Lokalsport

Der Bolt-Bezwinger

Ein offizieller Titel ist es freilich nicht, aber die Enkel werden eines Tages sicher Augen machen: Tobias Unger kann als einziger Deutscher von sich behaupten, den schnellsten Mann der Welt und erfolgreichsten WM-Teilnehmer aller Zeiten geschlagen zu haben.

Auf die Zähne zu beißen, lohnt: Tobias Unger ist der einzige Deutsche, der jemals schneller als Usain Bolt war.
Auf die Zähne zu beißen, lohnt: Tobias Unger ist der einzige Deutsche, der jemals schneller als Usain Bolt war.

Kirchheim. Wer im Fußball den FC Bayern bezwingt, lässt sich hinterher gerne Erinnerungs-Shirts mit dem Aufdruck „Rekordmeister-Bezwinger“ oder ähnlichen Stolzverewiger-Slogans anfertigen. Tobias Unger ist da bescheidener. Den 34-Jährigen wird man in Zukunft kaum mit einem „Bolt-Bezwinger“-Dress durch Kirchheim laufen sehen. Trotzdem ist er der einzige Deutsche, der weiß, wie sich anfühlt, vor dem erfolgreichsten WM-Teilnehmer der Leichtathletikgeschichte ins Ziel zu kommen – diesen Status hat Usain Bolt seit vergangenen Sonntag, als er mit der jamaikanischen Staffel in Moskau sein insgesamt achtes Gold bei Weltmeisterschaften holte und damit den legendären US-Amerikaner Carl Lewis übertrumpfte.

Vor acht Jahren konnte freilich noch niemand ahnen, dass Bolt einmal der König der Sprinter sein würde. Im verregnet-kalten Helsinki steht am 10. August 2005 das erste WM-Halbfinale über 200 Meter an. Für Deutschland am Start: Tobias Unger, damals mit 26 Jahren im Zenit seiner Laufbahn – wenige Monate zuvor war der „Schwabenpfeil“ in Budapest Hallen-Europameister über 200 Meter geworden, hatte sich anschließend in Wattenscheid über 100 und 200 Meter souverän die Deutschen Meistertitel geholt und ganz nebenbei noch den Deutschen Rekord über die halbe Stadionrunde geknackt, der bis heute gilt.

In der Form seines Lebens stürmt Unger bei 0,1 Metern Gegenwind an jenem Augusttag in der finnischen Hauptstadt nach 20,63 Sekunden in den 200-Meter-Endlauf. Fünf Hundertstelsekunden nach ihm kommt Usain Bolt ins Ziel, erreicht trotzdem das Finale, wo ihn Unger als Siebter jedoch erneut hinter sich lässt.

Dass Bolt damals erst 18 und leicht angeschlagen war, mindern Stolz und Freude bei Unger acht Jahre später nicht, im Gegenteil. „Obwohl er so jung war, galt er als Geheimfavorit, schließlich war er ja Juniorenweltmeister und schon unter 20 Sekunden geblieben“, weiß Unger, der seit 2005 ohnehin in den Leichtathletik-Annalen auftaucht: Es war bis heute die letzte Finalteilnahme eines deutschen Sprinters bei WM, EM oder Olympia.

Ob er seinen Endlauf-Coup noch einmal wiederholen kann, ist fraglich. Als fest angestellter Athletik-Trainer bei den Nachwuchskickern des VfB Stuttgart, mit denen er unlängst im Trainingslager am Bodensee war, bleibt nur wenig Zeit zum Trainieren. Vom Karriereende will Unger trotzdem (noch) nicht reden. „Die Europameisterschaft in Zürich nächstes Jahr ist immer noch ein Ziel“, blickt er voraus. Im dann reifen Sprintalter von 35 noch einmal an die goldenen Zeiten von 2005 anknüpfen – das wär was für den Bolt-Bezwinger.

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