Lokalsport
Der Tiger im Käfig

Radsport Auf den Punkt hin fit, doch es gibt keine Rennen. Für Profis wie Jannik Steimle spielt sich das härteste Training zurzeit im Kopf ab. Schließlich ist die Saison noch lange nicht abgehakt. Von Bernd Köble

Die letzten Meter von Philippe Gilbert im Velodrome von Roubaix, ein geschlagener Nils Politt, der 50 Meter vor dem Zielstrich ausgepumpt den Kopf senkt, um wie der Stier in der Arena den Todesstoß zu empfangen. Bilder, die Radsportgeschichte geschrieben haben und die jetzt Therapie sein sollen. Gegen schleichenden Motivationsverlust, gegen Spannungsabfall, Frust. Die Coronakrise macht Radprofis auf dem Leistungszenit zu Tigern im Käfig. Heldentaten aus der Konserve ist das, was bleibt - von der Teamleitung verordnet. „Ich kann noch froh sein“, sagt der Weilheimer Jannik Steimle. Radtraining allein geht hier ja noch, zumindest im Moment. Anders als bei seinen italienischen Kollegen oder seinem französischen Teamkapitän Julian Alaphilippe, der in Andorra lebt. Dort geht selbst das nicht mehr. „Die spulen stundenlang ihr Programm auf der Rolle ab. Daheim auf der Terrasse, und das bei vielerorts schönstem Wetter.“

Radprofis im Stand-by-Modus. Der 19. April hätte ein einschneidender Tag im Sportlerleben von Jannik Steimle sein sollen. Der Tag, an dem er im Trikot von Deceuninck Quick Step zum ersten Mal einen Fuß auf die ganz große Bühne setzen wollte. Doch das Amstel Gold Race, für das er bei den Belgiern fest eingeplant war, ist inzwischen ebenso abgesagt wie die Flandern-Rundfahrt oder Mailand-San Remo. Die „Primavera“ hätte am vergangenen Samstag stattfinden sollen. Jetzt bangt der Weilheimer auch um seinen Start bei der Vuelta im September in Spanien, nachdem der Weltverband UCI den gesamten Rennkalender neu überarbeitet und viele große Rundfahrten nach hinten verschoben werden.

Sich über Grenzen hinaus zu quälen, hat Steimle nie Probleme bereitet. Trotzdem sagt er: „Wenn du nicht weißt wofür, fällt‘s schwer.“ Die Teamleitung bietet ihren Fahrern Videositzungen mit Mentaltrainern an. Bisher hat er davon keinen Gebrauch gemacht. Stattdessen versucht er, dem Ausnahmezustand so gut es geht auch eine positive Seite abzugewinnen. Morgens länger schlafen, danach trainieren, abends mit der Freundin kochen. „Dass alles jetzt stillsteht, ist das einzig Richtige“, sagt er. Kein Verständnis hat er dafür, dass sich die Fußball-Bundesliga noch immer den Kopf zerbricht, wie die Saison weitergehen könnte.

Was beruhigend ist in dieser Situation: Er weiß, dass er großes Glück hatte. Sein Vertrag läuft über die Saison hinaus. Hätte er diese Chance im Herbst nicht bekommen, wäre dieses Jahr des Stillstands womöglich das Karriere-Ende gewesen. Das Zeitfenster, um es nach ganz oben zu schaffen, ist eng bemessen. Deshalb sagt Steimle: „Nach diesem Jahr werden wohl viele Karrieren im Spitzensport enden.“