Lokalsport

Ein Bissinger schnuppert zum zweiten Mal Paralympics-Luft

Der oberschenkelamputierte Stefan Lösler aus Bissingen startet als Triathlet bei den Paralympics in Rio – nicht sein erster olympische Auftritt.

Kirchheim. „Das ist der Knaller“, jubelt der doppelte Olympionike, der in Bissingen aufgewachsen ist und heute in Ilsfeld bei Heilbronn lebt. Lösler schaut öfter in der alten Heimat vorbei – seine Eltern wohnen in Kirchheim. Bei Besuchen berichtet er ausführlich über seine sportlichen Aktivitäten.

Zum Beispiel über die Europameisterschaft in Lissabon. Beim Triathlon in der portugiesischen Hauptstadt sprang ein fünfter Platz heraus. Dieser reichte eigentlich nicht, um sich für Rio zu qualifizieren. Doch er bewarb sich beim internationalen Verband ITU um eine Wild Card – und erhielt sie. Er war einer von drei Athleten weltweit, die durch das Hintertürchen das Olympia-Ticket bekamen. „Ich freue mich sehr, dass es doch noch für die Paralympics gereicht hat. Das wird ein Riesenerlebnis“, sagt der Europameister von 2013 und WM-Siebte von 2015. Die Sommerspiele hätten für ihn noch mehr Bedeutung als die im Winter. Es sei eine große Ehre, für Deutschland zu starten. Seine Genugtuung vor dem hintergrund seines Schicksals nachzuvollziehen.

Vor sechs Jahren wurde Lösler Opfer eines Verkehrsunfalls, infolge dessen der linke Oberschenkel amputiert werden musste. In den jeweils zwei Monaten im Krankenhaus und in der Reha beschlich ihn eine „ungeheure Traurigkeit“. Doch er begriff schnell, dass es darauf keine Antwort gab. Seine positive Grundeinstellung und sein großer Ehrgeiz halfen ihm über diese Krisenzeit hinweg. „Ich schaff das“, redete er sich immer und immer wieder ein. Familienangehörige und Freunde unterstützten ihn, wo es nur ging. Ihm kam auch zugute, dass er schon immer einen Bewegungsdrang hatte und als Hobbytriathlet, Snowboarder und Kickboxer körperlich fit war. Die Kampfsportart musste er allerdings nach dem Unfall aufgeben.

Doch dem Triathlon und dem Snowboard blieb Lösler treu. Zuerst lernte er mühselig das Laufen mit einer Prothese, dann begann er wieder mit dem Training. Mit Schwimmen, Nordic Walking und Radfahren fing er an. Bereits 2012 absolvierte er Strecken über zehn Kilometer. Im selben Jahr wurde er sogar Duathlon-Vizeweltmeister. Im Winter raste er mit dem Snowboard die Ski-Hänge hinunter. „Der Sport war damals Therapie für mich und hat mir enorm geholfen, das eine oder andere Tief zu überwinden. Er war eine Bestätigung für mich selbst und für den Kopf“, so Lösler.

Der Sport gehöre einfach zu seinem Leben und sei heute der beste Ausgleich zu seinem Beruf als Software-Entwickler. Seine extra angefertigten Spezialprothesen ermöglichen es ihm, problemlos seiner Ausdauerdisziplin im Sommer nachzugehen. Seit zwei Jahren konzentriert er sich ganz auf den Triathlon. Bei den Behinderten ist die sogenannte Sprintdistanz üblich. Das heißt 750 Meter Schwimmen, 20 Kilometer Radfahren und fünf Kilometer Laufen. Letzteres mag er am liebsten, da hat er auch seine Stärken und gibt noch manchen Konkurrenten das Nachsehen. „Man glaubt gar nicht, was für Kräfte in einem stecken“, sagt der 31-Jährige, der vor Rio noch ein zweiwöchiges Trainingslager an der Sportschule Kienbaum absolviert.

Bei Olympia möchte er im Vorderfeld mitmischen. Ein Platz unter den Top fünf wäre für ihn das Größte. Er startet in der Klasse „Schwerste Behinderung stehend“. Finanzielle Unterstützung erhält er von einer Organisation, mit der er eigentlich gar nichts zu tun hat. Nämlich vom niedersächsischen Behinderten-Sportverband.

Olympialuft schnupperte der Schwabe bereits im März 2014 in Sotschi. Damals trat er als erster und einziger deutscher Para-Snowboarder bei den Paralympics an. Dieser Wettbewerb, den die Amerikaner dominierten, war neu ins Programm aufgenommen worden. Für Lösler waren die Spiele am Schwarzen Meer in Russland ein unglaubliches Ereignis, das er nie mehr in seinem Leben vergessen werde. Er erreichte den 22. Platz und zeigte sich damit hochzufrieden.

Als er seinen zweiten Lauf perfekt runtergebracht habe, sei die Freude riesig gewesen. Wenn er an die „Wahnsinnsstimmung“ in Sotschi denkt, bekommt er heute noch eine Gänsehaut: „Als wir bei der Eröffnungsfeier über die Rampe in dieses riesige Stadion reinmarschiert sind, hat es mir buchstäblich die Sprache verschlagen.“ Ähnliche Emotionen könnten sich demnächst in Rio de Janeiro einstellen.

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