Lokalsport

Der nächste Schritt zur Reife

Felix Pohl startet bei der Turn-DM in Gießen erstmals bei den Männern

Seine Jugendtitel hat er irgendwann aufgehört zu zählen. Vor einem Jahr war er Deutscher Juniorenmeister. Heute und am Sonntag tritt Felix Pohl zum ersten Mal bei einer deutschen Meisterschaft im Kunstturnen der Männer an. Ein weiterer Titel liegt für den 19-jährigen Kirchheimer in Gießen zwar außer Reichweite. An Zielen mangelt es dennoch nicht.

Kirchheim. Die magische Marke liegt bei 82,5 Punkten. Darauf ruht der Fokus. „Alles andere ist zweitrangig“, sagt Felix Pohl. Mit diesem Resultat im Mehrkampf heute hätte Kirchheims erfolgreichster Turner die Norm für den deutschen B-Kader bestätigt. Eine entscheidende Weichenstellung für den Verlauf seiner weiteren Karriere. Was bedeuten würde, dass ihm ab November die Tür zur Sportfördergruppe der Bundeswehr offenstünde. „Eigentlich gut machbar“, sagt er. Aber was heißt das schon, in einem Sport, wo Nuancen über Erfolg oder Scheitern entscheiden und jeder kleinste Fehler gnadenlos bestraft wird.

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Felix Pohl, das Kraftpaket mit der oft regungslosen Miene, wirkt meist so cool, dass man den Eindruck nie los wird, dieser Bursche hält auch dem heftigsten Sturm problemlos stand. Ein Grund mag sein, dass er früh gelernt hat, mit Leistungsdruck umzugehen. Der Rest ist Naturell.

Sein Wechsel zum Meister MTV Stuttgart vor zwei Jahren hat zur Gesamtreife beigetragen. Alle fünf Wettkämpfe in dieser Saison für den MTV bestritten, beste Aussichten aufs Erreichen des Finales am 5. Dezember in Karlsruhe, wo die Stuttgarter ihren Mannschaftstitel verteidigen wollen. Es läuft gut für das Eigengewächs des VfL Kirchheim, der bis auf eine Schleimbeutelentzündung in der Schulter in diesem Jahr verletzungsfrei durchkam. „Frei von Blessuren ist man als Turner nie“, meint Felix Pohl. „Vielleicht irgendwann nach der Karriere.“

Die DM startet für die Männer heute um 13.30 Uhr mit dem Mehrkampf. Die besten Sechs in jeder Disziplin stehen morgen ab 12 Uhr dann in den Gerätefinals. Felix Pohl wird in seiner Paradedisziplin am Boden und am Reck starten, wo er seinen Platz im Verein zuletzt für den ehemaligen Vizeweltmeister Fabian Hambüchen räumen musste. Sein Ziel klingt noch zurückhaltend: ein Platz unter den ersten zehn. Im vergangenen Jahr war er als Junioren-Turner außer Konkurrenz mit 81,3 Punkten immerhin glänzender Sechster geworden.

Der Weg zum Titel im Mehrkampf wird wohl erneut nur über seinen Teamkollegen führen: Titelverteidiger Fabian Hambüchen geht schon gewohnheitsmäßig als Top-Favorit an den Start. Es wäre sein neunter Erfolg, nachdem er im Vorjahr in Stuttgart den siebenmaligen Mehrkampf-Champion Eberhard Gienger in der ewigen Bestenliste endgültig hinter sich gelassen hat.

In Gießen geht es am Wochenende aber nicht nur um nationale Titel. Die deutsche Meisterschaft ist gleichzeitig der erste von insgesamt zwei Qualifikations-Wettkämpfen für die WM in Glasgow, die am 23. Oktober beginnt. Für Felix Pohl ist es doppelt reizvoll, als einer unter zwölf möglichen Kandidaten mit im Boot zu bleiben: Die zweite Quali-Runde findet in zwei Wochen im Wohnzimmer des MTV Stuttgart, in der Scharrena statt. Kurze Wege und eine vertraute Umgebung verspricht auch ein anderer Termin, den sich der Kirchheimer im langfristigen Kalender bereits dick angestrichen haben dürfte. Als der Internationale Turnerbund (FIG) im Mai die Vergabe der Turn-WM 2019 bekannt gab, wurde auch im Hause Pohl in Kirchheim gejubelt: Stuttgart wird nach 1989 und 2007 zum dritten Mal Austragungsort der Welt-Titelkämpfe. Fabian Hambüchen stünde da kurz vor seinem 32. Geburtstag. Felix Pohl wäre 23 und damit im besten Athleten-Alter. Wenn das kein Ansporn ist.

Keine WM-Ambitionen aber dennoch Hoffnungen auf ein gutes Abschneiden in Gießen hat Sarina Maier vom TB Neckarhausen, die für den VfL Kirchheim in der zweiten Liga turnt. „Sturzfrei durchkommen und einen guten Wettkampf hinlegen“, formuliert ihre Trainerin Michaela Pohl das Ziel ihres 18-jährigen Schützlings. Für die Turnfamilie Pohl bedeuten nationale Wettkämpfe wie am Wochenende wie immer Einsatz an allen Fronten. Neben Mutter und Sohn ist auch Tochter Pia als Kampfrichterin unmittelbar am Wettkampfgeschehen beteiligt.