Lokalsport

Die Angst vorm langen Arm des Diktators

Die Flüchtlingskicker der TG Kirchheim fühlen sich noch immer politisch verfolgt – Der Verein hilft weiterhin

Ein Verein mit Sonderstatus: Wegen seines Flüchtlingsprojekts fand die TG Kirchheim WFV-weit Beachtung. Die ­Inte­grationshilfe geht weiter.

Kirchheim. „Auf jeden Fall wieder mit zwei Mannschaften“. Silvia Kretzschmar, die Hauptvereinsvorsitzende, lässt keinen Zweifel daran, mit wie viel Fußball-Teams die TG Kirchheim die Kreisliga-Pflichtspielrunde 2016/17 bestreiten will. Die TG-Erste soll in der Kreisliga B, Staffel 6, einen Aufstiegsplatz ergattern, die TG-Zweite mit den Schwarzafrikanern in der Parallelstaffel eine ähnliche Überraschungs-Rolle spielen wie in der Vorsaison mit Tabellenplatz fünf. Chefin Kretschmar hält am eingeschlagenen Weg fest: sportlich ambitionierten Flüchtlingen aus Kirchheim und Umgebung unter dem TG-Dach zumindest temporär eine sportliche Heimat zu bieten. Mit einer Zusatz-Mannschaft. Dafür gab es von höchster Stelle Lob und Anerkennung. „Die TG Kirchheim war der erste Fußballverein Württembergs mit einer kompletten Flüchtlings-Mannschaft im Spielbetrieb“, sagt Gerlinde Geltenbort-Wurster von der WFV-Pressestelle.

Wie fürsorglich die TG-Verantwortlichen mit ihren rund 30 Gambiern abseits von Training und Pflichtspielbetrieb allwöchentlich umgehen, weiß TG-Cotrainerin ­Sabrina Wohlleben, die zusammen mit Munya Chonyera die Truppe seit Rundenbeginn coacht. „Unsere Leute bringen sie zum Arzt, helfen ihnen beim Übersetzen oder gehen mit ihnen zum Rechtsanwalt“, sagt sie und lobt die Vereinskamerad(inn)en dafür über den grünen Klee: „Alle machen das mit viel Herzblut“. Das Umsorgen der im Kirchheimer Asylantenwohnheim Gestrandeten ist längst zum größten Betätigungsfeld des früheren Arbeiter-Vereins geworden. Back to the roots heißt es an der Jesinger Allee – mit gleichzeitigem Blick nach vorne.

Costa Giacobbe (44) ist einer, der sportlich vorausblickt. „Mit unseren Gambiern wollen wir mit der ersten Mannschaft im kommenden Jahr in die Aufstiegs-Relegationsspiele“, sagt der alte und neue TG-Trainer. Am liebsten würde er die Panne Kreisliga-A-Abstieg mit nur sechs Pluspunkten umgehend wieder ausmerzen. Dazu mithelfen sollen unter anderem die Neuzugänge Tiago Santos-Araujo (FC Heiningen), Israfil Kilic, Torhüter Antonio Antonucci (AC Catania) – und eben einige der Afrikaner. Von den derzeit rund 30 Gambiern in TG-Reihen plant Giacobbe „bis zu fünf“ in den neuen Mannschaftskader zu holen. Ihre Namen gibt‘s erst nach einer internen TG-Trainersitzung – oder auch nicht.

Denn mit nichts tun sich die TG-Macher derzeit schwerer, als mit der öffentlichen Preisgabe von Namen „ihrer“ Gambier. Die sind ausnahmslos politische Flüchtlinge und fühlen sich vor ihrem allmächtigen Präsidenten Yahya Jammeh, laut Bildzeitung „der schlimmste unbekannte Diktator der Welt“, auch in Deutschland nicht sicher. „Unsere gambischen Fußballer leben weiterhin in ständiger Angst“, ist der Eindruck, den Sabrina Wohlleben nach vielen Einzelgesprächen hat. Die Furcht vorm langen Arm des Regimes aus Westafrika führt(e) dazu, dass sich die meist unter 21 Jahre alten TG-Flüchtlingskicker bislang einer Namensnennung im frei zugänglichen Internet-Portal fussball.de verweigerten – irgendein Polit-Hardliner daheim könnte aufmerksam werden. Und Päckchen aus der Heimat empfangen viele lieber über eine Scheinadresse.

„Die Situation der TG-Gambier hier ist wahnsinnig belastend“, sagt Sabrina Wohlleben. Doch weil alle Asylverfahren noch auf unbestimmte Zeit laufen, ist Änderung so schnell nicht in Sicht. Oder es könnte ziemlich schnell zu einer Änderung kommen – gewissermaßen über Nacht. „Bei einer Abschiebung musst du damit rechnen, dass du ganz plötzlich einen guten Spieler verlierst“, sagt Trainer Giacobbe.

Wobei die Turngemeinde auf diesem Weg auch auch einen wichtigen Helfer verlieren könnte. Der heißt mit Vornamen Jaliba, ist auch ein Gambier und in der zweiten TG-Mannschaft Abwehrspieler. Im Verein fungert er als Platzkassier.

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