Lokalsport

Der neue Boss

Basketball Jonathon Williams hat sich in Windeseile zur Leitfigur im Kirchheimer Team entwickelt

Basketball KNights - Chemnitz
Basketball KNights - Chemnitz

Kirchheim. Es gibt vieles, auf das er derzeit mächtig stolz sein könnte. Auf seine Leistungskurve, die konstant nach oben zeigt, seit er vor zwei Jahren als Rookie vom College nach Deutschland kam. Auf die Führungsrolle im Kirchheimer Team, die er vom Start weg an sich riss. Auf den momentanen Erfolg der Mannschaft, der ihn selbst zu einem der auffälligsten Spieler in der zweiten Liga werden ließ. Worauf er am meisten stolz sei? Jonathon Williams setzt ein breites Lachen auf und legt ein Foto auf den Tisch. Shawn Michael ist neun Monate alt und reicht dem Papa mit etwas Glück bis zu den Knien. Er ist der wohl beste Grund, weshalb ein Ort wie Kirchheim für einen Basketballer wie ihn im Moment der richtige ist.

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Die kleine Familie fühlt sich hier wohl, genießt Sicherheit und kurze Wege. Der Kleine soll hier Deutsch lernen. Den Umzug im September von Hamburg haben er und seine Frau noch nie bereut. „Hamburg war der perfekte Einstieg nach dem College“, sagt Jonathon Williams. „Doch heute geht es nicht mehr alleine um mich.“ Obwohl er ein Stadtmensch ist, ein „City-Boy“, wie er sagt, aufgewachsen im kalifornischen Richmond, vermisst er in Kirchheim nichts. Die Familie seiner Frau lebt am anderen Ende der Republik in der Basketball-Provinz: in Quakenbrück, wo die Artland Dragons mehr als ein Jahrzehnt lang den Beweis erbrachten, dass erstklassiger Basketball kein Privileg der Metropolen ist. Hier haben sie sich kennengelernt. Er, der Jungprofi an seiner ersten Auslandsstation bei den Itzehoe Eagles in der Pro B, sie, die Cheerleaderin in der BBL.

Jetzt also Kirchheim. „Die erste Saison in der Pro A war hart“, sagt er. Er hat eine Weile gebraucht, um sich an das höhere Niveau zu gewöhnen. Am Ende war er zweitbester Scorer bei den Hamburg Towers hinter Bazoumana Koné, der jetzt für Ludwigsburg in der ersten Liga spielt. Der Leader, der er heute ist, war er im Team der Hanseaten nie. Im Trikot der Knights trägt der 26-Jährige die Hauptverantwortung, hat sich mit Ausnahme weniger Spielphasen noch keine Schwächen geleistet. 18,6 Punkte und 7,4 Rebounds im Schnitt, das sind Topwerte in der Liga.

Sein Erfolgsgeheimnis: Harte Arbeit und brennender Ehrgeiz. Wenn‘s schlecht läuft, leidet in der Halbzeitpause schon mal das Mobiliar in der Umkleide. Auf dem Parkett hat er sein Temperament im Griff. Ganze 15 Fouls bisher, bei regelmäßig mehr als 30 Minuten Spielzeit. Mit weniger Fouls kommt nur einer in der Liga aus: sein Teamkollege Seth Hinrichs. „Ich habe gelernt, meine Hände unter Kontrolle zu halten“, sagt Williams mit einem Lächeln.

Während des Heimaturlaubs im Sommer floss der Schweiß in Strömen. Tägliches Training, wenn es sein musste auch mitten in der Nacht. Besser wird man in der Off-Season, nicht während der Saison, hat ihm sein Trainer am College damals eingebläut. Jetzt zahlt es sich aus. Und Kirchheim passt. „Wir haben viel Talent im Team“, sagt Williams. „Mit einer Reihe brandgefährlicher Schützen, die auch mir mehr Freiraum ermöglichen.“

Morgen geht es gegen seinen alten Klub aus Hamburg. Ein besonderes Spiel? „Na klar. Man will zeigen, was man drauf hat“, sagt Williams. Vier seiner Ex-Teamkollegen sind noch dabei. Schließlich geht es auch um seine Zukunft. Die BBL wäre ein Traum. „Wenn es nicht klappt“, sagt er, „warum nicht länger in Kirchheim?“

Bernd Köble