Lokalsport

Der Kater nach der Party

Trend Die Krise im Frauen- und Mädchenfußball setzt sich auch im Bezirk Neckar-Fils ungebremst fort. Die Zahl der Teams ist inzwischen auf weniger als die Hälfte geschrumpft. Von Reimund Elbe

Die ganz große Euphorie ist verflogen: In den Fußballvereinen sind es immer seltener Frauen, die Erfolge bejubeln, wie hier die
Die ganz große Euphorie ist verflogen: In den Fußballvereinen sind es immer seltener Frauen, die Erfolge bejubeln, wie hier die Spielgemeinschaft Wendlingen-Ötlingen den Aufstieg in die Verbandsliga.Foto: Markus Brändli

Josef „Sepp“ Blatter war‘s. Der damals noch weitgehend skandalfreie Fifa-Funktionär ließ sich 1995 zu einem epochalen Satz verleiten. „Die Zukunft des Fußballs ist weiblich“, ließ der Schweizer im Überschwang seiner Gefühle über die langsam, aber stetig steigende Popularität der Frauenkickerei offiziell verlauten. Blatter lag zunächst nicht falsch mit seiner gewagten Prognose. Auch in Deutschland explodierte das Interesse.

Anzeige

22 Jahre nach den großen Worten scheint der Gipfel hierzulande längst überschritten, der Abstieg durch unwegsames Gelände erfolgt in immer höherer Schrittfolge. Das schwindende Interesse der Frauen und Mädchen macht sich auch im Bezirk Neckar/Fils bemerkbar. Heinz Thumm steht dort wie kein Zweiter für die Förderung des Frauenfußballs. Doch was der Bempflinger seit einigen Jahren jeden Sommer bei Staffeltagen verkünden muss, ist nicht nur für ihn harter Tobak. Waren es einst fast 100 Frauen- und Mädchenteams im Bezirk, schrumpfte die Zahl zuletzt auf 53. In der kommenden Saison werden es noch ganze 45 sein.

Immer mehr steigen aus

Mit dem VfB Neuffen (siehe Interview), dem TV Birenbach und dem TSV Wolfschlugen mussten sich drei weitere Vereine komplett von der Jugendarbeit im Mädchenbereich verabschieden. „Das seit zwei, drei Jahren deutlich nachlassende Interesse am Frauenfußball setzt sich leider im Juniorinnenbereich ungebremst fort“, muss Thumm feststellen. Zwar konnte im Aktivenbereich der Trend gebremst werden, umso rasanter setzt sich dieser jedoch im Mädchensektor fort. 18 Frauenmannschaften kicken in der demnächst beginnenden Runde auf Bezirksebene, dazu kommen noch die Verbandsligamannschaften des FV 09 Nürtingen und der Aufsteiger TSV Wendlingen (Spielgemeinschaft mit dem TSV Ötlingen) sowie die vier Vereine der Regionenliga (TSV Deizisau, SGM Jebenhausen/Bezgenriet, SGM VfB Reichenbach/Süßen sowie Aufsteiger SV Göppingen ) - macht 24 Mannschaften in 19 Vereinen.

Das Problem: Neun dieser 19 Klubs haben keine Mädchenmannschaft mehr im Spielbetrieb. Folglich ist absehbar, wann der Spielbetrieb mangels Nachwuchs versiegt. Heinz Thumm sieht durchaus gesellschaftliche Entwicklungen als Ursache. Ein größeres Freizeitangebot, doch die Klubs mag er nicht aus der Pflicht nehmen. „Die Vereine müssen ihre Anstrengungen verstärken, damit der Mädchen- und Frauenfußball im Bezirk auf Dauer lebensfähig bleibt“, lautet sein eindringlicher Appell.

Die Angebote des Württembergischen Fußballverbandes (WFV) speziell im Frauen- und Mädchenfußball würden zu selten genutzt, glaubt Thumm. Das schwindende Interesse am einst stark frequentierten „Tag des Mädchenfußballs“ ist für ihn ein Paradebeispiel. Auch der Besuch von Seminaren lasse deutlich zu wünschen übrig. Seine Worte finden in den Vereinen zwar durchaus Gehör, doch Gegensteuern ist schwierig. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass häufig auch Streitereien in Frauenteams Gründe für das Ende des Spielbetriebs seien. Engagierte Trainer beklagen zudem die mangelnde Akzeptanz für den Frauenfußball in vielen Vereinen.

Wer sich in diesen stürmischen Zeiten personell über Wasser hält, tut dies vor allem aufgrund örtlicher Besonderheiten. „Wäre Stuttgart keine Studentenstadt, hätten wir schon jetzt richtig Probleme“, heißt es beispielsweise im Nachbarbezirk bei der SpVgg Stuttgart-Ost. Aktuell sucht der Klub händeringend einen Trainer für die E-Juniorinnen. Nicht der einzige Verein, in dem es an Funktionsträgern mangelt.

Spielgemeinschaft letzte Option

Letzte Option bleibt vielerorts nur noch die Gründung von Spielgemeinschaften. Die SGM Wendlingen/Ötlingen, unter dem Label TSV Wendlingen neuerdings Verbandsligamannschaft, ist ein Beispiel für sportlichen Erfolg. Doch auch die Bildung solcher Zweckehen im Jugendbereich scheitern mittlerweile oft mangels Spielerinnen. Als Problemlöser taugt somit selbst dieses Modell im Juniorinnenbereich offenbar nicht mehr uneingeschränkt.

Ausnahme dank breiter Unterstützung

Gegenbeispiele gibt es freilich auch. Dass es funktionieren kann, zeigt der TSV Eschenbach. In der lediglich rund 2 200 Einwohner zählenden Gemeinde im Kreis Göppingen sind vier Altersklassen der Juniorinnen besetzt - in heutigen Zeiten fast schon eine kleine Sensation. Kenner schreiben das Hoch unter anderem der auffallend großen Unterstützung des Hauptvereins für den Mädchenfußball zu. rei