Lokalsport

Eine Woche, die alles verändert

Radsport Nach seinem Überraschungserfolg mit zwei Tagessiegen bei der Österreich-Rundfahrt ist der Weilheimer Jannik Steimle über Nacht ins Visier der Spitzenteams geraten. Von Bernd Köble

Der große Coup in Kitzbühel: Jannik Steimle (Zweiter von rechts) lässt sich nach seinem Etappenerfolg von seinen Teamkollegen fe
Der große Coup in Kitzbühel: Jannik Steimle (Zweiter von rechts) lässt sich nach seinem Etappenerfolg von seinen Teamkollegen feiern. Foto: Elisa Haumesser

Zwei Tage in Rot, zwei Etappensiege, dreimal auf dem Podium - im Radsport ist vieles planbar, wird im täglichen harten Training wenig dem Zufall überlassen. Diesen Erfolg allerdings hatte keiner auf der Rechnung. Er selbst am Allerwenigsten. „Ich bin mit keinen allzu großen Erwartungen nach Österreich gefahren“, räumt Jannik Steimle offen ein. Die Woche zuvor hatte er bei den deutschen Meisterschaften auf dem Sachsenring noch wie ein Häufchen Elend am Streckenrand gekauert. Als einer von vielen, die in der mörderischen Hitze bei 40 Grad in der Lausitz die Segel streichen mussten. Zwölf Tage später ist er im Teamhotel in Kitzbühel umlagert von Journalisten, Sponsoren und Autogrammjägern, gibt Interviews fürs ORF und ergreift später die Flucht.

In einer stillen Ecke am Vierwaldstätter See hat sich Steimle bis gestern vom Trubel erholt, der ihm irgendwann zu viel wurde. Dabei ist ihm klar geworden, dass die Woche bei der Österreich-Rundfahrt, die für ihn und sein Team Vorarlberg Santic zu einer einzigen Triumphfahrt wurde, einen Wendepunkt bedeutet. „Der Wunsch, ein richtiger Profi zu werden, war natürlich immer da“, sagt der 23-Jährige. „Dass es jetzt tatsächlich wahr werden könnte, fühlt sich trotzdem irgendwie unwirklich an.“

Da knallen die Sektkorken: Jannik Steimle hat bei der Österreich-Rundfahrt zwei Etappensiege eingefahren. Foto: Elisa Haumesser
Da knallen die Sektkorken: Jannik Steimle hat bei der Österreich-Rundfahrt zwei Etappensiege eingefahren. Foto: Elisa Haumesser

Sieben Tage haben gereicht, um zu demonstrieren, welches Potenzial in ihm steckt. Nach seinem Auftaktsieg beim Prolog in Wels am Samstag vor einer Woche bezahlte er zwei Tage später bei der Sprintankunft in Wiener Neustadt noch Lehrgeld. Einen Moment zu lange hielt er auf den letzten Metern die Tür auf. Der Belgier Tom Devriendt nutzte dies, schoss aus dem Windschatten und schnappte ihm den zweiten Tagessieg um Zentimeter vor der Nase weg. Tags zuvor hatte Steimle als Fünfter auf der Etappe nach Freistadt sein rotes Trikot nur knapp verloren. Und dann kam Kitzbühel. Nach zwei Tagen maßhalten auf den anstrengenden Bergetappen in Richtung Großglockner sagt er: „Ich habe schon morgens beim Frühstück gemerkt, dass die Beine heute gut sind.“ Sein Team opfert sich, hält das Feld an der Spitze an mehreren Anstiegen zusammen und ebnet nach mehr als 160 Kilometern seinem schnellen Mann den Weg fürs große Finale. Der Weilheimer tritt wieder früh an, eröffnet 250 Meter vor dem Ziel den Sprint, und diesmal kann ihm keiner mehr folgen.

Die World Tour klopft an

Am Montag danach hat sich vieles verändert. Die Unterschrift unter dem Vertrag mit Squadra Sports ist getrocknet. Die Agentur aus Belgien kümmert sich unter anderem um Stars wie Philippe Gilbert, Greg Van Avermaet oder Julian Alaphilippe, der bei der Tour de France zurzeit das Gelbe Trikot trägt. Anfragen von Teams aus der World Tour liegen inzwischen auf dem Tisch. Dass sich Steimle spätestens im Herbst bei seinem jetzigen Arbeitgeber verabschieden wird, gilt schon jetzt als sicher. Wohin die Reise gehen wird, weiß er nicht. Doch er will Klarheit. „Je früher desto besser“, sagt er. Zwei Wochen ist Rennpause für ihn. Im August stehen die Tour d‘Alsace und die Czech Cycling Tour im Kalender. Als letztes Highlight wartet dann Ende Oktober in China die Tour of Hainan, wo er im Vorjahr nur knapp einen Etappensieg verpasste.

Für seinen Teamchef kommt der Erfolg nicht überraschend. „Jannik saugt alles auf, er lernt schnell“, sagt Thomas Kofler, für den die vergangene Woche einem Märchen glich. Als drittklassiger Rennstall bei der prominent besetzten Landesrundfahrt in der ersten Reihe zu stehen, hatte sich beim Team aus Rankweil keiner erträumt. Einen Platz unter den besten Zehn hatte Kofler seinem Schützling beim Prolog in Wels schon zugetraut. „Dass er bei den vielen endschnellen Leuten überhaupt in den Sprint kommt, war nicht ausgemacht“. meint Kofler. Dass er gewinnt, erst recht nicht. Ob das Ganze im Moment nicht zu schnell geht? „Ich würd‘s ihm gönnen, wenn er einen großen Vertrag bekommt“, sagt Thomas Kofler. „Um Jannik mache ich mir keine Sorgen.“

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