Lokalsport

Durchhalten bis Zürich 2014

Chic sieht er aus, der Herr am Computer hinter dem Bankschalter. Bisher kannten ihn die meisten nur in Sportklamotten. Seit 1. November trägt Tobias Unger statt kurzer Hose und Trikot einen dunklen Anzug mit Krawatte. In neuem Outfit hat für den besten und beständigsten deutschen Sprinter des letzten Jahrzehnts aus Kirchheim die berufliche Zukunft begonnen.

Tobias Unger an seinem Arbeitsplatz bei der KSK Filiale Plochingen
Tobias Unger an seinem Arbeitsplatz bei der KSK Filiale Plochingen

Kirchheim. Unger ist schon seit zehn Jahren gelernter Bankkaufmann. Nach seiner zweijährigen Ausbildung bei der Kreissparkasse studierte er in Tübingen Sportmanagement, machte parallel zu seiner sportlichen Laufbahn den Bachelor in Sport- und Gesundheitsförderung. Als 33-Jähriger ist er nun zur Bank zurückgekehrt – der zweite Schritt in seine zweite Karriere. Noch will er nicht loslassen von seinem professionell betriebenen Hobby, stellt sich deshalb der Doppelbelastung aus Beruf und Leistungssport. Eine extreme Herausforderung.

Anzeige

Als Trainee erlebt Unger jetzt noch einmal, was er damals schon gelernt hat. KSK-Pressesprecher Uli Unger, weder verwandt noch verschwägert mit dem berühmten Namensvetter: „Tobias durchläuft das ganze Haus, überwiegend im Regionalbereich Kirchheim. Eine sogenannte Schnellbleiche von sechs bis acht Monaten. Die ist notwendig, weil sich in den letzten zehn Jahren seit seiner Ausbildung im Bankwesen viel verändert hat.“

In der ersten Phase der Retro­spektive ist Schalterdienst in der Zweigstelle Plochingen angesagt. „Das macht Spaß, wir sind ein tolles Team“, meint Tobias Unger. Ungewohnt sei nur das stundenlange Stehen. „Wenn ich abends zum Training gehe, habe ich müde Beine. Die ersten drei Wochen waren der Horror, eine brutale Umstellung. Aber langsam gewöhne ich mich dran.“ Coach Micky Corucle, der Tobias nun schon im 19. Jahr betreut („ein Jahr weniger als ich verheiratet bin“), nimmt Rücksicht und drosselt das Trainingspensum. Statt der üblichen neun bis zehn Einheiten pro Woche werden nur noch sechs absolviert. Wie sich das auswirkt, weiß Unger noch nicht. Aber den Ehrgeiz hat er, trotz des Ganztagsjobs und mit vermindertem Grundlagentraining Topleistungen zu bringen.

Die Hallensaison ist gestrichen, auch weil ihm und seiner Trainingsgruppe in diesem Winter keine Halle zur Verfügung steht. Die Molly-Schauffele-Halle in Stuttgart, gleich hinter der Mercedes-Benz-Arena, in der sonst trainiert wird, ist wegen Renovierung noch bis Mai geschlossen. Unger: „Wenn ich an den Start gehe, will ich bestens vorbereitet sein und um den Sieg mitlaufen. Mittelmaß ist nicht mein Anspruch.“ Deshalb bereitet er sich gleich auf die Freiluftsaison vor, in der sein Fokus auf den 100 Metern liegen wird.

Auf die Staffel wird er in Zukunft wohl verzichten müssen. Die DLV-Kollegen beziehen schon im Januar das erste Trainingslager auf Teneriffa – ohne ihn, den hauptberuflichen Banker. Es sei denn, es findet sich rasch ein Sponsor. „Dann besteht die Möglichkeit, ihn freizustellen, wenn er sein Trainee-Programm absolviert hat“, meint Uli, der andere Unger von der Kreissparkasse.

So oder so, das Fernziel des „Schwabenpfeils“ bleibt die WM 2014 in Zürich. Der VfB Stuttgart hat seinen Vertrag kürzlich erst um ein Jahr verlängert und mit einer Option für eine weitere Saison versehen. Micky Corucle ist überzeugt, dass sein Schützling den Vertrauensvorschuss rechtfertigt: „Tobias wird die jüngeren Sprinter auch in den nächsten zwei Jahren noch häufig ärgern“, ist er sich sicher. Dann allerdings nicht mehr in den Klamotten und Schuhen des bisherigen Ausrüsters. Sein Vertrag mit Nike ist ausgelaufen und wurde nicht verlängert. Der Hauptsponsor des DLV speckt ab. 60 Prozent der Einzelverträge mit den Topathleten wurden gekündigt, auch die mit seinen Trainingspartnern Alex Schaf und Marius Broening. „Das macht alles nicht leichter“, sagt Unger. Trainer Corucle, der in Köngen einen Sportshop betreibt, will die Athleten nun selber ausstaffieren – und seinen Unmut über den abtrünnigen Sponsor auf seine Art zum Ausdruck bringen: „Beim nächsten Meeting werde ich ein Nike-Trikot anziehen und das Firmen-Logo mit der Schere ausschneiden.“ Für Protestaktionen dieser Art hat Unger derzeit keine Gedanken frei. Sein Kopf ist angefüllt mit Kontonummern, Kapitalanlagen, Immobiliengeschäften und Softwareprogrammen.