Lokalsport

Die „Meile“ wird volljährig

Morgen an Fronleichnam startet die 18. Auflage des Bissinger Bergzeitfahrens für Radler am Dachsbühl

In der Verniedlichung von Zahlen erkennt man den Anfänger: 1,6 Kilometer Länge, 76 Meter Höhenunterschied. Das klingt harmlos. Ist es aber nicht. Die Bissinger Meile ist der Scharfrichter unter prominenten Radstrecken in der Umgebung. Der Kampf gegen die Uhr startet morgen zum 18. Mal.

Das Ziel vor Augen, die Uhr im Nacken: Große und kleine Radsportler stellen sich am morgigen Fronleichnamstag wieder der Herausf
Das Ziel vor Augen, die Uhr im Nacken: Große und kleine Radsportler stellen sich am morgigen Fronleichnamstag wieder der Herausforderung Bissinger Meile.Foto: Deniz Calagan

Bissingen. Es ist ruhig draußen am Dachsbühl zwischen Bissingen und Weilheim. Nur die Ähren im Getreidefeld beidseits des schnurgeraden Betonbands wiegen sich im lauen Sommerwind. Nur wenige haben sich getraut in den vergangenen Tagen. Solche, die wissen wollten, wie es sich anfühlt. Die Antworten suchten, auf die Frage, wie man die Kräfte am besten einteilt. Die meisten sind Neulinge oder einfach nur neugierig. Wollen wissen, was es auf sich hat mit diesem tristen Stück Feldweg, auf dem das Unkraut sprießt und das sich so erbarmungslos zum Breitenstein hin aufbäumt.

Der „Meile“ die kalte Schulter zu zeigen, ist Ehrensache. Zumindest für die, die sich auf der Jagd nach Rekordzeiten verewigt sehen wollen. Die das richtige Rezept kennen oder einfach genügend Kraft in den Beinen haben. Nichts peinlicher, als beim heimlichen Training von der Konkurrenz erwischt zu werden. Für die Cracks ist die Meile tabu. Bis zum Fronleichnamstag, wenn es heißt, Farbe zu bekennen.

Ohnehin: Wahre Champions geben sich im Habitus zu erkennen. Die Sache bloß nicht zu ernst nehmen. Die Bissinger Meile, das ist seit 18 Jahren sportliche Höchstleistung mit einem Augenzwinkern. Die rund 50 Helfer der Abteilung Alpin- und Radsport im Turnverein der Seegemeinde geben sorgsam acht, dass das Unikum unter den Radsport-Veranstaltungen das bleibt, was es ist: ein Familientag rund ums immer noch beschauliche Festzelt an der Kreuzung der Radwege nach Weilheim und Neidlingen.

Deshalb wird sich auch in diesem Jahr wieder allerhand kurioses Gefährt auf die Strecke machen, werden Mütter und Väter ihren Nachwuchs ächzend im Anhänger himmelwärts bugsieren. Auf das am Ende eine Zeit stehen möge, die sich sehen lassen kann. Mit der Zeit gehen die Bissinger auch beim Thema Inklusion. Im 18. Jahr der Veranstaltung gibt es zum ersten Mal ein spezielles Angebot für Menschen mit Handicap. Wer aus gesundheitlichen Gründen Unterstützung braucht, der erhält sie morgen von einem Experten: Dr. Hartmut Wiegmann von der Altenhilfe Plochingen lädt von 10 bis 12 Uhr zur begleiteten Fahrt im Pa­ralleltandem ein.

Wo für die einen Dabeisein und Spaß haben alles ist, geht es für andere um den sportlichen Erfolg. Fast inflationär entwickeln sich die Bestmarken seit Jahren, zumindest was die Herren der Schöpfung betrifft. Galt früher die Drei-Minuten-Marke als Mauer, die es zu durchbrechen gilt, ist eine Zwei vor dem Komma heute längst keine Erfolgsgarantie mehr. 2.40,33 Minuten, so heißt die aktuelle Richtmarke. Der mittlerweile 19-jährige Jannik Steimle aus Weilheim drehte im vergangenen Jahr so heftig an der Uhr, dass viele sich fragten, wer diese Zeit noch toppen will. Vielleicht Steimle selbst. Der frischgebackene A-Amateur hat sich den rennfreien Tag morgen für die Meile reserviert. „Wenn die Windverhältnisse ähnlich günstig sind wie letztes Jahr“, prophezeit er, „dann kann der alte Rekord fallen.“ Ähnliches mag sich auch Philipp Daum denken, der schon zweimal auf der Meile die Bestmarke gesetzt und dabei nur einen einzigen Gang benötigt hat. Der 26-Jährige will auch morgen wieder mit seinem Singlespeed-Renner die Konkurrenz ärgern. Zu der zählt auch der Jesinger Andi Miller, ebenfalls bereits mehrfacher Sieger in Bissingen und als Anfangsvierziger einer, der weiß, wie die Meile funktioniert.

Anders als bei den Männern, wo die Rekorde seit Jahren purzeln, lechzen die Frauen nach frischem Blut und einer neuen Bestmarke. Die Latte, die es zu reißen gilt, liegt dort bei 3.24,48 Minuten, aufgelegt 2006 von einer damals 40-Jährigen. Der neun Jahre alte Rekord von Susanne Niemeyer aus Owen geriet seitdem nie mehr in Gefahr. Im vergangenen Jahr am nächsten dran war mit 3.55,07 Stefanie Wrobel aus Wißgoldingen.

Doch die Meile ist mehr als die Jagd nach Rekorden. Hier trifft man sich zum Fachsimpeln, um alte Freunde zu treffen oder einfach auf eine Rote samt Bier. Wer sich beim Technik-Plausch nicht mit Laien-Wissen abgeben will, der ist am Demo-Truck der Firma Cannondale richtig, den der Kirchheimer Händler Radsport Fischer & Wagner erneut nach Bissingen lotst. Wem Theorie nicht reicht, der kann hier das neueste Material auch einfach mal Probe fahren.

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