Lokalsport

„Das Universum hat es gut mit mir gemeint“

Wandern Lisa Mümmler ist fast blind. Ihrem Bewegungsdrang tut das aber keinen Abbruch. In Lenningen hat die 32-Jährige eine sportliche Heimat gefunden. Von Sandra Langguth

Lisa Mümmler in ihrem Element: Die 32-Jährige ist gerne und am liebsten täglich in der Natur unterwegs. Da ihr helles Sonnenlicht zusetzt, trägt sie eigentlich immer eine Sonnenbrille. So kann sie von ihren fünf Prozent Sehstärke das Optimum herausholen.Foto: pr

Viele denken, dass ­Blinde nur zu Hause rumsitzen und Hörspiele hören. Aber das stimmt überhaupt nicht“, sagt Lisa Mümmler und lacht. Die junge Frau mit den blonden Locken sitzt sowieso eher selten rum. Am liebsten ist sie in Bewegung, geht wandern, mit ihrem Hund spazieren, macht Krafttraining oder Yoga. Wenn sie etwas Neues ausprobieren möchte, dann macht sie das einfach. Doch so war das nicht immer.

Obwohl sie von Geburt an nur fünf Prozent Sehvermögen hat, besucht sie als Kind in Stuttgart ganz normal Kindergarten, Grundschule und Gymnasium. „Es gibt zwar in Marburg ein Internat für Blinde und Sehbehinderte, aber das kam mir so unecht vor. Die Welt ist ja nicht extra für Sehbehinderte“, erzählt die 32-Jährige, die vor allem die Pubertät als belastend in Erinnerung hat. „Von manchen Mitschülern ist man da schon gemobbt worden, und auch bei einigen Lehrern habe ich im Nachhinein gedacht: echt jetzt? Sie haben Pädagogik studiert?“ Im Klassenzimmer kam Lisa Mümmler mit verschiedenen Hilfsmitteln wie Lesegerät, Tafelkamera, Monokular und später einem Laptop ganz gut klar, im Sportunterricht wurde es da schon schwieriger. „Geräteturnen war voll mein Ding, und auch sonst hab ich alles mitgemacht, was ich konnte. Leider gab es aber auch noch die unsäglichen Ballsportarten. Da habe ich immer genau gespürt, dass ich nicht dazugehöre“, erinnert sie sich. Während die anderen Hand-, Volley- oder Basketball spielten, saß sie nur rum. „Vielleicht hätte es da auch Alternativen gegeben.“ In der 11. Klasse gab sie schließlich auf und holte sich ein Attest.

Nach der zeitweisen Begeisterung fürs Eiskunstlaufen und Schwimmen folgte eine längere No-Sports-Phase. „Als ich dann später in Heidelberg Germanistik und Philosophie studiert habe, war ich jeden Tag spazieren. Oft vier Stunden und länger. Das hat sich zur richtigen Wanderlust entwickelt.“ Eine Tour mit dem Blinden- und Sehbehindertenverband enttäuschte die sportliche junge Frau jedoch bitter. „Das war überhaupt keine Wanderung, sondern ein chilliger Spaziergang, bei dem die ganze Zeit nur übers Essen geredet wurde.“ Als sie kurz darauf über einen Newsletter auf die Ausschreibung des Bewegungszentrums Pfulb in Lenningen stieß, in der für die Begehung des Jakobsweges geworben wurde, war sie überglücklich. „Das Universum hat es wohl gut mit mir gemeint.“

Und in der Tat: Seit der ers­ten Tour vor drei Jahren ist Lisa Mümmler dem Team um Initiatorin Gabi Kazmaier in Lenningen treu geblieben und kümmert sich sogar um den Internetauftritt des Zentrums. „Es ist einfach schön bei uns. Hier kommen Gleichgesinnte zusammen, und wenn einer eine Sehbehinderung hat, dann unterstützen ihn die anderen.“ Dank der starken Gemeinschaft hat sich Lisa Mümmler sogar selbst schon als Wanderführerin betätigt. Einer zwölfköpfigen Gruppe zeigte sie ihre zweite Heimat Heidelberg. „Es war total schön, dass mal alle mir nachgelaufen sind.“

Im Moment ist wegen Corona allerdings nicht viel geboten. „Wir nutzen die Pause und stellen uns neu auf“, erklärt die 32-Jährige. Wenn sie nicht gerade mit ihrem Lebenspartner oder Hund Harry unterwegs ist, der ihr als ausgebildeter Blindenführhund zur Seite steht, kümmert sich Lisa ­Mümmler um ihren Blog „Lizzis Welt“, in dem sie unter dem Motto „authentisch Leben mit Sehbehinderung“ über ihre Alltagserlebnisse schreibt. Wer reinschauen will, findet die Seite unter ­lizziswelt.com im Netz.

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