Lokalsport

Der Mitgliederschwund ist gestoppt

Ehrenamt Im Kreis Esslingen sind mehr als 150 000 Menschen Mitglied in einem Sportverein. Beim Sportkreistag in Kirchheim glänzen die meisten trotzdem durch Abwesenheit. Von Reimund Elbe

Zwei, die für den Sportkreis anpacken: Präsident Kurt Ostwald (links) und sein Vize Bernhard Mai beim Sportkreistag in Kirchheim
Zwei, die für den Sportkreis anpacken: Präsident Kurt Ostwald (links) und sein Vize Bernhard Mai beim Sportkreistag in Kirchheim. Foto: Reimund Elbe

Der Vereinsmitgliederschwund ist gestoppt: Eine der Kernbotschaften beim Sportkreistag im Sportvereinszentrum des VfL Kirchheim. Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker war da, zudem der Präsident des Württembergischen Landessportbundes, Andreas Felchle. Die Landtagsabgeordneten Andreas Schwarz (Grüne) und Andreas Kenner (SPD) ergriffen am vergangenen Samstag im Sportvereinszentrum an der Jesinger Straße ebenso für kurzweilige Reden das Wort.

Was allerdings weitgehend fehlte, waren die Vereinsvertreter. Erstaunen über das Desinteresse der Klubs (siehe auch Kommentar) an der im Zwei-Jahres-Turnus angesetzten Tagung äußerte insbesondere Präsident Felchle. „Kürzlich war ich beim Sportkreistag Schwäbisch Hall, dort waren rund 150 Vereinsvertreter in einer vollen Veranstaltungshalle vor Ort“, zog der hauptamtlich als Bürgermeister von Maulbronn Tätige den schonungslosen Vergleich.

Die Zahlen des Kirchheimer Treffens wirken dagegen regelrecht deprimierend: 14 Vereins- und sechs Verbandsvertreter füllten selbst den kleinen Tagungssaal im Sportvereinszentrum nicht einmal zur Hälfte. Angesichts von rund 380 Klubs im Sportkreis und 52 Verbänden erschreckend schwache Zahlen.

Sportkreis-Präsident Kurt Ostwald und sein Team (allesamt wiedergewählt) zogen die Veranstaltung trotz Teilnehmerflaute routiniert durch. Finanzreferent Wolfgang Kraaz lieferte dabei mehr als eine schwarze Null ab. „Das Plus in der Kasse ist auch dem Zuschuss durch den Landkreis Esslingen zu verdanken“, sagte das Präsidiumsmitglied. 2017 hatte der Landkreis erstmals nach einer 13 Jahre anhaltenden Pause einen Zuschuss gewährt. „Damit wurde eine Lücke geschlossen, denn Esslingen war der einzige Sportkreis in Württemberg, der zu diesem Zeitpunkt keine Unterstützung vom Landkreis erhielt“, zeigte sich WLSB-Präsident Felchle erfreut. Die 15 000- Euro-Spritze trug dazu bei, dass das Guthaben des Sportkreises im vergangenen Jahr auf 14 084,11 Euro anwuchs. „Wir werden aus diesem Guthaben heraus verstärkt in das Thema Sportabzeichen investieren“, kündigte Kraaz an.

Herausforderung Ganztagsschule

Sportkreis-Präsident Ostwald betonte, welche Chancen Kooperationen und Fusionen in der Vereinswelt böten. „Diese Zusammenarbeit entlastet einerseits das Ehrenamt, anderseits kann sie durch neu geschaffene, hauptamtliche Stellen zur Professionalisierung der Vereine beitragen“. Das Thema Ganztagesschulen werde den Sportkreis des Weiteren beschäftigen. „Wir müssen deshalb die Zusammenarbeit der Sportvereine mit den Schulen weiter verbessern“, forderte er. Der Sportkreis-Präsident wies zudem darauf hin, dass Vereine gerade bei Investitionen in Sportanlagen nicht vergessen sollten, Zuschüsse zu beantragen. „Wir haben einen aktuellen Fall, in dem der Verein womöglich vor der Insolvenz steht, auch weil er bei seiner Investition in die Sportanlage vergessen hat, solche Zuschüsse abzurufen“, unterstrich Ostwald.

Noch vor zwei Jahren hatte er vor weiter fallenden Mitgliederzahlen in den Vereinen gewarnt, diesmal gab es Entwarnung. Zum 1. Januar 2017 - neuere Zahlen lagen wegen noch nicht eingegangener Meldungen nicht vor - waren in den Klubs des Sportkreises 152 204 Mitglieder registriert, damit rund 1 100 mehr als im Jahr zuvor. „Dies haben wir auch neuen Sportvereinszentren zu verdanken“, sagte Ostwald.

Besonders der VfL Kirchheim profitierte offenbar von der neuen Gemengelage mit aktuell rund 4 300 Mitgliedern, gefolgt vom TV Nellingen (3 080) und dem Schwimmsportverein Esslingen (3 013). Der TV Bissingen führt das Feld bei den absolvierten Sportabzeichen mit 164 bestandenen Prüfungen im vergangenen Jahr an, vor der TS Esslingen (144), dem VfL Kirchheim (108) und dem TSV Wendlingen (96). Insgesamt wurde das Sportabzeichen im vergangenen Jahr 2 637 mal abgelegt.

Kommentar: Desinteresse erschreckt

Nicht einmal fünf Prozent aller Vereine waren beim Sportkreistag am vergangenen Samstag in Kirchheim vertreten. Enttäuschend wenige. Dieser Fall von Desinteresse wirft vor allen Dingen ein schlechtes Licht auf die Klubs selbst. Die schwache Resonanz ist umso peinlicher, weil der aktuelle WLSB-Präsident sowie die Kirchheimer Oberbürgermeisterin und zwei Landtagsabgeordnete vor Ort das Desaster live miterleben mussten. Erstaunlich ist die Lethargie der Vereine auch, weil der Sportkreis als Servicepartner für die Vereine eine tragende Rolle spielt. Die Nichtteilnahme ist schon allein aus diesem Gesichtspunkt unsolidarisch. Wenn zudem bei einem Vereinsjubiläum manch Klubvorsitzender in Sonntagsreden den Mangel an ehrenamtlichem Engagement anprangert, sollte er nicht vergessen, dass auch Personen wie Sportkreis-Präsident Ostwald und dessen Team Ehrenämtler sind, die ihre Freizeit für die Vereine opfern. Ohne diese Personen gäbe es ein Problem mehr für viele Vereine. Allerdings muss sich der Sportkreis kritisch hinterfragen, weshalb das Tagungsangebot nur so mangelhaft angenommen wird. Einen richtigen Weg hat der Sportkreis mit Impulsreferaten wie vor zwei Jahren zum demografischen Wandel und dessen Auswirkungen auf die Sportvereine oder diesmal zum Thema Sportvereinszentren bereits eingeschlagen. Doch solche Exklusivinformationen allein scheinen nicht zu genügen. Ursachenforschung ist angesagt - zum einen beim Sportkreis, zum anderen jedoch noch viel intensiver in den Führungsgremien der Vereine. Reimund Elbe

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