Lokalsport

Die Drogen werden immer härter

Basketball Die Knights gewinnen weiter Spiele, die eigentlich nicht mehr zu gewinnen sind und immer mehr fragen sich, was wohl noch kommt. Von Bernd Köble

Bin i Radi, bin i König - Das war einmal. Spätestens seit Samstag ist Kirchheims Ex-Kapitän seine Ausnahmerolle als gefeierter You-Tube-Star und Schöpfer von in Stein gemeißelter Basketballkunst wohl unwiederbringlich los. Schließlich setzte sich Radi Tomasevic mit seinem Meisterstück erst im reifen Alter von 31 Jahren, sozusagen im Spätherbst seines Schaffens, in Kirchheim ein Denkmal (siehe Infoteil.). Carrington Loves großer Wurf vom 28. Januar 2017 gilt eher als Frühwerk. Trotz verblüffender Ähnlichkeit der Handschrift: Dem 23-Jährigen genügten auf dem Weg zum Basketball-Gipfel drei Schritte weniger als seinem Vorgänger. Loves spielentscheidender Wurf von knapp hinter der Mittellinie erfüllt damit alle Voraussetzungen für Unsterblichkeit.

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Eigentlich. Gut möglich, dass allerdings auch danach schon bald kein Hahn mehr krähen wird. Die Halbwertszeiten ekstatischer Erfahrungen im Bewusstsein Kirchheimer Basketballfans sind dramatisch kurz. Die Drogen werden immer härter. Seit der ersten Grenzerfahrung am 25. September vorigen Jahres im Auftaktspiel in Dresden läuft Kirchheims Anhang inzwischen Gefahr, nach immer kürzer werdenden Flash-Intervallen im Frühjahr als Adrenalin-Junkies völlig orientierungslos in die Off-Season zu entgleiten. Manche würden sagen: Momente wie die am Samstag sind es wert.

Nach Dresden, Essen, Crailsheim und Hamburg nun also Gotha. Bereits das fünfte Beutestück, das bis zum Schlussakt zappeln durfte, ehe die Katze doch noch zubiss. Gäbe es eine Art Basketball-Oscar für das spannendste Drehbuch der Saison, Knights-Coach Michael Mai könnte stellvertretend für die Mannschaft schon eifrig an seiner Verleihungsrede feilen. Es macht den Trainerjob aus, dass der, der ihn ausübt, kühlen Kopf bewahren sollte, auch wenn die halbe Welt ringsum nach Luft japst. Am Samstag, noch ehe Spieler und Fans in Kirchheims Kneipen ins Abklingbecken tauchten, kam der Trainer aufs Wesentliche zu sprechen: „Der letzte Wurf war ein Wunder“, so das schnörkellose Resümee. „Ich bin jedoch stolz auf das, was 44 Minuten und 59 Sekunden zuvor passiert ist.“

Das Kirchheimer Modell scheint zunehmend Nachahmer zu finden. Am Wochenende ging es in gleich vier Hallen glühend heiß her: Beim Paderborner 83:82-Heimerfolg gegen Essen standen noch drei Sekunden auf der Uhr, als Ashton Moore zum entscheidenden Dreier am Ende der Verlängerung ansetzte. Weiterhin sterblich sind dagegen die Trierer Brandon Spearman und Simon Schmitz, deren Verzweiflungswürfe in der hektischen Schlussphase des Heimspiels gegen Crailsheim erfolglos blieben. Chase Griffin hatte die Merlins fünf Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit per Distanzwurf in die Verlängerung geschossen. Nervenstärke bewies auch Kirchheims letztjähriger Spielmacher Richie Williams, der die letzten beiden Freiwürfe zum 72:71-Auswärtserfolg der Kölner in Dresden verwandelte, als die Uhr bereits abgelaufen war.

Kirchheims Coach redet seit Samstag erstmals offen über die im April beginnenden Play-offs. Nach 15 Siegen bei noch zehn ausstehenden Begegnungen ist das nicht allzu gewagt. Minimalziel ist Platz sechs, was bedeutet, „dass noch eine Menge Arbeit auf uns wartet“, sagt Mai. „Wer will schon in der ersten Runde auf den MBC oder auf Crailsheim treffen?“