Lokalsport

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Erfolgreich, bunt und mit viel Herzblut bei der Sache. So sieht die selbst ernannte Sportstadt Kirchheim sich und ihre Sportvereine. Ein Glanz, der seinen Preis hat. Mit dem notwendigen Hallenbad-Neubau, den Plänen des VfL Kirchheim für ein Vereinszentrum und dem Ruf der Basketballer nach einer erstligatauglichen Halle steht Kirchheims OB Angelika Matt-Heidecker in der Sportentwicklung vor gewaltigen Aufgaben.

Frau Matt-Heidecker, ich nehme an Sie haben am Sonntag Basketball geschaut.
Matt-Heidecker: Natürlich, ich habe daheim am Rechner bis zum  Ende mitgefiebert.
Sie sind bekennender Knights-Fan. Jetzt hat die Mannschaft den Aufstieg in die erste Liga geschafft ohne tatsächlich aufsteigen zu können, weil unter anderem eine taugliche Halle fehlt. Nun erwartet jeder, dass die Rathauschefin handelt. Wie groß ist der Druck, den sie spüren?
Matt-Heidecker: Ich persönlich verspüre überhaupt keinen Druck. Der Verein ist es, der sich zunächst klarmachen muss, wohin er will. Er muss sich so aufstellen, dass die erste Liga wirtschaftlich wie auch sportlich funktionieren kann. Dabei sollte man nicht vergessen: Der Erfolg im Kirchheimer Basketball ist eigentlich ein menschlicher Erfolg. Die Emotionen, die hier von allen Beteiligten gelebt werden, sind das Geheimnis der Kirchheimer Erfolgsgeschichte. Inwieweit das vor dem Hintergrund eines Millionen-Etats in der ersten Liga fortgeführt werden kann, will gut überlegt sein.
Heißt das, Sie zweifeln generell da­ran, ob es sinnvoll ist, den Schritt zu wagen?
Matt-Heidecker: Wenn die Vereinsführung der Überzeugung ist, wir finden einen Weg, diese Erfolgsgeschichte auch in der ersten Liga fortzusetzen, dann bin ich hundertprozentig dabei und werde alles tun, auch den Gemeinderat davon zu überzeugen.
Bei den Knights scheint man inzwischen nicht mehr darüber zu reden, ob man den Schritt wagt, sondern allein wann. Die Rede ist von einem Fünf-Jahres-Plan. Nun wird eine Halle ja nicht über Nacht gebaut. Wie konkret wird das Thema in der Verwaltung diskutiert?
Matt-Heidecker: Ich kenne diesen Fünf-Jahres-Plan schon seit zwei Jahren und begrüße ihn, weil er zeigt, dass man keinen Schnellschuss wagen, sondern eine solide Basis schaffen will. Ich habe was das Hallenthema anbelangt, entsprechende Überlegungen in die Verwaltung eingebracht. Dabei geht es im Wesentlichen um zwei Varianten: Einen Ausbau der bestehenden Halle, die aus technischer Sicht schwierig werden dürfte, und einen Neubau an einem alternativen Standort. Dabei möchte ich klarstellen: Die Stadt wird keine Halle für acht Millionen Euro hinstellen können. Das geht nicht. Das heißt, wir brauchen ein Modell, bei dem sich mehrere Interessen zusammenführen lassen. Eine solche Halle kann gleichzeitig Sportstätte, Kulturort und auch Veranstaltungsort für die Stadt sein. Wir müssen uns schließlich auch Gedanken machen, wie es mit der Stadthalle weitergeht, wo wir jährlich einen hohen Abmangel zu tragen haben.
Das heißt, für Sie käme nur eine Mehrzweckhalle infrage?
Matt-Heidecker: Ganz klar, ja. Deshalb kann dies die Stadt auch nicht alleine finanzieren. Man muss sich überlegen, gibt es Namensrechte, die man abtreten könnte. Entsprechende Modelle gibt es ja. Die Verwaltung ist in diesem Punkt dabei, Informationen zu sammeln.
Wo könnte eine solche Halle Ihrer Meinung nach entstehen?
