Lokalsport

Der sanfte Weg zu mehr Selbstbewusstsein

In der Judo-Abteilung des VfL Kirchheim lernen Sechsjährige, dass Sport mehr bedeutet, als schnell und stark zu sein

Judo gilt als Kampfsport. Wer Erfolg haben will, muss athletisch und entschlossen sein. Doch die Sportart hat auch eine andere Seite. Im Training werden Tugenden wie Bescheidenheit, Höflichkeit und Respekt gepredigt. Eltern wissen: Das sind Eigenschaften, die auch im täglichen Leben hilfreich sind.

Auch Fallen will gelernt sein: Die siebenjährige Barbara (Mitte) steht mit Feuereifer auf der Matte. Foto: Jean-Luc Jacques
Auch Fallen will gelernt sein: Die siebenjährige Barbara (Mitte) steht mit Feuereifer auf der Matte. Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Die Matte, auf der die nackten Füße tänzeln, heißt Tatami, statt ins Trikot schlüpft man in den Kimono und ohne Rei – die höfliche Verbeugung – endet kein Kampf und keine Trainingseinheit. Judo ist eine eigene Welt. Nicht nur, was die Terminologie betrifft. Die Facetten, die sich hier erforschen lassen, sind so zahlreich wie die Fragen, die sich dem Laien unweigerlich aufdrängen. Wer etwas lernen will, muss zuhören können. Deshalb fällt der stattliche Lärmpegel in der Walter-Jacob-Halle schlagartig, wenn Trainer Marco Klein den nächsten Griff erklärt. Der 19-Jährige kümmert sich als einer von drei Jugendtrainern im VfL Kirchheim um den Nachwuchs. Die Jüngsten sind sechs, mit acht Jahren darf, wer will, seinen ersten Wettkampf bestreiten.

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Barbara ist sieben und hat kommende Woche ihre erste Gürtelprüfung. Mit der wilden blonden Mähne und den großen blauen Augen sieht sie aus wie eine leibhaftige Romanheldin aus einem Kinderbuch von Astrid Lindgren. Sport ist in der Schule ihr Lieblingsfach, daheim spielt sie Gitarre. Judo macht Spaß, klar. Wären da nicht die Brandblasen, die man sich barfuß auf der Matte gelegentlich einhandelt. Keine Zeit für weitere Fragen. Kaum da, schon wieder weg, denn Marco erklärt gerade den nächsten Schritt.

„Konzentration ist wichtig“, sagt VfL-Jugendleiterin Gabi Deuringer. „Die Bewegungsabläufe, die die Kinder erlernen, sind sehr komplex.“ Die kleine Frau mit dem entschlossenen Blick hat die Fäuste in die Hüften gestemmt. 1,52 Meter ist sie groß. Dabei erweckt sie den Eindruck, als könnte sie jeden Riesen im Handumdrehen aufs Kreuz legen. Mit 20 Jahren war sie internationale Deutsche Meisterin in ihrer Gewichtsklasse. Jetzt sorgt sie dafür, dass dem VfL der Nachwuchs nicht wegbricht. 20 Kinder im Alter zwischen sechs und acht Jahren gehören derzeit zur Anfängergruppe. Dort lernen sie auf spielerische Weise, worauf es beim Judo ankommt: Körperwahrnehmung, Koordinationsfähigkeit, aber auch eine starke Persönlichkeit. Oder das, was neudeutsch gerne als Sozialkompetenz bezeichnet wird. Selbstbeherrschung, Mut und gegenseitige Wertschätzung sind wichtige Eigenschaften. Wer Berührungsängste gegenüber Fremden hat, ist fehl am Platz, denn Körperkontakt gehört zu jedem Training. Daraus wird ein Miteinander, das Gabi Deuringer als das Wesen des Judosports bezeichnet. „Bei uns gibt es kein groß oder klein, kein dick oder dünn, kein dumm oder schlau“, sagt sie. Wer groß ist, muss sich klein machen, wer schwer ist, leicht. Sonst ist er für sein Gegenüber gegebenenfalls kein brauchbarer Partner.

Im späteren Wettkampf mag das anders aussehen. Doch auch hier gilt: Judo ist keine Nahkampfausbildung. Hier gibt es weder Tritte noch Schläge. „Der sanfte Weg“ heißt die Sportart wörtlich aus dem Japanischen übersetzt. Das Prinzip: Siegen durch Nachgeben. Kindern bietet der Sport eine solide Grundausbildung, zu der auch turnerische Elemente gehören. „Hier wird alles trainiert, vom Kinn bis zur Zehenspitze“, sagt Gabi Deuringer. Entsprechend vielfältig sind die Gründe, aus denen Eltern ihre Kinder ins Training schicken: Bewegungsmangel, Muskelschwäche, mangelndes Selbstbewusstsein. Andere wollen einfach lernen, wie man richtig fällt. „Wer Judotechniken beherrscht, bei dem laufen auch Fahrradunfälle oftmals glimpflicher ab“, sagt die Trainerin. „Viele Kinder die zu uns kommen, können am Anfang nicht einmal einen Purzelbaum.“

Den konnte Barbara schon früh, doch auch für ihre Mutter war dies ein wichtiger Aspekt. „Selbstbewusst war sie schon immer“, meint sie mit Blick auf ihre Tochter. „Das Schöne am Judo ist die Vielseitigkeit.“ Ob dies die einzige Motivation bleibt, ist jedem selbst überlassen. Der Wechsel ins Wettkampffach ist keine Pflicht. „Spaß und ein fester Wille“, so beschreibt Gabi Deuringer die Einstiegskriterien. Die meisten nehmen sich dies zu Herzen. Nur fünf Prozent der Neueinsteiger springen nach wenigen Wochen wieder ab. Wer Talent hat, beginnt mit frühestens acht Jahren auf Bezirksebene. Schafft man es in seiner Gewichtsklasse unter die besten Acht, warten als Lohn die südwürttembergischen Meisterschaften. Für Barbara steht fest: Sie will eines Tages in einem richtigen Wettkampf auf der Matte stehen. Bis dahin begnügt sie sich mit ihrem ersten Gürtel, von dem sie hofft, dass sie ihn schon kommende Woche umbinden darf. Weiß-Gelb wird der sein. Fortgeschrittene hangeln sich auf der Farbskala langsam nach oben. Ein echter Meister oder eine Meisterin trägt Schwarz. Zu blonden Haaren würde der gut passen.

Die Judo-Abteilung des VfL Kirchheim bietet Übungsabende für Kinder ab sechs Jahren an. Trainiert wird jeden Mittwoch und Freitag von 18.30 bis 20 Uhr in der Walter-Jacob-Halle beim Schlossgymnasium. Ansprechpartner sind Jugendleiterin Gabi Deuringer (Telefon 0 70 21/8 32 13) oder Abteilungsleiter Thorsten Heck (Telefon 0 70 21/86 25 94). Seit Anfang des Schuljahres bietet der VfL auch erstmals eine Judo-AG an der Kirchheimer Alleenschule an. Übungsleiter Bernd Budde bringt dort Dritt- und Viertklässlern am Mittwochnachmittag spielerisch die ersten Schritte bei.bk