Lokalsport

Das späte Wunder von Hamburg

Basketball Der Knights-Triumph nach einem verrückten Spiel ist auch ein Erfolg des Trainers. Gegen Dresden gilt es, die richtigen Lehren daraus zu ziehen. Von Bernd Köble

Towers-Coach Hamed Attarbashi dürfte in der Nacht keinen ausgedehnten Schlaf gefunden haben. Vielleicht länger als die 5,5 Sekunden, die seiner Mannschaft fehlten, um im dritten Basketball-Krimi in Folge zum zweiten Mal dem Gegner die Opferrolle zu überlassen. Nicht allein die zweite Niederlage brachte Hamburgs Trainer stattdessen zum Verzweifeln, sondern der Weg dorthin: Gegen Nürnberg hatte vor zwei Wochen eine 23-Punkte-Führung nicht zum Sieg gereicht, gegen Kirchheim waren es immerhin 17, die in den letzten knapp sechs Spielminuten dahinschmolzen wie die dünne Eisschicht auf der Binnenalster an diesem Tag. Dabei hatte die Halle getobt, als der Ex-Kirchheimer Enosch Wolf mit einem krachenden Dunk den Ball zum 77:62 durch die Reuse drosch und die Fans danach mit wilden Gesten aufstachelte.

Attarbashis Pein verschlimmert haben dürfte zudem sein Eingeständnis, überrumpelt worden zu sein. Nein, wie eine Erfolg versprechende Antwort auf die vom Gegner praktizierte Ganzfeld-Pressverteidigung aussehen könnte, habe er seit Wochen nicht mehr trainieren lassen, musste der 40-Jährige hinterher zugeben.

Das Wunder von Hamburg also ein Coaching-Erfolg? Die Entscheidung von Attarbashis Gegenüber Michael Mai war jedenfalls der Beginn vom Ende der Hamburger Dominanz, die sich schon zur Pause in einer Rebound-Bilanz von 20:11 zugunsten der Hanseaten widerspiegelte. Wie schon gegen Paderborn erwiesen sich die Kirchheimer zu Beginn unterm Korb als harmlos, unentschlossen und häufig mit dem falschen Timing. Die geänderte Defensiv-Taktik im Schlussviertel packte den Gegner an einer Stelle, wo er vom Start weg die größten Schwächen offenbarte: in der Passgenauigkeit im Spielaufbau, was elf Turnovers der Hamburger allein in den ersten 20  Spielminuten zeigen.

„Wir waren in der Defensive lange zu leicht auszurechnen“, erklärt Kirchheims Coach, weshalb er nach Weihnachten im Training intensiv an einer Pressverteidigung arbeiten ließ. Eine Arbeit, die sich am Freitag auszahlte, auch wenn Michael Mai keinen Hehl daraus macht, dass er sich einen anderen Spielverlauf gewünscht hätte. „In Hamburg erlebten wir ein Wunder, auf das wir uns künftig nicht mehr verlassen sollten“, meint der Trainer. Ob er verrückte Spiele wie diese nicht langsam satt habe? „Ich hatte schon nach dem ersten Spieltag in Dresden genug davon,“ sagt Mai mit einem Lächeln.

Ernsthaftigkeit und Entschlossenheit, egal gegen welchen Gegner, das ist es, was er seiner Mannschaft einzuimpfen versucht. Wie gut ihm das in der Woche vor dem Heimkampf gegen Schlusslicht Dresden gelingt, wird darüber entscheiden, wer am Samstag das womöglich nächste Wunder erlebt. Vielleicht sogar ein blaues.

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