Lokalsport

David gegen Goliath wie einst im Dezember

Fußballer aus der Region treffen im DFB-Pokal mit Nöttingen morgen auf den FC Bayern – Erinnerungen an das Unterboihinger Jahrhundertspiel

Für die aus Wendlingen beziehungsweise Großbettlingen stammenden Simon Frank (24) und Colin Bitzer (19) wird ein Traum wahr: Die beiden Fußballer des Oberligisten FC Nöttingen treten morgen im DFB-Pokal gegen den FC Bayern München an. Die David-Goliath-Partie weckt Erinnerungen an das Unterboihinger „Jahrhundertmatch“ am 18. Dezember 1976 im Olympiastadion.

DFB-Pokal, 3. Runde 18.12.1976FC Bayern München - TV Unterboihingen 10:1Gerd Müller Kabitän Lothar Großmann (re.)
DFB-Pokal, 3. Runde 18.12.1976FC Bayern München - TV Unterboihingen 10:1Gerd Müller Kabitän Lothar Großmann (re.)

Nöttingen. 30 000 Zuschauer werden morgen kommen, das Karlsruher Wildparkstadion ist längst ausverkauft. Erinnerungen an das Jahrhundertspiel des TV Unterboihingen gegen den FC Bayern München werden in diesem Zusammenhang wach: 1976 saß Simon Franks Großvater Josef als Betreuer auf der TVU-Bank. Knapp 40 Jahre später versucht nun der Enkel im DFB-Pokal sein Glück.

Nöttingen ist ein kleiner Flecken mit 2 500 Seelen und seit Wochen groß im Gespräch. Der Ortsteil von Remchingen liegt genau zwischen Pforzheim und Karlsruhe. „Mit der Partie gegen meinen Lieblingsverein ist für mich ein Traum wahr geworden“, sagt Frank und berichtet von einem riesigen Drumherum, nachdem das „Hammerlos“ feststand. Er musste für Familienangehörige, Freunde und Bekannte mehr als 100 Tickets besorgen.

Ärgern wolle man den deutschen Rekordmeister schon ein bisschen, hat sich der linke Verteidiger vorgenommen. Sein Team will die Atmosphäre genießen und sich auf keinen Fall abschießen lassen. Und dann hat Frank noch ein Ziel: Das Trikot seines Idols Mario Götze. Gegen den Ex-Dortmunder hat er schon einmal mit der A-Jugend des VfB Stuttgart gekickt.

Beim TV Unterboihingen hat Simon Frank das Fußballspielen gelernt. TVU gegen Bayern – war da nicht mal was? Natürlich. Viele ältere Fans können sich noch gut daran erinnern: Am 18. Dezember 1976 trat der Vertreter aus der 2. Amateurliga im Münchner Olympiastadion beim FC Bayern an. 6 000 Anhänger begleiteten den TVU zum sogenannten Jahrhundertspiel in die bayerische Landeshauptstadt.

„Dieser Pokalhit war ein Riesenerlebnis“, blickt Lothar Großmann zurück. Er war damals einer von fünf „Großmännern“ in der Elf und trug als Linksverteidiger die Kapitänsbinde. Mit Torjäger Gerd Müller, der später fünf Treffer erzielte, tauschte er den Wimpel. Neben dem „Bomber der Nation“ bot Bayern-Trainer Dettmar Cramer auch Sepp Maier, Georg Schwarzenbeck, Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge auf. „Kaiser“ Franz Beckenbauer wurde geschont und musste mit ansehen, wie die Gäste in der 4. Spielminute einen Foulelfmeter zugesprochen bekamen. Der gefoulte Theo Stetter verlud zwar Maier, setzte den Ball jedoch neben das Tor. Bis heute ärgert er sich über die verpasste Chance. Am Ende hieß es standesgemäß 10:1, nachdem Bruno Großmann mit einem raffinierten Freistoß in der 68. Minute für die Schützlinge von Spielertrainer „Bubi“ Röcker das Ehrentor markiert hatte.

Die TVU-Helden von damals treffen sich noch regelmäßig, um alte und schöne Erinnerungen aufzufrischen. Mittlerweise sind sie in die Jahre gekommen. Lothar Großmann zum Beispiel ist 66 und nach wie vor fußballbegeistert. Simon Frank kennt er nicht persönlich, doch er weiß, dass der ehemalige TVUler ein großes Talent ist. Sein Rat an ihn für den Sonntag: „Schön locker bleiben, denn Nöttingen hat nichts zu verlieren.“

Franks Opa Josef saß übrigens 1976 als Betreuer auf der TVU-Bank, sein Vater Bernd war als Zuschauer im Olympiastadion. Beide werden im Wildparkstadion sein und genau beobachten, wie sich Simon gegen Neuer, Boateng, Lahm, Alonso, Lewandowski und Co. schlägt. „Ein Tor wäre natürlich riesig“, meint der 24-Jährige, der schon etliche Stationen in seiner Karriere durchlaufen hat. Vom TVU ging’s zum VfB Stuttgart. Dann folgten die Kickers, wieder der VfB, Großaspach (unter dem jetzigen VfB-Trainer Alexander Zorniger), Ulm und Nöttingen. Seit eineinhalb Jahren wohnt der Wendlinger in Pforzheim und studiert dort Betriebswirtschaftliches Marketing. Ganz auf das Pferd Fußball will er dann doch nicht setzen.

Welch Trubel in den zurückliegenden Tagen und Wochen über die Nöttinger hereingebrochen ist, davon kann auch der zweite Fußballer aus dem Nürtinger Raum berichten, der es am Sonntag mit dem FC Bayern aufnehmen wird: Colin Bitzer. „Man muss schon aufpassen, dass man konzentriert trainieren kann. Bei aller Freude soll der Trubel ja nicht die Saisonvorbereitung stören“, sagt der 19-Jährige, der erst in diesem Sommer vom SSV Reutlingen zum FCN gewechselt ist.

Ob Bitzer seine Einsatzzeit gegen den FCB erhalten wird, steht noch in den Sternen. „Wenn nicht, dann wäre die Enttäuschung natürlich erst einmal groß“, sagt der Großbettlinger. Ein Ass hat Bitzer dann allerdings doch noch im Ärmel. „Eigentlich sollte ich den Trainer auf meine persönliche positive Bilanz gegen den FC Bayern hinweisen“, sagt er und lacht: Zwei Mal hat er mit den VfB-B-Junioren die Münchner besiegt.

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