Lokalsport

Das Meisterstück

Jannik Steimle feiert in Tschechien seinen ersten Sieg in einem UCI-Rennen

Daheim in Weilheim sind sie aus dem Häuschen. In Österreich sieht man sich bestätigt: Radprofi Jannik Steimle nimmt auf dem Weg nach oben keine Pausen.

Ein gefürchteter Gegner, inzwischen sogar am Berg: Der 20-jährige Jannik Steimle entwickelt sich vom Sprint-Ass immer mehr zum k
Ein gefürchteter Gegner, inzwischen sogar am Berg: Der 20-jährige Jannik Steimle entwickelt sich vom Sprint-Ass immer mehr zum kompletten Fahrer.Foto: Elisa Haumesser

Nove Mesto. Radsport ist ein Knochenjob. Doch es gibt Radrennen, bei denen der härteste Test nach dem Zielstrich noch wartet. Statt seinen ersten Profisieg ausgiebig zu feiern, hat sich Jannik Steimle am Sonntag im tschechischen Nove Mesto nach 180 Radkilometern hinters Lenkrad gesetzt und sich im dichten Urlaubsverkehr auf die Heimreise gemacht. Fünfeinhalb Autostunden lang haben die Kräfte gereicht, dann hatte der 20-jährige Weilheimer ein Einsehen und wenig später am Stadtrand von München ein Hotelbett unterm strapazierten Leib. Und wozu das Ganze? Damit der Tag nach dem bisher größten Erfolg nicht zum verlorenen Trainingstag würde.

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Wer so denkt, mag verrückt erscheinen. In einer der härtesten Sportarten der Welt hat er das Zeug, um eines Tages zu den Besten zu zählen. Für Andreas Grossek, den Teamchef des österreichischen Branchenführers Felbermayr-Simplon aus Wels hätte es solcher Aktionen als Beweis kaum bedurft. Als er vergangenen Herbst einem 19-Jährigen seinen ersten Profivertrag anbot, wusste Grossek genau, was er tat. „Dass Jannik gleich im ersten Jahr seinen ersten Sieg einfahren würde, hat mich nicht überrascht“, sagt sein Mentor. „Dass er das gleich in einem UCI-Rennen schafft, allerdings schon.“ Nach sieben zweiten Plätze in Folge ist dem Weilheimer am Sonntag sein erster Coup gelungen.

Beim Eintagesrennen der Kategorie 1.2 (siehe Infoteil) von der kroatischen Kapitale Zagreb ins tschechische Nove Mesto hatte 15 Kilometer vor dem Ziel eine 25-köpfige Ausreißergruppe die Führung behauptet. Der Österreicher Patrick Schelling setzte am Schlussanstieg die finale Attacke, doch Steimle hatte nach vier Rennstunden und einem mörderischen Anfangstempo genügend Kraft in den Beinen, um zu kontern und den 26-Jährigen vom Team Vorarlberg im Zielsprint gleich um mehrere Radlängen zu schlagen. „Einfach unfassbar,“ lautete der Kommentar des Weilheimers, der im Ziel nicht nur von den eigenen Teamkollegen gefeiert wurde. „Mich haben reihenweise Fahrer beglückwünscht, die ich gar nicht kannte“, freut sich Steimle, der am Montag in Weilheim schon wieder auf dem Rad saß, um im „Vier-Tages-Rhythmus“ zu bleiben, wie er betont. Am Donnerstag ist folglich Ruhetag. Dann stehen auf der Eurobike in Friedrichshafen Sponsorentermine an. Am Sonntag wartet das österreichische Bundesligafinale in Schwaz in Tirol. Eine Serie, die das Felbermayr-Team zugunsten internationaler Auftritte zuletzt eher vernachlässigt hat. Auch wenn man mit dem Gesamtsieg deshalb am Ende nichts zu tun haben wird, geht es am Sonntag um die Demonstration von Macht. Darum, zu zeigen, wer die Nummer eins ist in der Alpenrepublik.

Im Welser Team haben die Rolle der Leader zurzeit noch andere inne. Doch Jannik Steimle könnte diese Hierarchie schon bald zum Einsturz bringen. Dass er das königsblaue Jersey der Österreicher auch im kommenden Jahr tragen wird, ist ausgemachte Sache. Für den Teamchef heißt das: „Konzentriert arbeiten und aufpassen, dass er nicht abhebt,“ meint Andreas Grossek, der seinen Schützling auf gutem Weg sieht. „Jannik macht im Moment sehr viel richtig“, sagt er. „Das muss er jetzt bestätigen.“

Grossek hat schon viele Talente kommen und gehen sehen. „In der Protour bildet keiner aus“, sagt der erfahrene Chef über die Champions League des Radsports. „Die wollen alle fertige Fahrer.“ Dass Jannik ein solcher werden könnte, traut er dem Burschen angesichts seines Alters und seines Entwicklungsstandes zu. „Ein Jahr noch“, prophezeit Grossek. „Danach werden wir ihn eh nicht mehr halten können.“

Die Renn-Kategorien der UCI

Der Radsport-Weltverband UCI unterteilt seine Rennklassen im Straßen-Radsport in verschiedene Kategorien, die über die Zusammensetzung und Qualität des Fahrerfeldes und der teilnehmenden Teams entscheiden. Die erste Ziffer definiert, ob es sich um ein Eintagesrennen (Ziffer 1) oder um ein Etappenrennen (Ziffer 2) handelt. Die zweite Ziffer unterscheidet zwischen Rennen der „Hors Categorie“ (HC) der höchsten Klasse und Rennen der ersten und zweiten Kategorie. Folglich beschreibt die Ziffernfolge 1.2 ein internationales Eintagesrennen der zweiten Kategorie. Die Worldtour, zu der unter anderem die Frühjahrsklassiker und die großen Rundfahrten wie Tour de France, Giro d‘Italia und Vuelta de Espana zählen, stellt eine eigene Kategorie im Rennkalender dar.bk