Lokalsport

„Ein großes Spiel, das man ein Leben lang nicht vergisst“

Heute vor zehn Jahren: Das DFB-Pokal-Match gegen Hannover lockt 4 500 Zuschauer ins Kirchheimer Stadion und spült 100 000 Euro in die Kasse

VFL Kirchheim - Hannover96. Hannover Star Jan Simak (hinten), Thomas Schneider (links)
VFL Kirchheim - Hannover96. Hannover Star Jan Simak (hinten), Thomas Schneider (links)

Heute auf den Tag genau vor zehn Jahren erlebte die Fußballabteilung des VfL Kirchheim mit dem DFB-Pokal-Erstrundenspiel gegen Hannover 96 die wichtigste Partie der Vereinsgeschichte. Der 31. August 2003, ein Sonntag, geriet zu einem denkwürdigen Tag, von dem die Protagonisten noch heute schwärmen.

Thomas Pfeiffer

Kirchheim. Im selben Jahr, als Angelika Matt-Heidecker den damaligen Finanzbürgermeister Helmut Riegger bei den Kirchheimer OB-Wahlen im zweiten Wahlgang spektakulär um 168 Stimmen schlug, da landeten die Fußballer des VfL Kirchheim eine national beachtete Sensation. Im WFV-Pokal gelang der Durchmarsch bis ins Endspiel – wo man es mit dem Regionalligisten SV Stuttgarter Kickers zu tun bekam. Doch nicht der namhafte Drittligist triumphierte schließlich im Sindelfinger Floschenstadion, sondern der Fünftklässler von der Teck. In 90 nervenaufreibenden Finalminuten erlebten 1 200 Zuschauer zwei VfL-Tore durch Abou Shoura (22.) und René Grober (62.) sowie einen Kickers-Treffer von Bernd Eckhardt (67.) – das Kirchheimer 2:1 hatte kaum jemand auf der Rechnung gehabt. Dem fußballerischen VfL-Sommermärchen 2003 folgte der kommunalpolitische Winterkrimi an der Wahlurne – mit dem nächsten Erfolgserlebnis für Angelika Matt-Heidecker, die bekanntlich bekennende (VfL-)Fußballsympathisantin ist.

Auf den Tag genau heute vor zehn Jahren saßen die OB-Wahlkämpfer einträchtig im Kirchheimer Stadion, als die Kicker in Blau in der ersten Runde des DFB-Pokals auf den Bundesligisten Hannover 96 trafen. Vor 4 500 Besuchern unterlagen die VfL-Fußballer nach Treffern von Christiansen (3./75. Strafstoß) und Krupnikovic (68.) mit 0:3. Weil die Vorgabe von Trainer Sascha Gavranovic („wir brauchen ein Resultat, das Selbstbewusstsein bringt“) eindrucksvoll erfüllt worden war, freuten sich die VfL-Kicker nach dem Schlusspfiff fast mehr als die mitgereisten 400 Hannoveraner Fans. „Wir haben damals einen echten Achtungserfolg geschafft“, sagt der damalige VfL-Spieler Gaetano Caruana heute, „für uns alle war es ein großes Spiel, das man ein Leben lang nicht vergisst.“ So wie das Match in die VfL-Historie als wichtigstes Fußball-Event aller Zeiten einging, so ist es in der Laufbahn des heute 33-Jährigen ein absolutes Highlight.

VfL-Spieler wie Torhüter Michael Schöffel, Christopher Eisenhardt, Archontis Siopidis und Mannschaftskapitän Torsten Schöllkopf hatten damals versucht, nach einem Mannschaftsabend mit Übernachtung im idyllisch gelegenen Wanderheim Wasserberghaus oberhalb von Schlat an der großen Sensation zu drehen. Doch es war ein zu schweres Unterfangen: Die Truppe von Trainer Ralf Rangnick lief in Kirchheim zwar ohne den an einer Rippenprellung leidenden Ex-Kirchheimer Thomas Brdaric auf, hatte aber den angehenden Nationalspieler Per Mertesacker, Tschechiens Ex-Nationalspieler Jan Simak und mit Außenverteidiger Steven Cherundolo einen bis heute an drei Weltmeisterschaften beteiligten US-amerikanischen Außenverteidiger dabei. Cherundolos Nebenspieler hieß übrigens Thomas Schneider – der heutige VfB-Trainer.

