Lokalsport

Die Zitrone ist der Anker

Reportage Seit Juli ist der Kirchheimer Sandro Stuppia als Trainer im Nachwuchsleistungszentrum von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt aktiv. Der Teckbote hat den 32-Jährigen einen Tag lang begleitet und hinter die Kulissen geblickt. Von Max Pradler

Täglich klügelt Sandro Stuppia den Trainingsplan für seine U16 aus. Foto: Max Pradler

Wenn Sandro Stuppia abends gegen 21 Uhr seine Wohnungstür hinter sich schließt, die Schuhe auszieht und seine Tasche auf dem Esstisch abstellt, schnauft er erst einmal tief durch. „Jetzt bin jetzt echt groggy“, sagt der 32-Jährige. Ein kurzer Anruf bei der Ehefrau und eine Kleinigkeit essen - mehr ist an diesem Abend nicht mehr drin. Das Bett ruft, denn am nächsten Morgen geht es schon wieder weiter - im Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) von Fußball-Bundesligist Eintracht Frankfurt. Dort ist der Kirchheimer seit Juli angestellt und Trainer der U16-Mannschaft. „Viele sagen, das ist doch nur Fußball und ein bisschen Training hier und da. Was an Organisation und Arbeit dahinter steckt, wissen die meisten gar nicht“, so Stuppia. Da ist was dran: Denn schon am nächsten Vormittag zeigt sich, dass die 90 Minuten Training, die viermal pro Woche abends auf dem Programm stehen, der wohl angenehmste Teil seiner Arbeit sein dürften.

Ein Weltmeister ruft an

Es ist noch ziemlich ruhig, wenn der schwäbische Italiener um 10 Uhr in sein Büro im zweiten Stock des NLZ kommt. Fußballer scheinen wohl nicht gerade Frühaufsteher zu sein. Stuppia genießt die Stille, während er seinen Kaffee trinkt und den Computer hochfährt. Als er zum Lüften das Fenster kippt, war‘s das allerdings mit dem Ungestörtsein. Draußen ist bereits der Platzwart auf Zack und fährt seinen lauten Rasenmäher über das Grün. „So, spätestens ab jetzt dreht sich alles nur noch um Fußball“, grinst Stuppia und zeigt dabei auf die insgesamt acht Taktiktafeln, die an der Wand hängen. Die Freude an seinem Job ist ihm wahrlich anzumerken. Und der Schein trügt nicht. „Jeden Morgen, wenn ich das Gebäude betrete, bin ich unglaublich stolz, dass ich hier arbeiten darf.“

Los geht‘s mit dem Trainingsplan. Dieser muss Tag für Tag ausgeklügelt und dokumentiert werden. Jeder Pass, jede Bewegung, jedes Hütchen - der 32-Jährige hält alles schriftlich fest und veranschaulicht die Spielformen mit einem Grafik-Programm. Allein dieser Vorgang dauert - je nach Umfang - schon den ganzen Vormittag. Das ist Pflicht. „Die Leitung des NLZ schaut mit mir dann drüber und gibt mir Feedback, falls noch was verändert werden soll“, erklärt Stuppia, der seine Trainerkarriere einst in der Jugend des VfL Kirchheim begann. Dies sei wichtig, denn so kontrolliere der Verein, ob auch alle Nachwuchsteams die von der Eintracht aus vorgegebene Trainings- und Spielphilosophie verfolgen. Auf der Agenda in dieser Woche stehen Ballbesitz und Umschaltspiel.

Seit 1. Juli ist der Kirchheimer bei der Frankfurter Eintracht angestellt. In der Main-Metropole hat der Kirchheimer einen Zweijahresvertrag. Foto: Max Pradler

Plötzlich klingelt das Telefon. Am Apparat: Andreas Möller, seit 1. Oktober neuer Leiter des NLZ. Er bestellt Stuppia in sein Büro. Der Kirchheimer Nachwuchscoach steht sofort auf. Keine 20 Schritte später ist er bereits am Ziel angekommen. Schräg gegenüber liegt das Arbeitszimmer des einstigen Weltmeisters und Champions-League-Siegers. Knapp eine Stunde später kommt Stuppia mit einem Lächeln im Gesicht zurück: „Da steht jemand vor mir, der im Fußball alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, und der nimmt sich so lange Zeit, um mit mir über mein Team zu sprechen. Das ist was Besonderes.“ Möller sei zufrieden mit der Entwicklung des Teams und dem aktuellen zweiten Platz in der Hessenliga - vor allem weil die Frankfurter mit dem jüngeren B-Jugend-Jahrgang antreten. Aber auch so sei der 52-jährige NLZ-Chef „ein total bodenständiger und sympathischer Typ“, mit dem man zudem jederzeit Privates besprechen könne.

