Lokalsport

Die Ungewissheit fliegt mit

Coronakrise Gleitschirm- und Drachenflieger gehören zu den Auserwählten, die ab kommenden Montag unter Auflagen wieder ihren Sport betreiben dürfen. Von Reimund Elbe

Gleitschirmflieger wird man bald wieder am Himmel sehen. Foto: Daniela Haußmann
Gleitschirmflieger wird man bald wieder am Himmel sehen. Foto: Daniela Haußmann

Die Eilmeldung rauschte am Dienstagabend durch die Lande und löste in Teilen der lokalen Sportszene Euphorie aus: Kontaktloser Outdoor-Sport soll laut Landesregierung ab kommender Woche unter strengen Hygienevorschriften wieder erlaubt sein.

Die frohe Botschaft sprach sich auch in Windeseile bei den Gleitschirm- und Drachenfliegern der Region herum, die hart von der Coronakrise gebeutelt waren. Nicht nur, weil die Startplätze an den Berghängen zu Krisenbeginn als Sportstätten angesehen wurden, sondern auch, weil bundesweit alle Fluggebiete vom Deutschen Gleitschirm- und Drachenflugverbande (DHV) rasch gesperrt wurden. „Dies ist die weitreichendste Maßnahme, die wir seit Bestehen unseres Verbandes jemals erlassen haben“, hieß es Mitte März im offiziellen Statement des Verbands.

Rund sieben Wochen sind seitdem verstrichen. Den Re-Start betrachtet die hiesige Szene neben aller Vorfreude auch mit Sorge. „Allen fehlt das Training“, sagt Jürgen Decker, Vorstandsmitglied des Delta- und Gleitschirmclub Weilheim (DGCW) Neidlingen, der an guten Tagen schon mal von Neidlingen bis an den Bodensee fliegt.

Für die Flugenthusiasten stellt sich die Lage dabei grundsätzlich anders dar als für viele andere Sportler: Fürs Schweben in den Lüften gibt es schlichtweg in solchen Ausnahmesituationen keine gleichwertige Kompensation. „Der Radfahrer kann auch während der Coronakrise Rad fahren, der Läufer laufen, der Flieger aber muss am Boden bleiben“, sagt Stefan Born vom Drachenfliegerclub Hohenneuffen.

Nur Starttraining war möglich

Diese fehlende Praxis birgt Risiken, die Angst vor einer erhöhten Unfallgefahr scheint alles andere als unbegründet. „Im Frühjahr starten bei uns viele in die Saison, in dieser Zeit erleben wir die Hochphase einer brodelnden Thermik“, erläutert Jürgen Decker. Das erforderliche Agieren in diesen Turbulenzen sei anspruchsvoll, erfordere neben einer besonders hohen Konzentration eine gute Grundlage durch erste, lockere Trainingsflüge. Virusbedingt fiel freilich jeglicher Übungsbetrieb seit Mitte März flach. „Es ist zwar grundsätzlich möglich, auf einer Wiese zumindest ein Starttraining sozusagen als Trockentraining durchzuführen“, erklärt Martin Lauk vom TV Bissingen. Doch diese müsse erst einmal gefunden werden und dürfe zudem keine Bäume als Hindernis aufweisen.

Der Neustart plus jener Prise Ungewissheit sorgt in der lokalen Flugszene jedenfalls für Nachdenklichkeit. Stefan Born schwebt seit rund einem Vierteljahrhundert durch die süddeutschen und angrenzende Lüfte. Der 49-jährige Routinier hat vor dem näher rückenden Neustart reichlich Respekt. „Angesichts der Tatsache, dass diesmal der Übungsbetrieb in dieser wichtigen Frühlingsphase komplett ausfiel, müssen wir Flieger entsprechend vorsichtig sein“, rät der Kirchheimer.

Kritik am Bundesverband

Andererseits stellt der näher rückende Wiedereinstieg für die hiesige Flugsportszene einen Weg zurück in ein kleines Stück Normalität dar, den sich andere Sportler noch sehnlichst wünschen. Den hätten die Gleitschirm- und Drachenflieger allerdings schon gerne schon etwas früher genossen. „Wenn ich in 2000 Meter Höhe unter einer Wolke fliege, ist die Ansteckungsgefahr für andere relativ gering“, sagt Jürgen Decker mit kritischem Unterton. Nicht unumstritten war nämlich in der Gleitschirmszene der frühe Entschluss des Bundesverbandes, die Schotten dicht zu machen. „Es gab schon viele, die das nicht verstanden haben“, betont Martin Lauk.

Der Abteilungsleiter der Bissinger Flieger hakt jedoch diese Diskussionen ab, blickt voraus und landet beim Thema Hygiene. Einen ganzen Mix von Vorgaben müssen die Klubs nun umsetzen: wie Abstand halten am Startplatz, keine Fahrgemeinschaften bilden, Menschenaufläufe unterbinden, das Desinfizieren des Sportgeräts und der Hände - Vorsicht heißt das Gebot der Stunde in der Gleitschirmfliegerszene beim Comeback im Mai 2020.

Wettkampfplanungen sind unmöglich

Die Lockerungen bei Outdoor-Sportarten wie Gleitschirmfliegen hatten in anderen Bundesländern bereits früher begonnen. So durften in Rheinland-Pfalz die Akteure bereits wieder ab 20. April ran - unter strengen Hygienevorgaben war dort Luftsport erlaubt.

Auf Wettkämpfe müssen die Flieger allerdings vermutlich noch längere Zeit verzichten. Die teils rapide ansteigenden Infiziertenzahl in anderen Ländern der Welt machen eine über die Grenzen gehende Planung aktuell unmöglich. „Es sind ja aktuell oft nicht einmal Reisen in ein anderes Bundesland möglich“, verdeutlicht Martin Lauk vom TV Bissingen das Dilemma der Flieger. rei

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