„Gegen die eingespielten Profis hatten wir in den meisten Zweikämpfen natürlich das Nachsehen. Trotzdem war es für alle ein Supererlebnis“, reflektiert Oliver Klingler die Partie, nach deren Abpfiff man in der Stadiongaststätte gemeinsam die Aufzeichnung in der ARD-Sportschau anschaute. Zuvor war Klingler an jener Szene beteiligt gewesen, die für die Kirchheimer in Halbzeit zwei zum großen Mutmacher geworden war: Die Rote Karte für Hannovers Angreifer Jiri Stajner wegen einer Tätlichkeit (42.) brachte den Gastgebern 48-minütiges Überzahlspiel ein. Nachdem es zu diesem Zeitpunkt lediglich 0:1 stand, machte Gavranovic seine Mannen bei Halbzeit nochmals heiß. Doch Hannovers Serbe Nebojša Krup­nikovic zerstörte sämtliche VfL-Hoffnungen. Sein Schuss aus zwölf Metern zum 0:2 (68.) entschied eine Partie, in der leidenschaftlich kämpfende VfL-Fußballer dem Favoriten das Leben über eine Stunde lang schwer gemacht hatten. „Sensationell, was meine Mannschaft nach dem 0:1 abgeliefert hat“, schwärmte Gavranovic, dieweil 96-Coach Rangnick höchst unzufrieden war. „Einige meiner Spieler haben mit angezogener Handbremse gespielt“, diktierte er den anwesenden Journalisten in die Notizblöcke.

„Wenn Kirchheim in der ersten Halbzeit den 1:1-Ausgleich erzielt hätte, wer weiß, welchen Verlauf das Spiel dann genommen hätte“, spekuliert Torsten Schöllkopf, der damalige VfL-Kapitän, heute. Hätte. Am verdienten Sieg des Bundesligisten hatte aber auch er keine Zweifel. Ebenso wenig wie Werner Hund, der seinerzeit zusammen mit Manfred Schittek und Siggi Pöschl das Triumvirat an der Spitze der VfL-Fußballabteilung bildete. Viel Arbeit hatten sie im Vorfeld der Partie gehabt. „Der Deutsche Fußball-Bund sandte uns damals einen mindestens 20 Seiten langen Anforderungskatalog für das Spiel zu“, erinnert sich Hund. Sogar die Anzahl der Balljungen und der verfügbaren Spielbälle (9) waren vom DFB vorgeschrieben. Außerdem musste eigens für den Gegner eine neue Massagebank zum Preis von 360 Euro angeschafft werden.

Am Ende waren, nachdem das Wetter sommerlich und das Spiel lange Zeit spannend gewesen war, mit dem Verlauf des Fußball-Festtages praktisch alle hoch zufrieden. Besonders erfreut war der VfL-Kassier, der Einnahmen in noch nie gehabter Größenordnung bilanzierte. DFB-Erstrunden-Fernsehgelder (58 000 Euro plus Mehrwertsteuer), Ticketverkauf, Wirtschaftseinnahmen und die 12 000-Euro-Spende von Hannover-Präsident Martin Kind spülten rund 100 000 Euro in die marode VfL-Kasse. Geld, das Abteilung und Verein nur allzu gut gebrauchen konnten. Etwa ein Drittel floss in die Schuldensanierung – es war nicht ein Tropfen, sondern eine richtige Dusche auf den heißen Stein.

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