Matt-Heidecker: Klar ist, wenn wir eine Kombi-Lösung möchten, dann muss diese zentral gelegen sein. Ein möglicher Standort wäre das Gelände beim ehemaligen Güterbahnhof. Das Grundstück gehört der Stadt, hier gäbe es S-Bahn-Anschluss und auch Platz für ein Parkhaus. Es gibt auch Überlegungen, eine solche Halle im neuen Gewerbegebiet Hegelesberg anzusiedeln. Für eine Stadthalle wäre dieser Standort allerdings schon wieder zu sehr abgelegen. Die Verwaltung beschäftigt sich jedenfalls intensiv mit der Standortsuche. Dieses Signal ist mir wichtig.
Aus Reihen der Knights kam der kostengünstigere Vorschlag, die alte Stahlträger-Halle auf dem ehemaligen Ficker-Areal neu zu beleben?
Matt-Heidecker: Das ist ein ganz anderes Thema. Was das Ficker-Areal betrifft, hakt es derzeit bei den Verkaufsgesprächen zwischen Eigentümer und Investor, weil man sich über den Preis offenbar nicht einig wird. Grundsätzlich ist diese Halle in den Plänen des Investors aber für einen Kino-Komplex vorgesehen.
Sie haben vor Wochen gesagt, man könne das Thema Hallenneubau nicht auf den „Sankt  Nimmerleinstag“ verschieben. Bisher gibt es von allen Seiten nicht viel mehr als Willensbekundungen. Wie geht es nun konkret weiter und in welchen Zeiträumen rechnen Sie?
Matt-Heidecker: Ich weiß, dass sich die Knights in dieser Woche mit allen Verantwortlichen zusammensetzen, um Saisonbilanz zu ziehen. Ich betone noch mal: Zuerst muss sich der Verein klar positionieren. Er muss sich entscheiden, wo will er hin, mit welchen Mitteln und mit welchen Menschen will er das erreichen. Wenn ich ein klares Konzept auf dem Tisch habe, werden wir als Verwaltung auch konkret an die Planungen gehen.
Noch einmal meine Frage: Vorausgesetzt ein solches Konzept gibt es, über welchen Zeitraum reden wir?
Matt-Heidecker: Ich habe jetzt erst ein Gespräch geführt mit Investoren fürs Teckcenter. Darin habe ich klar zum Ausdruck gebracht, dass ich die Nutzung der Stadthalle  noch mittelfristig sehe, das heißt, über einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren. Eine erste Planung, auch was den Standort einer Halle anbelangt, würde ich gerne noch in diesem Jahr hinbekommen, bevor der Haushalt auf die Beine gestellt wird. Wie Sie wissen, sind in der Sportlandschaft in Kirchheim sehr viele Dinge in der Schwebe. Wir müssen uns deshalb sehr genau überlegen, wie diese Dinge zu verknüpfen sind.
Die Stadt muss bis 2016 eine Baugenehmigung für ein neues Hallenbad auf dem Tisch haben, will sie keine Steuervorteile verlieren. Bisher redeten wir über die Kür. Beim Thema Hallenbad als rein kommunale Aufgabe steht Kirchheim auch gegenüber der Gemeinde Dettingen in der Pflicht. Lassen sich die rund zehn Millionen Euro für das Bad bis in vier Jahren schultern?
Matt-Heidecker: Die Finanzierung des Hallenbades halte ich zum jetzigen Zeitpunkt sehr wohl für möglich. Da bin ich relativ entspannt. Doch auch beim Thema Hallenbad werden wir im Gemeinderat in diesem Jahr erst die Standortfrage klären müssen. Bauen wir draußen beim Freibad, wo man Synergieeffekte nutzen könnte oder käme auch hier ein Neubau beim Bahnhof in Betracht? Klar ist, dass die Zeit hier drängt. Wir brauchen eine Lösung für die Hutteninsel und wir haben dringenden Sanierungsbedarf auch im Freibad, der bisher zurückgestellt wurde bis die Standortfrage geklärt ist.
