Lokalsport

Die dritte Welle

Hilfen Die Handballer der HSG Owen/Lenningen gehen jetzt einkaufen statt trainieren. Das Echo darauf wird lauter.

Lenningen/Owen. Handballer reden gerne von der zweiten Welle, wenn im Angriffsspiel Tempo gefragt ist. Den Gegner an seiner empfindlichsten Stelle treffen, heißt in Corona-Zeiten: sich solidarisch zeigen. Das kann bedeuten, zu Hause zu bleiben - oder das genaue Gegenteil. Einkaufen zu gehen, für alle, die dafür schlimmstenfalls ihr Leben aufs Spiel setzen müssten, Botengänge erledigen für Ältere und Kranke, die nicht mehr aus dem Haus können.

Die Handballer der HSG Owen/Lenningen haben sich spontan zur Hilfe entschlossen und ein Netzwerk geflochten, das inzwischen mehr als 30 Helfer umspannt - fast allesamt Aktive. Auf der Website des Vereins gibt es eine Bestell-­Liste zum herunterladen. Wer kein Internet hat, kann seine Einkaufs- und Besorgungswünsche auch telefonisch unter 0 15 78/1 59 41 37 mitteilen. Die Aktion „Gemeinsam stark gegen Corona“ soll sich schneller verbreiten als das Virus. Am vergangenen Freitag wurde die Initiative zum ersten Mal im Mitteilungsblatt vorgestellt. Jetzt hoffen die Helfer auf Werbung durch Familienangehörige, Bekannte und Nachbarn.

An Personal mangelt es nicht. Was im Trainingsalltag ein Handicap darstellt, wird jetzt zum Vorteil: Die HSG hat viele Studierende in ihren Reihen, und davon sind viele zurzeit zu Hause. „Länger als zwei Minuten dauert es selten, bis ein Auftrag per WhatsApp bestätigt wird“, sagt Jana Reichle, die gemeinsam mit ihrem Mann Christoph die Organisation übernommen hat. „Am Anfang war die Nachfrage überschaubar“, meint sie. Seit sich die Lage verschärft hat, werde es deutlich mehr. „Es ist beunruhigend, wie viele Ältere sich immer noch in Einkaufsmärkten tummeln“, sagt die 27-Jährige, die bei den HSG-Frauen in normalen Zeiten das Tor hütet.

Lenninger Netz kooperiert

Auch beim Lenninger Netz ist man über die Hilfe der Jüngeren froh. Einige Aufträge habe man bereits an die Handballer weitergeleitet, sagt Netz-Koordinatorin Gabriele Rieker. Der Verein, der aus dem Leben vieler Älterer im gesamten Lenninger Tal nicht mehr wegzudenken ist, wird größtenteils getragen von Ruheständlern, die sich für die Gemeinschaft engagieren wollen. Jetzt gehören sie selbst zur Risikogruppe. Einige haben deshalb schon angekündigt, vorerst pausieren zu wollen. Es gibt aber auch neue Gesichter, die noch berufstätig sind und jetzt einsteigen. „Wir sind nach wie vor einsatzkräftig“, sagt Rieker zu Angeboten wie dem Bürger-Busle. „Jetzt fah­ren wir eben nicht mehr mit den Leuten, sondern für sie.“

An der Türschwelle endet die Unterstützung, das stellt auch Jana Reichle klar. „Einladungen können wir nicht annehmen.“ Alles andere schon. Die Handballerin weiß, dass manche, die Hilfe gebrauchen könnten, sich nicht trauen. „Dass man mit dem Handball doch nie etwas zu tun gehabt habe, hören wir oft“, sagt sie. Dabei ist es für einen Sportverein am Ort die Chance, als Teil der Gemeinschaft wahrgenommen zu werden. Das sieht auch Gabriele Rieker so: „Es ist toll, wie viele neue Angebote in diesen Tagen einfach aus dem Boden wachsen“, sagt sie. Gerade ist sie dabei, einen Telefondienst zu organisieren, für alle Menschen, die alleine zu Hause sind und das Bedürfnis haben, mit jemandem zu reden. Anderen das Gefühl geben, sie sind nicht allein, Kontakt zur Außenwelt herstellen, Anteilnahme und damit auch Sicherheit vermitteln - die Coronakrise hat zwei Gesichter. Bernd Köble

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