Lokalsport

Der Solist im Turngau lebt von seinen Idealisten

Rhythmische Sportgymnastik im TSV Ötlingen erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit

In Ötlingen sind Idealisten am Werk. Wer das umtriebige Team um TSVÖ-Abteilungsleiterin Petra Reiterer und Öffentlichkeitsarbeiter Siegfried Stark beim Zwei-Tage-Event in der Mörike-Halle beobachtete, kam zu keinem anderen Schluss: Rhythmische Sportgymnastik ist schlichtweg ihr Ding.

Im Blickpunkt: Rhythmische Sportgymnastik beim TSV Ötlingen. Fotos: Markus Brändli
Im Blickpunkt: Rhythmische Sportgymnastik beim TSV Ötlingen. Fotos: Markus Brändli

Kirchheim. Seit fast vier Jahrzehnten spielen Reifen, Band, Seil, Ball und Keule nicht nur eine Rolle im westlichen Teil Kirchheims, sondern Ötlingen ist in dieser Zeit auch eine RSG-Marke im Schwäbischen Turnerbund geworden. Zig Meisterschaften, wie jene am vergangenen Wochenende um baden-württembergische Weihen, richteten die Ötlinger bereits aus, diverse Top-Plätze holten die Filigran-Sportlerinnen des TSVÖ bereits selbst.

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Dabei ist der Traditionserhalt unter der Teck alles andere als leicht. „Wir müssen kämpfen, um genügend Übungsleiter für den eigenen Betrieb und das Training zu finden“, weiß Siegfried Stark. So ist für das RSG-Führungsteam eine sonderlich wirkende Situation eingetreten. Seit Jahren steigt die Nachfrage, was sich auch in der Aktivenzahl von rund 40  Sportlerinnen – im Vergleich zu 30  knapp zehn Jahre zuvor – niederschlägt. Mehr ist aber aktuell mangels Coaches nicht bewältigbar.

Anderweitige Unterstützung funktioniert dafür umso besser. „Der Verein ist für uns da“, lobt Petra Reiterer, „so ist es in Zeiten knapper Hallenkapazitäten keine Selbstverständlichkeit, dass wir genügend Trainingsmöglichkeiten erhalten. Wir wissen das zu schätzen.“

Was den Ötlingern zudem in die Karten spielt, ist die Tatsache, dass die Rhythmische Sportgymnastik moderner geworden ist. Geradezu revolutionär, was sich allein in Sachen Musik getan hat. Mühten sich einst die Sportlerinnen zu langatmigen Klavierklängen übers Parkett, sind dank gelockerter Vorschriften seit einigen Jahren der Fantasie in Sachen Melodie und Rhythmen keine Grenzen gesetzt. Ob Samba, Jazz oder gar der Rock-Klassiker „Locomotive breath“ von Jethro Tull: Künstlerinnen, Trainerinnen und Sportliche Leitung tüfteln heutzutage gemeinsam nach einem schlüssigen Wettkampfkonzept – auch im musikalischen Bereich. „In Sachen Kleidung hat sich ebenfalls viel getan“, berichtet Petra Reiterer. „Früher mussten alle Teilnehmerinnen einheitlich in Weiß antreten, heute haben wir eine große und schöne Farbenvielfalt.“

Die Frischzellenkur tat offenbar allen gut. Zumindest im Schwäbischen Turnerbund steigt die Gesamtzahl der RSG anbietenden Vereine leicht an. Zehn Klubs waren es noch vor knapp zehn Jahren, aktuell sind es 13. Der TSV Ötlingen ist im Turngau Neckar-Teck nach dem Rückzug des TB Neuffen vor über zehn Jahren freilich Solist.

Insofern überraschend, weil der Sport viele positive Begleiterscheinungen mit sich bringt. Lisa Dajeng, selbst über zehn Jahre aktiv beim TSVÖ und bis vor zwei Jahren in der Ötlinger Sportgymnastik-Showgruppe unterwegs, sieht vor allen Dingen die Persönlichkeitsentwicklung, verbunden mit der Bildung von Selbstvertrauen als Pluspunkte. „Aber auch Beweglichkeit und Koordination werden sehr intensiv gefördert“, weiß die 26-Jährige, aktuell Sportliche Leiterin der TSVÖ-Gruppe.

Unter Verdienstaspekten ist die Sportart jedoch weitaus weniger ertragreich. „In Deutschland kann keine der Sportlerinnen davon leben“, konstatiert Siegfried Stark. Vielleicht mit einer Ausnahme. Magdalena Brzeska ist auch heute noch auf vielen Fernsehkanälen präsent und nach wie vor große Förderin des Sports. Die 26-fache Deutsche Meisterin und Olympiateilnehmerin 1996 in Atlanta lernte einst beim TSV Schmiden den Sport. Seit September 2013 leitet sie in Ulm den Stützpunkt für Rhythmische Sportgymnastik.

Der Weg aus der Ecke der Randsportarten ist freilich noch weit. Selbst über die eine Woche dauernde WM in Stuttgart im vergangenen September, habe es „im Fernsehen insgesamt gerade mal eine halbe Stunde Berichterstattung im dritten Programm und eine halbe Stunde in der ARD gegeben“, moniert Siegfried Stark, „das sagt doch alles. “