Lokalsport

Ein Lebenstraum, der in sechs Minuten passt

Breakdance Der Kirchheimer Hamza Saidi vertritt mit den „Battle Toys“ heute Abend Deutschland bei den Welt-Titelkämpfen in der Essener Grugahalle. Von Bernd Köble

Wenn er geht, hat es den Anschein, als könnte die Energie, die in ihm steckt, jeden Moment explodieren. Hätte Musik nicht schon früh sein Leben stark beeinflusst, er wäre vielleicht ein begabter Turner oder erfolgreicher Fußballer geworden. Elf Freunde – die hat Hamza Saidi im Tanzen gefunden. Die „Battle Toys“ aus Plochingen sind inzwischen deutschlandweit die Referenz im Breakdance. Im nationalen Vorentscheid im Sommer haben sie ein Dutzend Gruppen aus dem Rennen geworfen. Heute Abend vertreten sie in der Essener Grugahalle vor zehntausend Zuschauern ihr Land beim größten Wettbewerb der Branche weltweit. Das BOTY, das „Battle of the year“ ist so etwas wie die WM der Breakdancer. 14 Gruppen aus ebenso vielen Ländern der Welt treten hier gegenei­nander an. „Für jeden von uns ist das ein Lebenstraum“, sagt Hamza Saidi.

Seine Augen leuchten, aus seinem Blick spricht pure Lebensfreude. Nicht nur heute, so kurz vor dem großen Ereignis. Eigentlich immer. Dabei musste der 23-Jährige aus Algerien härter als die meisten anderen seiner Altersgenossen um seinen Traum von einem selbstbestimmten Leben kämpfen. Als Neunjähriger kam er vor 14  Jahren nach Deutschland. Seit 2015 hat er zum ersten Mal Sicherheit. Ein Stück Papier, das aussagt, dass er bleiben darf. Die Zeit bis dahin war die wohl wertvollste seines Lebens. Er hat die mittlere Reife gemacht, einen Berufsschulabschluss und steht seit September in der Ausbildung zum Elektroniker für Soundsysteme. Ein Traumjob für einen Musikbegeisterten wie ihn. Er hat Glück gehabt, das weiß er, aber er hat hart für dieses Glück gearbeitet. Sein Deutsch ist nicht nur fließend, er spricht in geschliffenen Sätzen. „Es gibt vieles, was mich inspiriert im Leben“, sagt Hamza Saidi. Neben der Musik und dem Tanz ist das vor allem seine deutsche Freundin, mit der er seit drei Jahren zusammenlebt. Sie verdient ihr Geld als Sozialarbeiterin in der Flüchtlingshilfe und Hamza unterstützt sie dabei, wann immer es geht. Als Dolmetscher, bei Behördengängen oder im Asylcafé im Wohnheim in der Kirchheimer Charlottenstraße. „Ich war selber Flüchtling und habe Menschen gefunden, die mich unterstützt haben“, sagt Hamza Saidi. „Dafür bin ich dankbar, und davon möchte ich jetzt etwas zurückgeben.“ Geben und nehmen, für Hamza eine Grundregel im Leben und das, was ihm am meisten gibt, ist die Musik. Breakdance ist mehr als Tanz. Es ist ein Lebensgefühl und Bindeglied zu etwas anderem, das ihm viel bedeutet: dem Sport. Als Gast im freien Training der Kirchheimer Turnabteilung im VfLmacht er sich fit für die schwierigsten Elemente auf der Tanzbühne. Breakdance ist neben Tanz auch Akrobatik im Takt hämmernder Beats. Das Wichtigste? „Selbstdisziplin, Zielstrebigkeit, ein selbstbewusstes Auftreten und vor allem: viel Zeit“, sagt er. Er trainiert viermal die Woche. Immer sonntags trifft sich die Gruppe zum gemeinsamen Training im Jugendzentrum in Plochingen. Die elf Tänzer im Alter zwischen 17 und 35 Jahren kommen aus dem ganzen Land. Die Battle Toys gibt es seit knapp zwei Jahrzehnten. Sie haben zwei Generationswechsel überstanden und sind echte Freunde geworden. „Wenn das Tanzen eines Tages vorbei ist“, meint Hamza Saidi, „dann sollte wenigstens die Freundschaft bleiben.“ Viele von ihnen unterrichten in privaten Tanzschulen, verfügen über eine klassische Tanzausbildung. Drei davon haben ihre tänzerischen Wurzeln in der Kirchheimer Linde, so wie er. „Ende der Neunziger war das eine richtige Hochburg“, sagt Hamza Saidi, der über das Ferienprogramm des Kirchheimer Brückenhauses zum Breakdance kam.Heute sind sie eine eingetragene GbR, verdienen ein wenig Geld durch Auftritte bei Sport-Galas, Firmenfesten oder wie vor zwei Jahren in der Halbzeitpause des Zweitliga-Spiels der Kirchheimer Basketballer.

In der Ruhrmetropole wartet heute die ganz große Bühne. „Vor zehntausend Leuten ist noch keiner von uns aufgetreten“, sagt Hamza und lacht. „Ich verspüre noch keine Aufregung, aber die wird kommen, da bin ich mir ganz sicher.“ Musik, Choreografie, das ganze Bühnenprogramm haben sie seit Jahresbeginn immer wieder verfeinert. Heute Abend zählt nur eines: „Sechs Minuten, in denen wir unser Bestes geben.“ Die Konkurrenz ist stark. Die Titelverteidiger kommen aus Japan. „An einem guten Tag sind wir nicht ohne Chancen“, ist Hamza überzeugt. Er glaubt daran. „Es geht nur um diesen einen Moment.“ Er vertraut auf einen Satz, der sich in seinem Leben bisher immer bewahrheitet hat: „Wenn du etwas wirklich willst, dann kannst du es auch schaffen.“

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