Ein familiäres Klima wird bei der Eintracht generell groß geschrieben. Überall herrscht das Prinzip der offenen Tür. „Ist irgendein Büro ausnahmsweise mal geschlossen, dann hat das seinen Grund“, schildert Stuppia, der vergangene Saison noch in der 3. Liga als Co-Trainer beim VfR Aalen tätig war. Das Gemeinschaftsgefühl im ganzen Gebäude verstärkt zudem das stets auffallende Vereinsemblem. Egal ob an Türen, Wänden, Stühlen oder Schildern - der Frankfurter Adler ist hier allgegenwärtig.

Wenn Fußball doch zur Nebensache wird

Zeit zum Mittagessen: Doch während sich die meisten Mitarbeiter im Vereinsrestaurant „Diva“ im Erdgeschoss treffen, bleibt Sandro Stuppia an seinem Arbeitsplatz: „Meistens habe ich keine Zeit für ein gemütliches Essen.“ Stattdessen packt er eine blaue Tupper-Box aus und stellt sie neben seinen Laptop. Es gibt gefüllte Paprika. „Das hat mir meine Frau bei meinem letzten Besuch mitgegeben. Von ihr schmeckt es mir eben doch am Besten“, freut er sich. Fängt er an, von seiner Frau Marcella zu sprechen, dann wird auch der Fußball zumindest für ein paar Augenblicke zur Nebensache. Vor zwei Jahren haben die beiden geheiratet, im November bekommt das Paar zum ersten Mal Nachwuchs. Um während der Schwangerschaft im gewohnten und familiären Umfeld zu sein, blieb Marcella in Kirchheim. Das soll auch vorerst so bleiben. Ein- bis zweimal pro Woche fährt der baldige Familienvater für eine Nacht nach Hause. „Das ist keineswegs optimal, aber trotz allem irgendwie ein Kompromiss. Auch wenn uns das alles zusammenschweißt und die Fürsorge füreinander in den vergangenen Monaten extrem gewachsen ist, fällt uns jeder Abschied aufs Neue unfassbar schwer“, erzählt Sandro Stuppia, der vorerst bis 2021 bei der Eintracht unter Vertrag steht.

Foto: Eintracht Frankfurt

Zwischen Mahlzeit und Training steht die optimale Match-Vorbereitung auf dem Programm. Dazu gehört stundenlanges Analysieren von Videosequenzen, sowohl von der eigenen Mannschaft als auch vom kommenden Gegner. Stuppia gilt als Taktikfuchs, der jeden Gegner genau unter die Lupe nimmt, um dessen Schwächen ausfindig zu machen. Aus allen Infos stellt er dann für die Abschlussbesprechung eine Powerpoint-Präsentation zusammen, schließlich soll sein Team für jede Spielsituation eine Lösung parat haben. Diese kann dann schon mal 20 bis 30 Seiten lang werden. „Ich will meinen Jungs einen Plan mit an die Hand geben, damit sie stets wissen, was zu tun ist.“ Zwischendurch wird der Kirchheimer immer wieder unterbrochen. Einmal kommt die Vereinspsychologin vorbei und vereinbart Gesprächstermine für die Spieler, ein weiteres Mal der Scout, der neue Aufträge entgegennimmt. Auch andere Jugendtrainer oder Marco Pezzaiouli, technischer Direktor der Frankfurter, schauen immer mal wieder vorbei. Gestört fühlt sich Stuppia dadurch nicht, ganz im Gegenteil: „Wir sind hier ständig im Austausch miteinander, das ist sehr wertvoll.“

Die Wand ist plötzlich Taktiktafel

Vor der Übungseinheit geht‘s nochmal kurz runter in den Kabinentrakt, das Material checken und die Hütchen und Leibchen bereitlegen. Auf dem Weg dahin trifft Stuppia zwischen Tür und Angel den U17-Coach Jan Fießer. Ein kurzes Hallo oder etwas Smalltalk? Fehlanzeige. Hier sind soeben zwei Fußball-Freaks aufeinander getroffen, die keine Sekunde auslassen, um über ihre Leidenschaft zu philosophieren. Wenn es dann mal wieder um den neuesten Spielzug geht, muss notfalls auch die Wand als Taktiktafel herhalten. Energisch fährt Stuppia mit seinen Fingern an der weißen Tapete entlang, um darzustellen, wie sich die Mittelfeldspieler positionieren und bewegen sollen. Fießer schaut gespannt hin. Kein Zweifel: Die beiden Fachmänner sehen das Spielfeld in diesem Moment deutlich vor ihrem inneren Auge.

