Lokalsport

Die Taliban aus dem Kopf schießen

Warum Flüchtlinge in Weilheim Fußball spielen – Mbara Lamin Jeng aus Gambia will hoch hinaus

Flüchtlings-Fußball in Weilheim: Für die einen ist es Spaß und Fitness-Erhalt, für die anderen ein Verdrängungsversuch, der die Probleme für eine Weile ­beiseite schiebt.

Afghane Latifi (26/links) und Mbara Lamin Jeng aus Gambia (25) beim Training auf dem Weilheimer Kunstrasenplatz: Fußball spielen
Afghane Latifi (26/links) und Mbara Lamin Jeng aus Gambia (25) beim Training auf dem Weilheimer Kunstrasenplatz: Fußball spielen aus ganz unterschiedlichen Motiven.Foto: Jean-Luc Jacques

Weilheim. Er war einer der ersten Flüchtlinge, die im August 2015 ins neue Wohnheim am Stadion eingezogen waren. Größere Eingewöhnungsprobleme hatte Mbara Lamin Jeng (25) aus Gambia nach eigener Aussage wenig bis keine. Froh, nach einer fast zwei Jahre dauernden Flucht vor der Schreckensherrschaft des Diktators Yahya Jammeh endlich am deutschen Bestimmungsort angekommen zu sein, war dem Mann aus Westafrika erst einmal alles lieber als die unsäglichen Umstände in seinem Heimatland. Senegal, Libyen, Lampedusa, Schweiz, Erstaufnahmelager Karlsruhe, Mannheim – über diese Zwischenstationen war Lamin nach Weilheim gelangt, wo er nun seit sieben Monaten mit 98 weiteren Asylbewerbern lebt. Sämtliche Bewohner in der Unterkunft unterm Egelsberg sind männlich, die meisten keine 30, und „etwa 20 von ihnen nutzen das sportliche Angebot, das ihnen hier geboten wird“, wie Holger Kunze vom Weilheimer Arbeitskreis Asyl berichtet.

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Einer dieser sportlich-ambitionierten Refugees, die das vom TSV Weilheim speziell für Asylanten kreierte Mittwochs-Fußballtraining weidlich nutzen, ist eben Mbara Lamin Jeng. Der 180 Zentimeter große Torhüter hat vom Württembergischen Fußball-Verband Spielerpass und Freigabe erhalten und ist seit diesem Jahr Stammkeeper der aufstiegswilligen Weiheimer „Zweiten“ in der Kreisliga B. Sowohl Mannschaftstrainer Martin Geister („Mbara ist aus unserem Team nicht mehr wegzudenken“) als auch sein Entdecker Uwe Fechter, der Hauptverantwortlicher des Weilheimer Asylbewerber-Fußballprojektes ist, halten große Stücke auf ihn. Angeblich hat der Mann schon in der zweiten gambischen Liga gespielt – was Geister nach eigenen Eindrücken durchaus glauben kann. „Mbara hat schon das Zeug, höherklassig zu spielen. Allerdings darf man die Spielklassen in Gambia und Deutschland leistungsmäßig nicht miteinander vergleichen“, sagt er.

Im Asylanten-Team „International Weilheim“ kickt der Afrikaner Jeng schon mal gegen den Asiaten Latifi – ein Kontinentalvergleich auf unterer Ebene. Der 26-jährige Afghane ist einen halben Kopf größer, aber nicht halb so ehrgeizig wie Jeng, der sagt: „Fußball ist mein Leben. Am liebsten würde ich in Deutschland Profi werden“. Latifi sagt nichts über Fußball, redet stattdessen viel über seine Familie daheim, die neben den Eltern noch aus elf Geschwistern besteht. Die Familie lebe in ständiger Furcht vor den Taliban, weil er, Latifi, wegen seiner früheren Tätigkeit als Elektromechaniker einer türkisch-amerikanischen Firma in Ungnade gefallen sei. Am liebsten wäre er jetzt in der Heimat bei seinen Angehörigen, um dort aufzupassen, doch er könne auf keinen Fall wieder zurück, denn bei den Taliban stünde er auf der Fahndungsliste. Falls er entdeckt würde, hätte er um sein Leben zu fürchten.

Latifi hat Angst vor dem was noch passiert – die Lage in seinem Heimatland bleibt gefährlich und unübersichtlich. Es ist (s)ein großes Problem, das ihm dieser Tage immer wieder durch den Kopf geht. Noch sieht er für ein Ende der Lebens-Bedrohlichkeiten kein Land in Sicht – er weiß nur eines: Sicherer als in Afghanistan lebt es sich für ihn in jedem anderen Land. Fürs Erste lebt er nun eine ungewisse Zeit in Weilheim, wo er im Flüchtlingsheim zwar wenig Komfort vorfindet, außerhalb der Unterkunft aber jede Menge Sport. Latifi kickt gerne, und es lenkt für geraume Zeit ziemlich ab.