias Unger muss berufsbedingt ab November als Sportler kürzertreten

Wenn ein 33-Jähriger arbeiten gehen muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, ist das nichts Außergewöhnliches. Wenn dieser 33-Jährige Tobias Unger heißt, allerdings schon. Der Kirchheimer, der seit rund einem Jahrzehnt die deutsche Sprintszene mitbestimmt, wird mit Antreten seines Jobs bei der Kreissparkasse ab November sportlich kürzertreten müssen. Seinen Ehrgeiz stachelt das gefühlte Karriereende allerdings nur umso mehr an.

Tobias UngerWeinheim
Tobias UngerWeinheim

Kirchheim. Lederschuhe statt Spikes, Sakko statt Trikot und um den Hals eine Krawatte statt Medaillen – daran wird sich Tobias Unger in Zukunft gewöhnen müssen. Die einjährige Freistellung, die ihm die Kreissparkasse bei seiner Rückkehr zum VfB Stuttgart 2011 ermöglicht hatte, geht Ende Oktober zu Ende. Unger muss wie vertraglich vereinbart seinen Dienst bei der Bank antreten. Am 1. November beginnt seine Trainee-Stelle, die ihn durch die verschiedenen Abteilungen des Geldhauses führen wird und an deren Ende er sich in rund eineinhalb Jahren auf einen Bereich spezialisieren soll.

Wer mit Unger redet, merkt, wie hin- und hergerissen er vor dem Beginn eines für ihn gänzlich neuen Lebens ist. „Klar freue ich mich auf die neue Herausforderung und bin auch dankbar. So eine Stelle bekommt nicht jeder“, sagt er. Gleichzeitig lässt er keinen Zweifel daran, dass er gerne noch weiter ausschließlich Leistungssport betrieben hätte.

Warum auch nicht? Unger legte heuer eine seiner erfolgreichsten Saisons hin, holte Staffelsilber bei der EM und war als bislang einziger deutscher Sprinter in der Geschichte zum dritten Mal bei Olympischen Spielen. Auch wenn 2012 nicht den Zenit seiner Laufbahn markierte, war er auf nationaler Ebene doch stets auf Augenhöhe mit der um etliche Jahre jüngeren Konkurrenz, der er trotz seiner 33 Lenze immer wieder enteilen konnte.

Muss jemand, der noch durchaus konkurrenz- und titelfähig ist, wirklich mit dem Sport aufhören? Ungers Trainer sagt eindeutig Ja. „Es rentiert sich einfach nicht mehr, die eigene Zukunft wegen des Sports aufs Spiel zu setzen“, sagt Micky Corucle. „Die Zeit für den Beruf ist da und der Beruf geht vor. Zu viele Sportler sind heute von Hartz-IV bedroht“, sagt er.

Corucles These wird zumindest teilweise von einer Untersuchung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft gestützt. Demnach wenden Spitzensportler wie Unger im Durchschnitt fast 60 Stunden und mehr pro Woche für ihren Sport auf, haben Ende des Monats durchschnittlich aber nur 1 919 Euro brutto in der Tasche. „Ich will für den Sport nicht draufzahlen müssen“, sagt Unger, „irgendwann will man ja auch mehr als nur über die Runden kommen.“

Seinen bisherigen Job als Profisportler aber komplett aufzugeben, kommt für den mehrfachen deutschen Meister (noch) nicht infrage. Unger will sich in Zukunft der Doppelbelastung aus Beruf und Sport stellen. Der Preis, den er dafür zahlen muss, ist für ihn als Vollblutsprinter groß. Trainingseinheiten am Vormittag, wie sie eigentlich vonnöten wären, um leistungsmäßig dranzubleiben, sind künftig nicht mehr möglich. Um trotzdem auf die üblichen Umfänge zu kommen, will Unger an den Wochenenden trainieren. „Wie sich das mental und körperlich auswirkt, muss ich mal abwarten. Ich traue mir beides aber auf jeden Fall zu. Motivation kann ich daraus ziehen, dass ich beweise, dass ich trotz Job noch Topleistung bringen kann.“

In diesem Zusammenhang steht übrigens noch nicht fest, ob Unger eine Hallensaison absolvieren wird oder er sich nicht gleich auf die Freiluftwettkämpfe 2013 vorbereitet. Sein Trainer traut ihm unabhängig davon zu, auch in Zukunft in Deutschland vorne mitmischen zu können. „Tobias wird die Jüngeren auch in den kommenden zwei Jahren ärgern“, glaubt Micky Corucle.

Sollte es so kommen, würde es die Talentförderung in der deutschen Leichtathletik einmal mehr konterkarieren: Schon seit Jahren schütteln Experten den Kopf darüber, warum junge Nachwuchssprinter den alten Hasen wie Unger oder seinem Staffelkollegen Alexander Kosenkow (34) nicht den Rang ablaufen können. Im Gegensatz zu Unger kann sich Kosenkow übrigens weiter zu 100 Prozent dem Sport widmen: Der Wattenscheider gehört seit Jahren einer Sportfördergruppe der Bundeswehr an.

Unger hingegen kann sich neben seiner gesicherten beruflichen Zukunft („Ich will bei der Kreissparkasse bleiben“) über einen Vertrauensvorschuss seines Vereins freuen: Der VfB Stuttgart hat seinen Vertrag gerade um ein Jahr verlängert und die Option auf ein weiteres Jahr signalisiert – am Wasen trauen sie dem „Schwabenpfeil“ auch vor dem Hintergrund seiner künftig begrenzteren Zeit zu, bis 2014 im roten Dress um Titel mitzulaufen. Gleichzeitig versucht Unger, bis Anfang kommenden Jahres einen Sponsor zu gewinnen, zumal in dem Fall eine Reduzierung seines Arbeitsumfangs bei der Kreissparkasse möglich wäre. Spruchreif ist zwar noch nichts, doch knüpft Unger große Hoffnungen daran, dass das gefühlte Karriereende damit noch ein Stückchen aufgeschoben würde. „Ich will nicht eines Tages aus dem Stadion gepfiffen werden, aber solange ich mich noch fit fühle und die Zeiten stimmen, sehe ich nicht ein, warum ich mich nicht weiter auf den Sport konzentrieren soll.“

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