Lokalsport

Der Debütant liefert

Jannik Steimle besteht Feuertaufe im Trikot von Felbermayr Simplon – Chancen auf Teilnahme an Österreich-Tour

Manch einer hatte bezweifelt, dass er es schafft. Nach einem halben Jahr als Jungprofi in Österreich gilt Jannik Steimle als die Entdeckung der Saison.

Szenen wie diese waren bisher selten: Jannik Steimle (links) bietet seinen Gegnern am Berg Paroli.Foto: Uli Hugger
Szenen wie diese waren bisher selten: Jannik Steimle (links) bietet seinen Gegnern am Berg Paroli.Foto: Uli Hugger

Weilheim. Gulasch mit Knödel, das war einmal. Auch die Liebe zum Radsport geht durch den Magen. Er hat sechs Kilo runter, ein paar Flausen weniger im Kopf und redet in druckreifen Sätzen, wenn es um seine sportliche Karriere geht. Wer sich auskennt im Radsport, ist überzeugt, dass die erst ganz am Anfang steht und möglicherweise erst am Gipfel enden wird. „Jannik ist die positive Erscheinung schlechthin im Team“, sagt sein sportlicher Mentor Andreas Grossek über den 20-Jährigen aus Weilheim. „Er hat alle unsere Erwartungen bisher weit übertroffen.“

Grossek ist Teammanager im Rennstall Felbermayr Simplon im österreichischen Wels. Einer Talentschmiede, die seit zwölf Jahren mit konstanten Erfolgen dem Profinachwuchs als Sprungbrett dient. Rennfahrer wie der mehrfache österreichische Meister Riccardo Zoidl, Patrick Konrad oder Gregor Mühlberger haben beim Continental-Team aus der Nähe von Linz die harte Schule des Straßenradsports durchlaufen. Für den früheren Bahnspezialisten Jannik Steimle war es nach seinem Wechsel im Winter aus Freiburg erst die zweite Station in einer Straßen-Equipe und der sprichwörtliche Sprung ins kalte Wasser.

Nach nur wenigen Monaten hat er alle Zweifler abgeschüttelt. Mehr Anlauf hat er nicht gebraucht, um vom Wasserträger zum Edelhelfer der beiden Kapitäne Daniel Schorn und Markus Eibegger aufzusteigen. Eibeggers Gesamtsieg bei der Tour in Aserbaidschan vor wenigen Wochen war auch mit sein Verdienst. Dass er sich auf der vorletzten Etappe nach einem Kettendefekt am Berg kurz vom Teamfahrzeug hat mitziehen lassen – ein klassischer Anfängerfehler. Dem Rennkommissar war diese Szene nicht entgangen. Am Ende des Arbeitstages war Steimle disqualifiziert. „So etwas machst du einmal und dann nie wieder“, meint er selbstkritisch.

Vielleicht ist es das, was ihn vom Heißsporn früherer Tage heute unterscheidet. Aus Fehlern zu lernen, Disziplin zu üben, demütig zu sein, ohne zu zaudern. Das sind Züge, die einen erfolgreichen Profi auszeichnen. Alles andere ist ihm in die Wiege gelegt. Seine Hebel, seine Leidensfähigkeit. „Ich kenne keinen, der sich im Rennen so ins Koma fahren kann“, hat ein früherer Trainingskollege einmal über ihn gesagt. Steimle selbst sagt: „Ich profitiere viel von der größeren Rennhärte, die mir hier abverlangt wird.“ Vielleicht das Wichtigste: Er kommt immer besser über die Berge. Wo er im vergangenen Jahr noch ums nackte Überleben kämpfte, ist er heute ein Kandidat fürs Podium. Bei der Berner Rundfahrt am vergangenen Wochenende warteten über eine Renndistanz von 170 Kilometern immerhin 2 500 Höhenmeter auf die Fahrer. Steimle hielt die Führungsgruppe bis zum Schlussanstieg. Dann musste er reißen lassen, gewann am Ende den Sprint der Verfolger und landete noch auf Platz 33. Beobachter sehen in ihm schon einen künftigen Mann für die großen Klassiker, einer mit dem nötigen Punch, einer hohen Endschnelligkeit und passablen Kletterkünsten. Steimle selbst bleibt bescheiden, träumt vorsichtig von einem Start im Juli bei der Österreich-Tour. Für das Team ist es das Saison-Highlight, für ihn wäre es der Höhepunkt seiner noch jungen Karriere. Das Niveau wird hoch sein, weil viele, die auf die Tour de France verzichten, die Austria-Rundfahrt als Olympia-Vorbereitung nutzen.

Teamchef Andreas Grossek ist einer, der vorsichtig bremst, ohne Hoffnungen zu zerstören. „Für Jannik wäre das eine gewaltige Herausforderung“, sagt Grossek. „Da ist fast kein Kilometer flach.“ Mitte Juni wird er den Kader bekannt geben, und Grossek meint: „Nicht ausgeschlossen, dass er dabei ist.“

Vernunft ist im Spitzensport ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Das weiß auch der Teamchef, der den Jungspund kurz vor dem Start bei der Kroatien-Tour Mitte April noch aus dem Kader strich, weil das Rennprogramm die Wochen zuvor extrem hart war. Er weiß, wie wichtig ein behutsamer Aufbau ist, wenn der nächste Schritt gelingen soll. „Wenn er in zwei, drei Jahren zu einem größeren Team wechseln sollte, hat er diese Chance nicht mehr“, sagt Grossek. „Dann muss er liefern.“

Dass er in seinem zweiten U 23-Jahr schon mehr liefert, als ihm die meisten zugetraut hätten, ist sein eigener Verdienst. Er hat die Ernährung umgestellt, seine Trainingsfaulheit abgelegt und macht abends um neun das Licht aus. Seine Wohnung in Passau, in die er im Februar gezogen ist, hat er nach drei Monaten wieder gekündigt. Eine fremde Umgebung, ständig auf Reisen, kaum Möglichkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Inzwischen ist er zurückgekehrt ins Elternhaus nach Weilheim. Hier ist sein Basislager, hier betreibt er sein Fernstudium in Fitness-Management.

Vieles ist jetzt wie früher, wenn er an freien Abenden eine schnelle Runde mit den alten Kumpels dreht. Nur Mamas Gulasch kommt nicht mehr auf den Tisch.

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