Lokalsport

Der Pfeil trifft mitten ins Herz

Darts Die einst belächelte Sportart erlebt einen Aufschwung. Auch bei der TG Kirchheim, die mit einem Team inzwischen in der zweiten Liga spielt. Von Max Carlo Pradler

Volle Konzentration auf die Scheibe: Patrick Höhl vom Kirchheimer E-Dart-Team „DC Muh Kuh“.Foto: Jean-Luc Jaqcues
Volle Konzentration auf die Scheibe: Patrick Höhl vom Kirchheimer E-Dart-Team „DC Muh Kuh“.Foto: Jean-Luc Jaqcues

Das Geschehen im ersten Stock der Vereinsgaststätte der TG Kirchheim ist auf den ersten Blick alles andere als spektakulär. Zwei Männer werfen Pfeile auf eine Scheibe - und das ziemlich oft. Auch die Kulisse lässt im Vergleich zu anderen Sportarten deutlich zu wünschen übrig. Kaum ein Dutzend Zuschauer sitzt im Raum und verfolgt die Würfe. Von einer mitreißenden Stimmung kann hier wohl eher nicht die Rede sein.

Es geht um Darts. Doch wer einmal alle üblichen Klischees ausblendet und einen genaueren Blick riskiert, bemerkt schnell, dass aus der einstigen Bierzelt- und Kneipenzockerei inzwischen eine anerkannte Sportart geworden ist. Eine Sportart, die inzwischen weltweit zum Millionengeschäft geworden ist und auch in kleineren Vereinen immer mehr Begeisterung entfacht.

Auch bei der TG Kirchheim: Die Darts-Abteilung der Turngemeinde wurde vor eineinhalb Jahren gegründet und besteht mittlerweile bereits aus 65 Mitgliedern, die auf acht E-Darts- und zwei Steel-Darts-Mannschaften (siehe Infokasten) aufgeteilt sind. Und das mit großem Erfolg: Die „Breaking Darts“, eines der E-Darts-Teams, liegen momentan auf Rang vier der Bezirksoberliga, was national der zweithöchsten Spielklasse entspricht.

Einer der Drahtzieher ist Michael Benz: Der 44-Jährige ist Abteilungsleiter und Kapitän des zweiten Steel-Darts-Teams. Bereits seit 26 Jahren wirft er leidenschaftlich gern Pfeile auf die Scheibe. Über den aktuellen Boom freut er sich: „Die Tatsache, dass wir mit Max Hopp zurzeit einen deutschen Superstar haben, tut dem ganzen Sport zweifellos gut.“

Keine Frage: Das Wetteifern im Herunterspielen von 501 Punkten mittels möglichst präziser Würfe aus 2,37 Metern Entfernung auf winzig kleine Felder zieht seit Jahren immer mehr Menschen in den Bann. Spürbar sei das auch für die Darts-Abteilung der TG, die seit Jahren konstant wächst. Besonders stolz ist Benz auf die Altersstruktur innerhalb der Abteilung. Der jüngste Darter ist gerade einmal 15 Jahre alt, der älteste 65. Zudem besteht ein Viertel der Abteilungsmitglieder aus Frauen. Wieso das so ist? Michael Benz hat eine ganz einfache Erklärung: „Weil Darts ein Sport für jedermann ist. Hier haben alle erst mal die gleichen Voraussetzungen, das schweißt ungemein zusammen.“

Gerade junge Leute seien anfangs skeptisch, dann aber doch recht schnell vom feinfühligen Präzisionssport begeistert. Nicht zuletzt wegen des starken Gemeinschaftsgefühls. „Bei uns unterstützt jeder jeden. Wir sind wie eine große Familie. Diesen Wohlfühlfaktor gibt es in anderen Sportarten vielleicht nicht in dieser Art“, vermutet Benz. Durchaus möglich, schließlich fallen die Dartsspieler als Sportler zweifellos etwas aus der Reihe. Egal ob dick oder dünn, jung oder alt, klein oder groß - die körperliche Beschaffenheit spielt hier keine Rolle. Auch das „angeborene Talent“, welches vor allem in Ballsportarten oftmals gepriesen wird, sei an der Scheibe nicht nötig. „Mit viel Trainingsfleiß und mentaler Stärke kann man alles von Grund auf lernen und macht dabei sogar recht schnell Fortschritte. Das motiviert die meisten dann, dranzubleiben“, weiß der 44-Jährige.

Der beste Beweis für die Schnörkellosigkeit des Sports ist Phil Taylor. Der Brite galt über Jahre hinweg als der weltbeste Darter. Das Außergewöhnliche: Taylor war zu seinen Glanzzeiten bereits über 50, trug stets stolz einen Bierbauch und trat grundsätzlich mit schlabbrigen Polo-Shirts auf die Bühne - quasi der Prototyp eines klischeehaften Darters. „Das ist aber der springende Punkt“, betont TG-Macher Michael Benz, „bei uns zählen eben nur die Zahlen an der Scheibe und sonst nichts.“

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