Lokalsport

„Die Älteren werden immer ehrgeiziger“

Altersklassen-Boom ist wissenschaftlich belegt

Ausdauersport boomt, vor allem bei Altersklassenathleten. Sportwissenschaftlerin Pamela Wicker von der Deutschen Sporthochschule Köln hat sich mit Gründen und Folgen beschäftigt.

Triathlon, Marathon, Mountainbike: Seit Jahren werden die Altersklassenteilnehmerfelder bei Ausdauerveranstaltungen immer größer. Warum?

Pamela Wicker: Wissenschaftliche Studien deuten darauf hin, dass man sich heutzutage nicht mehr nur da­rüber definiert, wo man arbeitet, wie man wohnt und was für ein Auto man fährt, sondern auch über die Freizeitgestaltung und den Lifestyle. Das gilt insbesondere für diejenigen, die beruflich gefestigt sind und sich in ihrer Freizeit neue Herausforderungen suchen. Da kommen der Sport im Allgemeinen und der Ausdauersport im Speziellen gerade recht, da man sich schon durch das alleinige Finishen eines Marathons oder Triathlons von anderen abheben und soziale Anerkennung bekommen kann.

Gibt es verlässliche Zahlen, die dieses Phänomen belegen?

Wicker: In der Tat lässt sich diese Entwicklung mit Zahlen untermauern. So zeigt zum Beispiel die Bestandserhebung des Deutschen Olympischen Sportbundes, dass die Vereinsmitgliedschaften in Triathlonvereinen seit einigen Jahren steigen, während traditionelle Sportarten wie Tennis, Leichtathletik oder Volleyball mit sinkenden Mitgliederzahlen zu kämpfen haben. Überdies wächst auch die Anzahl an entsprechenden Veranstaltungen wie Volksläufen, Triathlons oder Swim & Runs. In Kirchheim gibt es ja mittlerweile auch einen Swim & Run-Wettkampf, wie ich auf meinem letzten Heimaturlaub festgestellt habe.

In vielen Sportarten stellen die M 40 und M 50 die teilnehmerstärksten Felder – müssen sich Männer mittleren Alters mehr beweisen als Jüngere beziehungsweise Frauen?

Wicker: Das kann daran liegen, dass diese Personengruppe zu denjenigen gehört, die beruflich und privat fest im Leben stehen und neue Herausforderungen in ihrer Freizeit suchen. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der typische Marathonläufer oder Triathlet männlich, mittleren Alters, gebildet und relativ wohlhabend ist. Auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern lässt sich wissenschaftlich belegen: Eine Analyse von Marathonzeiten offenbarte, dass sich insbesondere Männer besonders anstrengen, bei bestimmten Referenzzeiten ins Ziel zu kommen, zum Beispiel unter drei oder unter vier Stunden. Dieses Verhalten ist bei Frauen weniger ausgeprägt.

Altersklassensieger tauchen in der Gesamtwertung nicht selten weit vor den „Aktiven“ auf. Werden die Alten immer besser oder die Jungen immer schlechter?

Wicker: Es wird eine Mischung aus beidem sein. Die Älteren werden aus besagten Gründen immer ehrgeiziger, wobei ihnen auch die Leistungsphysiologie in die Karten spielt. Während konditionelle Parameter wie Schnelligkeit ab 30 tendenziell abnehmen und auch nicht mehr so gut trainierbar sind, kann die Ausdauerleistungsfähigkeit bis ins hohe Alter trainiert werden. In vielen Ausdauersportarten wie dem Radfahren sind auch die sogenannten „Lebenskilometer“ wichtig. Hingegen lässt sich bei den Jungen beobachten, dass durch die zunehmende Reduzierung des Schulsports gepaart mit einer ohnehin bewegungsarmen Freizeitgestaltung deren körperliche Leistungsfähigkeit immer mehr abnimmt.

Laufpapst Herbert Steffny sagte einmal, dass der Laufboom nicht die jungen Nachwuchstalente in die Laufschuhe gebracht hat, sondern eher diejenigen, die im Alltag längst die Endlichkeit ihrer Fitness festgestellt haben. Hat er recht?

Wicker: Ich würde ihm zumindest für den ersten Teil des Zitats recht geben. Aber nicht alle, die aufgrund körperlicher Einschränkungen ihren Alltag nicht mehr so gut bewältigen können, ziehen sich irgendwann Laufschuhe an. Wenn das so wäre, würden staatliche Gesundheitssysteme weltweit nicht so stark mit den Folgekosten körperlicher Inaktivität kämpfen.

Ausdauersport auf Hobbyebene hat sich auch dank der zahlreichen Altersklassensportler zu einem millionenschweren Markt entwickelt. Drohen Ausdauersportarten zu einer technischen Leistungsschau zu verkommen?

Wicker: Es handelt sich in der Tat um einen wachsenden Markt, der eine zahlungskräftige und -willige Klientel umgarnt. Viele wohlhabende Breitensportler investieren mehrere Tausend Euro pro Jahr in ihre Sportart – Triathleten beispielsweise durchschnittlich rund 2 700 Euro pro Jahr. Es wird aber nicht nur Geld für Kleidung und Ausrüstung ausgegeben, sondern auch für Leistungsdiagnostik, Trainingsplanung oder sogar Personaltraining. Die volle Palette gehört teilweise auch einfach dazu, um „dazuzugehören“.

Zur Person

Pamela Wicker (37)ist wissenschaftlicheMitarbeiterin amInstitut für Sportökonomieund Sportmanagementan derDeutschen Sporthochsch
Pamela Wicker (37)ist wissenschaftlicheMitarbeiterin amInstitut für Sportökonomieund Sportmanagementan derDeutschen SporthochschuleKöln. Dortpromovierte die gebürtige Nürtingerin, diein Notzingen aufwuchs und ihr Abitur inKirchheim machte, 2009. Seit 2014 ist siehabilitiert und trägt den Titel eines privatdozierenden Doktors (PD Dr.).

Pamela Wicker (37) ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sportökonomie und Sportmanagement an der Deutschen Sporthochschule Köln. Dort promovierte die gebürtige Nürtingerin, die in Notzingen aufwuchs und ihr Abitur in Kirchheim machte, 2009. Seit 2014 ist sie habilitiert und trägt den Titel eines privat dozierenden Doktors (PD Dr.).

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