Zudem ist die nachbarschaftliche Lösung in Dettingen ein Auslaufmodell. Wie ist die Übergangslösung vertraglich geregelt?
Matt-Heidecker: Die Vereinbarung ist klar. Die Übergangsfrist läuft vier Jahre. Danach muss über jedes weitere Jahr einzeln verhandelt werden. Dettingen hat natürlich Interesse, dass der Badebetrieb dort möglichst lange läuft. Unser Ziel bleibt 2016 und ich bin zuversichtlich, dass wir das hinbekommen. Der Bäderbetrieb ist im Etat der Stadtwerke angesiedelt. Das heißt, diese Investition würde den kommunalen Haushalt nicht belasten.
Das sieht beim geplanten VfL-Vereinszentrum anders aus. Hier muss sich die Stadt entscheiden, in welcher Höhe sie gegenüber den Banken eine Ausfallbürgschaft übernehmen will. Der Verein ging ursprünglich von 1,5 bis zwei Millionen Euro aus. Die Stadt sagt, eine siebenstellige Summe sei kein Thema. Was also ist realistisch?
Matt-Heidecker: Dass die Stadt beim Thema Vereinszentrum nur als Bürge mit im Boot ist, das ist leider ein Irrglaube. Was der Verein von uns erwartet, ist die Bereitstellung der Infrastruktur in Form von Parkplätzen, die dort in der Fläche nicht möglich sind. Wir reden von 150 dauerhaften Stellplätzen, wofür man ein Parkhaus bräuchte. Wenn man das Vereinszentrum dort baut, wo es jetzt geplant ist, muss die Stadt zudem mit dem ersten Baggerbiss einen weiteren Kunststoffsandrasenplatz als Ersatz zur Verfügung stellen. Der hätte eigentlich durch den Verkauf des Ottschen Platzes (das städtische Trainingsgelände auf der gegenüberliegenden Seite der Jesinger Straße beim Stadion, Anm. d. Red.) finanziert werden sollen. Das alles kam so nicht zustande, wie wir heute wissen.
Das alles war mit Verlaub aber schon im Dezember bekannt, als man die VfL-Mitglieder über die aktuellen Pläne abstimmen ließ. Man kannte das Ausmaß der Krise in der VfL-Fußballabteilung und man wusste, dass es keine Stadion-Betreibergesellschaft  geben würde. War die Beschlussfassung also ein schlecht vorbereiteter Schnellschuss?
Matt-Heidecker: Diesen Vorwurf bitte nicht der Verwaltung machen. Die Parkplatzproblematik war immer bekannt, darauf haben auch Architekten und Planer stets hingewiesen. Darüber hat sich der Verein immer hinweggesetzt. Das gilt auch für kritische Stimmen aus den eigenen Reihen, die gewarnt haben, dass die Trainingsflächen für die Fußballer nach Wegfall des Baugrundstücks, dem sogenannten Wembley-Platz, nicht ausreichen würden.
Das wird die VfL-Vorsitzende Doris Imrich nicht gerne  hören.
Matt-Heidecker: Ich mache niemand einen Vorwurf. Was Doris Imrich wollte, war ein Grundsatzbeschluss, den auch wir wollten. Ich selbst habe dafür gekämpft. Nur waren die Rahmenbedingungen bei Weitem noch nicht geklärt. Das gilt auch für die Baukosten von über vier Millionen Euro. Da sehe ich noch einige Luft nach unten.
Sie sind Juristin. Welchen Wert hat denn ein Beschluss, der sich auf nicht haltbare Grundlagen stützt?
Matt-Heidecker: Ich werte das, was im Dezember gefasst wurde, als Grundsatzbeschluss, der lautet: Wir wollen ein Vereinszentrum.
Gegenstand der Diskussion im Dezember war aber eine konkrete Planung, die sich nun womöglich als völlig wertlos darstellt.
Matt-Heidecker: Ich möchte an diesem Grundsatzbeschluss festhalten, erlaube mir aber zu sagen, die Grundbedingungen haben sich geändert, lasst uns in diese kooperative Planung wieder einsteigen. Am Ziel, diesen Verein so aufzustellen, dass er überlebensfähig ist, hat sich ja nichts geändert.
