Lokalsport

„Einfach nur Wahnsinn“

Kreisligafußball Nach 17-jähriger Abstinenz kehrt der TV Neidlingen als Meister der Kreisliga A2 wieder in die Bezirksliga zurück, was unterm Reußenstein für Partystimmung sorgt. Von Reimund Elbe

So sehen (durstige) Sieger aus: Neidlingens Felix Kaiser. Foto: Genio Silviani
So sehen (durstige) Sieger aus: Neidlingens Felix Kaiser. Foto: Genio Silviani

Wenn fast jeder fünfte Neidlinger an einem heißen Nachmittag gen heimischem Sportplatz pilgert, muss etwas ganz Anziehendes unterm Reußenstein geboten sein. Über 350 Zuschauer, selbstredend TVN-Saisonrekord, waren Augenzeugen eines lokal sporthistorischen Moments. Es war jener, als Schiedsrichter Arnold Ardelmann (Schlierbach) am Pfingstsamstag exakt um 17.16 Uhr per Schlusspfiff das Kreisliga A-Match zwischen dem TV Neidlingen und Germania Schlaitdorf beim Stande von 4:0 beendete. Meisterschaft und Bezirksliga-Aufstieg des TV Neidlingen waren damit in Stein gemeißelt.

Für die folgende Ausgelassenheit auf dem Platz lieferten am Spielfeldrand Reiner Kuch und Peter Kaiser sofort die flüssige Unterstützung: Das Duo stand am Zapfhahn, verteilte ganz in der Tradition bajuwarischer Bundesligameister-Sitten große, bis an den Rand gefüllte Weizenbiergläser. „17 Jahre ist es her, dass wir letztmals in der Bezirksliga spielten, ein großer Augenblick heute“, sagte ein überwältigter Kuch. Damals war Jörg Angelmaier Neidlinger Spielertrainer gewesen, Kuch Fußball-Abteilungsleiter.

Ein paar Kilometer weiter in Dettingen ahnten die Sportfreunde zu diesem Zeitpunkt bereits, dass nach 2016 wieder nur der Relegationsplatz übrig blieb. „Ich war ständig in Kontakt mit Neidlingen“, rekapitulierte SFD-Abteilungsleiter Christian Renz, „deshalb wussten wir immer, wie es dort steht.“ Renz muss nun zeitnah zudem noch eine Wettschuld einlösen. 100 Liter schwäbischer Gerstensaft werden demnächst in Neidlingen angeliefert: Absender: die SFD-Abteilungsleitung. „Wegen einer verlorenen Wette mit Neidlingens Abteilungsleiter Marlon Lamour bezüglich Meisterschaft“, wie Renz zerknirscht eingestand.

Dabei hatte dieser Showdown zwischen Neidlingen und Dettingen am Samstag durchaus Dramaturgie hergegeben. Allerdings immer mit dem TVN in der besseren Ausgangslage. „Neidlingen führt schon 1:0“, merkte der in Dettingen zuschauende Bürgermeister Rainer Haußmann gut informiert bereits nach wenigen Minuten an, gleichbedeutend mit einem rapiden Sinken der Zuversicht. Trotz einer erneuten Gala von SFD-Torjäger Tim Lämmle (Renz: „Seine 60 Saisontore sind ein Rekord für die Ewigkeit.“) beim 8:1 über Absteiger VfB Neuffen reichte es nicht für den Titel.

Mit ein Grund: Neidlingens Torwart An-dreas Gienger hielt ein paar Kilometer weiter in einer Schlüsselszene kurz vor der Pause beim Stand von 2:0 einen Elfmeter der Schlaitdorfer, unterband kollektives Zittern auf Neidlinger Seite. „Ich war sicher, dass ich den Elfer halte, denn ich wollte ihn einfach halten“, sagte der Keeper, der zur Krönung in der Schlussphase selbst umjubelt zum erfolgreichen Strafstoßschützen (4:0) wurde.

So musste Dettingens Schultes Rainer Haußmann das Beglückwünschen meisterlicher Fußballer schließlich dem Amtskollegen unterm Reußenstein überlassen. Dies tat Klaus Däschler in Neidlingen liebend gerne. „Eine sensationelle Saison, eine verdiente Meisterschaft“, bilanzierte der Bürgermeister, der nach der Wimpelübergabe durch den stellvertretenden Bezirksvorsitzenden Josef Roth („Ein spannendes Titelrennen ist zu Ende.“) an die Neidlinger Kicker fast in diverse Bierduschen auf dem Rasen geraten wäre.

Kölle lobt Entwicklung

Mitten im feucht-fröhlichen Vergnügen befand sich Neidlingens Spielertrainer Patrick Kölle. Um analytische Worte war der einstige Landesligakicker trotzdem nicht verlegen. „Mich freut insbesondere, dass wir in der Rückrunde trotz dreier Niederlagen hintereinander die Ruhe bewahrt haben“, sagte der kickende Coach, „zudem haben wir uns auch fußballerisch weiterentwickelt.“

Dass künftig unter anderem Ex-Oberligisten (SC Geislingen, FC Eislingen) und ein Ex-Regionalligist (VfL Kirchheim) anrücken, ist für Kölle „einfach nur Wahnsinn.“ Neidlingens Abteilungsleiter Lamour nimmt die krasse Außenseiterrolle in der Beletage des Bezirksfußballs bereits jetzt mit Humor. „Das kleine gallische Dorf wird im Konzert der Großen wehrhaft sein“, kündigte er an.

Kollektiver Freudentaumel in schwarz-weiß: Neidlinger Spieler, Funktionäre und Fans feiern die Meisterschaft und den Aufstieg. F
Kollektiver Freudentaumel in schwarz-weiß: Neidlinger Spieler, Funktionäre und Fans feiern die Meisterschaft und den Aufstieg. Foto: Genio Silviani
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