Lokalsport

Die Vielseitigste Europas

Johanna Zantop aus Weilheim holt EM-Gold im Einzel und mit der Mannschaft

In zehn Tagen beginnt das 44. Weilheimer Reit- und Springturnier. Im Mittelpunkt der dreitägigen Veranstaltung wird diesmal eine junge Dame stehen, die gar nicht am Turnier teilnimmt und trotzdem gewürdigt und vom Publikum gefeiert werden wird: Johanna Zantop (16), seit dem Wochenende frischgebackene Doppel-­Europameisterin der Junioren im Vielseitigkeitsreiten.

Unschlagbares Duo: Mit Deutschlandfahne auf dem Helm und im Gesicht hat Johanna Zantop auf Santana‘s Boy zwei Mal EM-Gold geholt
Unschlagbares Duo: Mit Deutschlandfahne auf dem Helm und im Gesicht hat Johanna Zantop auf Santana‘s Boy zwei Mal EM-Gold geholt.Foto: eventingphoto

Weilheim/Bialy Por. „Ich platze vor Stolz“, sagt Heike Glück. Die Vorsitzende des RFV Weilheim hat den Wettbewerb in Polen im Internet live verfolgt. „Nach dem Springfehler habe ich nur noch gezittert. Zum Glück ist alles gut gegangen. Wir werden Johannas tollen Erfolg im Verein entsprechend würdigen. Einen besseren Rahmen dafür als unser Turnier gibt es nicht.“

Besser als in dem westpommerschen Städtchen Bialy Bor, dem früheren Baldenburg, mit seinen 2 200 Einwohnern, hätte es für das Weilheimer Supertalent und die anderen deutschen Juniorinnen und Junioren nicht laufen können. „Es war eine starke, ausgeglichene Truppe mit lauter Neulingen, die für die Zukunft einiges versprechen“, lautet das Fazit von Bundestrainer Rüdiger Schwarz. Speziell über Einzelsiegerin Johanna Zantop sagte er: „Sie hat alles gebracht, was sie kann.“

Besonders bezogen auf die Dressur, der ersten der drei Teilwettbewerbe. Unter Johannas geschickter Regie ging der zehnjährige Wallach „Santana‘s Boy“ nahezu fehlerfrei und lieferte das mit Abstand beste Dressurergebnis aller 77 Starter ab. Das gab Sicherheit für den weiteren Verlauf des Wettbewerbs.

„Nur nichts unnötig riskieren“, lautete das Motto für den Geländeritt am Samstag bei tropischen Temperaturen. Johanna ritt eine Alternativ-Route und kam sechs Sekunden nach Ablauf der vorgeschriebenen Zeit ins Ziel, kassierte dafür 2,4 Minuspunkte. Beim Springen am Sonntag durfte sie sich nur noch einen Abwurf leisten, andernfalls wäre der Titel verloren gegangen. Bei der Dreifach-Kombination fiel eine Stange, doch dabei blieb es. Als nervenstarke Schlussreiterin sicherte sie der deutschen Equipe die Goldmedaille und krönte sich selber mit dem EM-Einzeltitel. Bescheidener als ihr Auftritt war die Siegprämie – 440 Euro für den ersten Platz, wovon der Veranstalter die Hälfte für sich beanspruchte.

Die Eltern, die für den 1 000 Kilometer langen Trip nach Polen extra Urlaub genommen hatten, fielen ihrer Tochter glücksstrahlend um den Hals. Auch ihre Trainerin Jutta Pöhlmann, die ebenfalls angereist war. Co-Bundestrainerin Julia Krajewski lobte: „Johanna ist schon taff. Du sagst ihr, was sie machen soll und sie setzt es einfach so mal um. Das hat mich schon beeindruckt.“

Nach der Siegerehrung trennten sich die Wege der Zantops. Vater und Mutter fuhren alleine zurück, Johanna mit der siegreichen Mannschaft im großen Spezial-Pferdetransporter nach Warendorf. Dort durften sich die Pferde von der langen Fahrt erholen. Gestern ging es gemeinsam mit Kollegin Romina Engelberth nach Heidelberg, wo Johanna von den Eltern mit dem kleinen Transporter abgeholt wurde. Großer Aufwand für ein sportliches Ziel. „Er hat sich gelohnt“, sagt Cordula Zantop nach der Rückkehr nach Weilheim.

„Im Ziel war Freude pur“

Der erste Start bei einem internationalen Titelkampf und gleich Doppel-Europameisterin. Hättest Du Dir das vorher träumen lassen?

Johanna Zantop: Davon geträumt habe ich schon, aber niemals daran gedacht, dass es auch in Erfüllung gehen könnte.

Wem, außer Dir selber, hast Du diesen Erfolg in erster Linie zu verdanken?

Zantop: Meinen Eltern, die mich immer unterstützen. Meiner Reitlehrerin Jutta Pöhlmann, die mich seit acht Jahren begleitet. Karin Hess-Müller in Schwäbisch Gmünd, der Züchterin meines Pferdes, bei der ich ein- bis zweimal im Monat Dressurtraining absolviere. Und natürlich meinem „Santana‘s Boy“, der immer mitkämpft und mich nie im Stich lässt.

Du hast das beste Dressurergebnis aller 77 EM-Teilnehmer erzielt. Hat Dich das für den weiteren Wettbewerb beflügelt oder mehr unter Druck gesetzt?

Zantop: Beides. Einerseits hat es Auftrieb gegeben. Andererseits hatte ich schon immer den Gedanken im Hinterkopf, dass noch etwas schiefgehen könnte. Vor allem nach dem Abwurf im Springen. Im Ziel ist die ganze Anspannung von mir abgefallen. Da war nur noch Freude pur.

Du gehst in Stuttgart zur Schule, betreibst Deinen Sport sehr intensiv. Freizeit wird klein geschrieben. Bist Du bereit, weiterhin so hohen Aufwand zu betreiben?

Zantop: Ja, ich mache so weiter. Zum Glück habe ich in der Schule keine Probleme. Die Noten waren gut, im Schnitt zehn Punkte, was etwa einer 2,2 entspricht. Ich komme jetzt in die Abschlussklasse und werde mich konzentriert auf das Abitur vorbereiten.

Hast Du vor, einmal Berufsreiterin zu werden?

Zantop: Nein, ich hätte Angst, dass mir das Reiten dann irgendwann keinen Spaß mehr macht. Ich will studieren und einen anderen Beruf ergreifen. Was, weiß ich noch nicht.

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