Wie kommt man nun wieder zusammen?
Matt-Heidecker: Das Vereinszent­rum war ein Ergebnis der gemeinsamen Sportentwicklungsplanung mit den Vereinen, die im Übrigen nicht 2012 sondern 2020 hieß. Dort muss es auch wieder hin. Ich möchte dieses Thema nicht von Verwaltung und Gemeinderat entschieden wissen. Noch mal: Grundgedanke war, dass ein Vereinszentrum angesiedelt sein muss an der Stätte des Sports und das war damals vorrangig der Fußball in Zusammenhang mit dem Ausbau des Stadions mittels einer Betreibergesellschaft. Dazu gehörte auch ein  Sportpark, den ich nach wie vor für wichtig und richtig halte. Doch heute wissen wir, dass man dies zeitlich und finanziell so nicht hinbekommt. Deshalb ist meine Aufgabe, zu fragen, was lässt sich schieben und was lässt sich andernorts vielleicht schneller realisieren?
Sie haben deshalb auch beim Vereinszentrum den Bahnhof als alternativen Standort ins Gespräch gebracht. Ergibt ein Vereinszentrum ohne Außenanlagen einen Sinn oder setzt man sich damit nicht erst recht dem Vorwurf privater Anbieter aus, die behaupten, das Ganze sei nicht mehr als ein subventioniertes Fitness-Studio?
Matt-Heidecker: Das sehe ich nicht so. Ich halte ein Vereinszentrum, losgelöst von einem späteren Sportpark, für durchaus sinnvoll, zumal es am Bahnhof in direkter Nachbarschaft eine Krankenkasse gibt, die dort massiv erweitern will. Da gibt es in punkto Gesundheitsangebot durchaus eine Schnittmenge. Damit sind wir wieder bei nützlichen Synergie-Effekten, die man nutzen könnte. Grundgedanke der Sportentwicklungsplanung war ja, dem Verein  dabei zu helfen, sich auf die Zukunft auszurichten, die völlig neue Anforderungen ans Vereinsleben stellt. Das hat nichts mit dem Angebot professioneller Sportstudios zu tun. Dagegen wehre ich mich.
Wenn ich das richtig verstehe, hielten Sie auch eine Dreier-Lösung mit Hallenbad, Mehrzweckhalle und Vereinszentrum am Bahnhof für möglich?
Matt-Heidecker: Warum nicht? Ich finde den Gedanken reizvoll. Man muss zumindest darüber nachdenken. Ein Sportzentrum direkt am Bahnhof, besser geht‘s nicht, was die Erreichbarkeit auch aus dem Umland angeht. Diese Meinung vertreten im Übrigen auch die Architekten und Planer des VfL Kirchheim. Ich meine, man sollte diesen Weg ganz intensiv prüfen.

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AMH Info

Kirchheims Basketballer haben keine Lizenz für die erste Basketball-Bundesliga (BBL) beantragt, weil der Verein wesentliche Kriterien dafür nicht erfüllt. Neben der sportlichen Qualifikation, die die Knights mit dem Erreichen des Play-off-Finales vorweisen können, sind dies:
Der Nachweis der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit: Voraussetzung für eine Erstliga-Lizenz ist ein Mindestetat von einer Million Euro.
Der Nachweis der spieltechnischen Einrichtungen: Gefordert ist eine Halle mit einem Fassungsvermögen von mindestens 3 000 Zuschauern.
Der Nachweis eines kaufmännischen Geschäftsbetriebes: Verlangt sind ein Geschäftsführer, ein Marketingmanager und ein PR-Manager, die jeweils hauptamtlich beschäftigt sein müssen.
Der Nachweis einer angemessenen Nachwuchsförderung: Verlangt sind hier zwei hauptamtliche Nachwuchstrainer sowie zwei Nachwuchsmannschaften, die in der Jugend-Bundesliga (JBBL) und in der Nachwuchs-Bundesliga (NBBL) vertreten sind.