Foto: Eintracht Frankfurt

Beim Streifzug durch den optisch sterilen Kabinentrakt geht es vorbei am Eisbecken, an der Sauna und am Massage-Bereich - für die jungen Nachwuchstalente gibt es hier alles, was das Sportlerherz begehrt. Am Ende des Ganges rechts ist der „heilige Gral“ der U16 - die Kabine. In diesen vier Wänden schwören sich Team und Trainer jedes Mal aufs Neue ein. Hier jubelt man gemeinsam und hier hadert man gemeinsam. Was in der Kabine gesprochen wird, verlässt den Raum in der Regel nicht - dieser Grundsatz gilt im Sport nicht nur bei Fußballern. „Alles was uns wichtig ist, steht hier zur Verinnerlichung auf Plakaten: Unsere Prinzipien, unser Ziel, unsere Einstellung und das, was wir uns vor der Saison gegenseitig versprochen haben“, sagt Stuppia. Im Fokus steht dabei eine Zitrone. Groß abgebildet hängt die gelbe Frucht in der Mitte des Raumes. Die Zitrone sei nicht nur ein gedanklicher Fixpunkt, „sie ist unser Anker, ein Symbol, an das wir uns immer und immer wieder klammern“. Beim ersten Training habe jeder Spieler eine halbe Zitrone bekommen. Gemeinsam mussten die Nachwuchskicker dann über einem großen Gefäß ihre jeweilige Hälfte ausdrücken. „Jeder gibt seinen Anteil in ein großes Ganzes. Und wenn man denkt, das war‘s, dann drückt man noch ein wenig fester und es kommt ein weiterer Tropfen. Und noch einer, und noch einer“, erklärt der einstige Rechtsverteidiger des TSV Weilheim.

Der Aushang in der Kabine: Hier verinnerlichen sich die Nachwuchstalente vor jedem Training und vor jedem Spiel noch mal ihre Prinzipien und Ziele. Stets im Fokus: die Zitrone. Foto: Max Pradler

Meckern auf hohem Niveau

Die letzten Schritte vor dem Training: Gegen 17.30 Uhr, eine halbe Stunde vor Beginn, holt Sandro Stuppia seine Sportklamotten aus der vereinsinternen Wäscherei. Das geht fix, denn Zeugwart Klaus Nulle hat seinen Arbeitsraum direkt neben der U16-Kabine. In einem großen weißen Beutel ist alles drin: Jogginghose, Oberteil, T-Shirt, Unterwäsche und Socken. Schnell zieht sich der 32-Jährige um. Dabei stellt er fest, dass eine Socke noch nicht ganz trocken ist. Skeptisch und mit bangem Blick angesichts der frischen Temperaturen draußen zieht er den Strumpf trotzdem an. „Es läuft halt doch nicht immer alles glatt. Aber das ist in diesem Fall Meckern auf ganz, ganz hohem Niveau“, scherzt Stuppia, bevor er sich in der Dämmerung in Richtung Kunstrasenplatz davonmacht.

Prädikat „sehr gut“

Das Nachwuchsleistungszentrum im Frankfurter Riederwald wurde am 1. November 2010 eröffnet und beherbergt seitdem alle Teams von der U10 bis zur U19. Das 7700 Quadratmeter große Gebäude gilt als eines der modernsten Leistungszentren in Europa. 70 Trainer, Betreuer und Mitarbeiter verfolgen das Ziel „Ausbildung zum Profispieler“. Diese enthält nicht nur den fußballerischen Aspekt, sondern auch die persönliche Entwicklung der Nachwuchskicker. 2017 ist das NLZ von der belgischen Agentur „Double Pass“ im Auftrag des DFB und der DFL für seine Arbeit mit dem höchstmöglichen Ergebnis von drei Sternen (sehr gut) ausgezeichnet worden. max

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