Lokalsport

Ex oder lieber Flex

In den sogenannten sozialen Medien krakeelen die Gralshüter des Fußballsports: „Ihr macht unseren Fußball kaputt.“ Aber was ist daran Verwerfliches, wenn Funktionäre und Vereine angesichts der teilweise herrschenden Personalnot die Reißleine ziehen und als Notnagel einen Kick mit reduzierter Spielerzahl ermöglichen? Was wäre denn die Alternative? Gesundschrumpfen, also weniger Mannschaften und weniger Ligen? Würde das in Angriff genommen, wäre der Aufschrei groß, mit gleichbleibendem Tenor: „Ihr macht den Fußball kaputt.“

Anstatt aber immer nur die gleiche stereotype Beschimpfungs-Arie anzustimmen, sollte sich so manch selbst ernannter Fußballenthusiast einmal fragen, woran es denn liegen könnte, dass die niederklassigen Ligen so mit Personalmangel zu kämpfen haben. Das mag zum einen daran liegen, dass die Head-Down-Generation vielleicht weniger Interesse daran hat, leibhaftig einer runden Kugel hinterherzujagen, und lieber per Joystick oder Wischfinger virtuelle Spielchen treibt. Aber das ist sicher nur eine Seite der Medaille. Es gibt nämlich nicht nur die Couch-Potatos mit den Arthrose-Daumen, sondern noch jede Menge an Zöglingen, die gerne kicken.

Aber Fußballspielen, im Verein? Der Unterschied - selbst in der untersten Liga wird heute Fußball „gearbeitet“, mit dem Hohelied auf Kraft, Schnelligkeit, Ausdauer - lauter messbare Größen, trainierbar, operationalisierbar und mittlerweile sogar per Trainigs-App durch Kreisliga-Möchtegern-Mourinhos überwacht. Wo bleibt da der Spaßfaktor und wo die Kriterien wie Kreativität und Spielwitz. Dafür bräuchte man Platz zum Spielen - mehr Platz.

Vielleicht wäre es sogar eine gute Idee, prinzipiell die Spielerzahl zu reduzieren, um Overath-Pässe, Beckenbauer-Kreisel oder Netzersche Angriffe aus der Tiefe des Raumes aus den wahren Spielernaturen wieder herauszukitzeln. Aber was wäre dann mit der Aufwärtskompatibilität? Wie wäre es, wenn wir die höheren Klassen ganz einfach auch nur zu neunt auf den Rasen ließen, bei voller Platzgröße versteht sich, damit auch Platz zum Spielen und nicht nur zum Fußball-Arbeiten da ist. Und schon wieder hört man die Auguren des runden Leders wettern: „Ihr macht uns den Fußball kaputt.“

Man sollte die Idee vielleicht einmal Gianni Infantino vorschlagen. Bei seinen Denkmustern würde er sicher erkennen, weniger Spieler bedeutet weniger Kosten, höhere Effizienz, vielleicht noch mehr mögliche Spiele in vielleicht noch mehr Ligen und Wettbewerben, an vielleicht noch absurderen Spielorten, in jedem Falle aber noch mehr Geld . . . - vielleicht doch keine so gute Idee.

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