Lokalsport

„Eltern neigen dazu, ihre Kinder am Spielfeldrand extrem zu pushen“

Tübinger Kriminologin Thaya Vester über Gewalt im Fußball

Eltern von Nachwuchsfußballern fallen nicht erst seit dem Gewaltexzess in Nürtingen negativ am Spielfeldrand auf. Die Tübinger Kriminologin Thaya Vester, die sich als eine der Ersten wissenschaftlich mit diesem Thema befasst hat, nimmt in Sachen Prävention neben Vereinen und Verband auch die Zuschauer in die Pflicht.

In welchen Situationen und Konstellationen kommt es im Fußball besonders häufig zu Gewalt?

Thaya Vester: „Generell kann man schon sagen, dass alle am Fußballspiel Beteiligten hin und wieder als Täter und Opfer auftreten. Häufig sind es aber nicht die Spieler selbst, sondern Dritte, wie Zuschauer und dabei insbesondere Eltern am Spielfeldrand. Ein besonderes Aggressionspotenzial lässt sich leider auch bei einigen Trainern feststellen, was besonders bedenklich ist, da ja ausgerechnet diese Vorbild für alle anderen sein sollten. Viel Gewalt wird also von außen in das Spiel hereingetragen. Ebenso auffällig ist, dass viele Vorfälle in den ganz niedrigen Spielklassen stattfinden.“

Gibt es wissenschaftliche Erklärungen dafür, dass insbesondere Eltern für Gewaltausbrüche verantwortlich sind?

Vester: „Gewalt im Fußball gab es schon immer, aber die Eltern von Kindern fallen tatsächlich mittlerweile verstärkt negativ auf. Dies liegt mit am Trend zur Kleinfamilie – die ganze Elternenergie richtet sich auf ein bis zwei Kinder. Einerseits ist so viel Aufmerksamkeit toll, Eltern übernehmen viele wichtige Aufgaben im Verein. Aber andererseits gibt es auch leider ein Zuviel, wenn das Kind auf Teufel komm raus erfolgreich sein soll. Eltern und Großeltern neigen leider immer mehr dazu, ihre Kinder am Spielfeldrand extrem zu pushen. Teils, weil sie eigene Defizite mit dem sportlichen Erfolg der Kinder auszugleichen versuchen, oder weil sie denken, ihre Kinder so maximal zu fördern. Dass sie dabei aber absolut übers Ziel hinausschießen, wenn sie ihr Kind dazu anstacheln, andere Kinder für den Torerfolg zu foulen, ist ihnen häufig leider nicht ersichtlich.“

Sind Eltern von Fußballern rabiater als die in anderen Sportarten?

Vester: „Jein, die Kausalkette ist ein wenig anders. Das Fußballspiel selbst mit seinen Regeln verleitet auch dazu. Es ist für viele so attraktiv, weil es quasi in jeder Sekunde durch eine einzelne Aktion entschieden werden kann, weil – im Vergleich zu anderen Sportarten – so wenige Tore fallen. Das macht das Ganze so spannend, und am Spielfeldrand stauen sich dann aber halt auch die Emotionen. Daher kommt der Einzelentscheidung des Schiedsrichters große Bedeutung zu. Dieser wird dann extrem kritisiert, was natürlich auch eine schlechte Vorbildfunktion für die Kinder hat. Diese Respektlosigkeiten manifestieren sich im Laufe der Jahre.

Wie kann Gewalt auf dem Fußballplatz verhindert werden?

Vester: „Das geht niemals in der Gänze, ein einzelner Gewaltvorfall wird sich auch leider nie verhindern lassen, da braucht man sich nichts vorzumachen. Wenn einer zuschlagen will, dann schafft er das. Man sollte allerdings alles daransetzen, dass solch eine Situation dann nicht weiter eskaliert. Das heißt, man muss schnellstmöglich eingreifen, um zu beruhigen. Am besten geht das durch „menschliche Wellenbrecher“, die schlichten. In allererster Linie müsste man die Trainer in Sachen Deeskalation schulen, aber diese sind ja häufig genug eher selbst die Anstifter von Unruhen. Daher braucht es zusätzlich neutrale Dritte. Allerdings gibt es viel zu wenige, die bereit sind, solche Ordnerdienste zu übernehmen und sich vor allem auch dafür ausbilden zu lassen. Sowohl die Vereine als auch der Verband müssten sich verstärkt darum kümmern, aber das kostet viel Energie.“

Welche Maßnahmen können zusätzlich zu den vom WFV bereits umgesetzten noch getroffen werden?

VesteR: „Der WFV hat viele gute Ansätze und in den letzten Jahren viel unternommen, gerade im Vergleich zu anderen Landesverbänden. Zusätzlich könnten noch Projekte gefördert werden, bei denen in den Mittelpunkt gestellt wird, dass die Verantwortung für ein Spiel nicht einfach dem Schiedsrichter zugeschoben werden darf. Alle Spieler und Zuschauer sind dafür verantwortlich, dass ein Spiel reibungslos vonstattengeht. Dementsprechend hat man sich auch zu verhalten. Erreicht werden kann so etwas durch das Modell der Fair-Play-Liga. Oder mit allem, was einen Perspektivenwechsel fördert. Wer selbst mal ein Spiel pfeifen musste, weiß, wie schwierig das ist, und hält sich dann auch eher mit seiner Kritik zurück.“

 

Thaya Vester ist akademische Mitarbeiterin am Institut für Kriminologie der Uni Tübingen und Lehrbeauftragte der Hochschule Esslingen. Darüberhinaus ist sie Mitglied der DFB-Arbeitsgruppe „Fair Play & Gewaltprävention“. Für ihre Doktorarbeit im Fach Sportwissenschaft zum Thema „Gewaltphänomene im Amateurfußball“ hat sie aus 25 000 Sportgerichtsurteilen des WFV 700 Gewaltvorfälle herausgefiltert und näher untersucht. Außerdem hat sie mehr als 2 600 württembergische Fußball-Schiedsrichter schriftlich nach ihren Erfahrungen mit Aggressivität befragt.

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