Lokalsport

Die Viererkette aus der Besenkammer​

Platznot Die VfL-Fußballer erleben nach dem Abriss der Stadion-Gaststätte ungewöhnliche Mannschaftssitzungen. Als einziger Bezirksligist ohne Vereinsheim. Von Bernd Köble

Mannschaftsbesprechung mit Stehplatz-Garantie: Seit es den Teil des Stadions mit Gaststätte nicht mehr gibt, heißt es für die Fu
Mannschaftsbesprechung mit Stehplatz-Garantie: Seit es den Teil des Stadions mit Gaststätte nicht mehr gibt, heißt es für die Fußballer des VfL Kirchheim nach dem Training regelmäßig: eng zusammenrücken.Foto: Carsten Riedl

Schöne Aussicht: Wer aus dem Saunabereich im neuen Sportvereinszentrum des VfL Kirchheim auf die Terrasse tritt, hat einen exklusiven Blick. Aufs weite Oval des Stadions. Aufs satte Grün des Rasens. Anderswo beneiden sie den VfL darum. In der Bezirksliga sowieso, wo der einstige Regionalligist inzwischen kickt. Anderswo ist aber auch dort, wo man nach dem Training noch bei einem Bier zusammensitzt und der kommende Gegner mit jedem Schluck anfälliger wird für Konter. Nicht, dass es so etwas beim VfL nicht gäbe. Die Besprechung nach dem Training, Ausklang, Kameradschaft. Statt zwischen Zapfhahn und gläsernen Pokal-Vitrinen sitzen die Kicker mit den blauen Leibchen vor Waschmaschinen, Trocknern und allerlei Gerümpel. Irgendwo im Niemandsland zwischen Klotür und grau gekachelter Nasszelle.

Seit ein Teil des alten Stadions dem neuen Sportvereinszentrum weichen musste, ist die Gaststätte Geschichte. Der Verein mit seinen 400 Jugendlichen und einer der größten Fußballschulen im Verbandsgebiet seitdem der einzige von sechzehn Mannschaften in der Bezirksliga ohne Vereinsheim. Mehr noch: ohne geeigneten Raum für Mannschaftssitzungen oder Trainerfortbildungen und ohne Wärmstube für Eltern, die an kalten Winterabenden nach dem Training auf den Nachwuchs warten. Im neuen Schmuckkästchen nebenan gibt es zwar einen Seminarraum, den die Fußballer nutzen dürften. Doch wenn das Training am späten Abend vorüber ist, gehen dort schon meist die Lichter aus.

Claus Maier hat als Spieler noch die Zeiten erlebt, als die Regionalliga-Mannschaft hinterher beisammensaß und den Altvorderen am Stammtisch in der Stadion-Gaststätte Rede und Antwort stehen musste. Heute ist er einer von vier Abteilungsleitern beim VfL und er sagt: „Das heute ist eigentlich kein Zustand.“ Verhältnisse lassen sich ja ändern. Die Frage ist nur wie? Die Abteilung ist nach dem Finanzkollaps, der vor sechs Jahren zum Zwangsabstieg aus der Oberliga führte, inzwischen aus dem Gröbsten raus. Die Finanzen sind geordnet, auf dem Spielfeld wird wieder häufiger gejubelt als getrauert, die Landesliga ist plötzlich wieder Thema. An große Sprünge zu denken, ist noch immer streng verboten. Doch auch kleine kosten Geld. Etwa 60 000 Euro, hat Maier errechnet, müsste die Abteilung zusammenkratzen, um dort, wo heute der kleine Stadion-Kiosk steht, eine Behausung mit Platz für etwa 50 Personen zu errichten. Sechs auf zwölf Meter. Ein richtiges Vereinsheim wäre das nicht. Eher eine Art Notbiwak. In Holzbauweise oder in Containerform.

Eine Summe, die man dennoch allein auf keinen Fall wird aufbringen können, unterstreicht Karl Magg. Seit zweieinhalb Jahren verwaltet er die Finanzen der Abteilung. „Wir haben inzwischen genug Geld, um den Alltag zu meistern“, sagt der 76-Jährige. „Mehr aber auch nicht.“ Seit Beginn der Siebziger hat Magg alle Höhen und Tiefen im Verein miterlebt. Klar ist: Ohne Darlehen und Sponsoren geht es nicht. „Wir werden uns auf gar keinen Fall neu verschulden“, sagt er.

Grundstück ja, Geld nein

Auf der Suche nach einem Finanzierungskonzept ist inzwischen auch die Stadt zumindest ein Gesprächspartner. Kirchheims Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker hat den Fußballern bei einem ersten Treffen im Dezember Unterstützung zugesichert. Es geht um das Überlassen des möglichen Baugrunds im städtischen Stadion im Rahmen einer Erbpacht. „Bei den paar Quadratmetern sehe ich kein Problem“, meint die Rathauschefin, die auch bei der Suche nach Geldgebern als Fürsprecherin auftreten will. Finanzielle Hilfe, das stellt sie klar, hat die Abteilung nicht zu erwarten. Schließlich hat sich der Sturm, der aufkam, nachdem die Stadt eine sechsstellige Bürgschaft beim Bau des Sportvereinszentrums übernommen hatte, gerade erst gelegt.

Jetzt ist die Fußball-Abteilung am Zug. Angebote sondieren, Sponsoren hofieren, der Stadt ein genehmigungsfähiges Konzept unterbreiten. Karl Magg ist optimistisch, dass dies gelingt. „Mit vereinten Kräften könnten wir das schaffen“, meint er. Vielleicht haben die Fußballer am ersten Saisonspieltag im August bereits ein neues Dach über dem Kopf. Vielleicht regnet es dann ja sogar.

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