Lokalsport

Exot unter Extravaganten

Gunter Stecher ist einer der erfolgreichsten Altersklassen-Triathleten im Land

Er verlässt sich auf sein Gefühl, isst nach dem Training gerne mal Zwiebelrostbraten und ist mit 53 in der Form seines Lebens: Gunter Stecher ist ein Triathlet der besonderen Sorte.

Kirchheim. Wattmesser, Pulsuhr, Auswertungssoftware – die Vermessung des Sports ist sein Ding nicht. Wenn Gunter Stecher über seine Passion Triathlon redet, tut er das fern jener wissenschaftlichen Akribie, die in Ausdauerdisziplinen immer mehr in Mode kommt. „Ich brauche keinen technischen Schnick­schnack“, lacht er, „ich verlasse mich auf mein Körpergefühl.“

Der Erfolg gibt dem Kirchheimer Konditionswunder recht: Mit 53 Jahren befindet sich Stecher in der Form seines Lebens, das in sportlicher Hinsicht immerhin schon seit knapp 30 Jahren aus Triathlon besteht – verletzungsbedingte Unterbrechungen mitgerechnet. Nach 2015 hat der Diplomingenieur mit eigener Fünf-Mann-Firma in Feldstetten dieses Jahr zum zweiten Mal einen Slot für die Triathlon-Weltmeisterschaften über die Mitteldistanz, den sogenannten Ironman 70.3. (siehe Infokasten), in seiner Altersklasse ergattert, die kommendes Jahr in Chattanooga/Tennesse stattfinden.

Und das will was heißen, gilt die M 50 ob der quantitativ und qualitativ breiten Teilnehmerfelder doch als Schauplatz von Topleistungen. Wer jenseits der 50 nach 1,9 Kilometern Schwimmen und 90 Kilometern Radfahren noch einen Halbmarathon unter 1,40 Stunden läuft, kann sich nicht nur einer Bombenfitness gewiss sein. Dank seiner Topform hat sich Stecher erstmals für die Altersklassennationalmannschaft der Deutschen Triathlon Union (DTU) qualifiziert. Außer ihm haben das aktuell nur noch zwei andere deutsche M 50-Asse geschafft. Das Trio wird Schwarz-Rot-Gold bei der Langdistanz-WM der Internationalen Triathlon Union (ITU) Ende September in Oklahoma vertreten.

In diesem erlauchten Kreis vertreten zu sein, ist umso bemerkenswerter, da Stecher sich selbst eher als Spaßsportler sieht. „Klar freue ich mich über Top-Ten-Platzierungen“, sagt er, „aber wenn‘s nicht klappt, geht die Welt auch nicht unter.“

Mit dieser vergleichsweise simplen Herangehensweise hat es Stecher in seiner Laufbahn immerhin geschafft, sich vier Mal für die Mutter aller Ausdauersportevents zu qualifizieren: Die Ironman-WM auf Hawaii, wo sich jeder Finisher nach 3,8 Kilometern Schwimmen, 180 Kilometern Radfahren und dem abschließenden Marathon über 42,195 Kilometer als Held fühlen darf. Gunter Stecher schwärmt auch 28 Jahre nach seinem bislang einzigen Start auf Hawaii – die anderen drei Teilnahmen platzten aus diversen Gründen – immer noch. Zumal ein erneuter Trip auf die Pazifikinsel ab und an durch seinen Kopf spukt. „Klar ist das ein Traum, aber um mich noch mal für Hawaii zu qualifizieren, müsste ich mich im Laufen um eine halbe Stunde steigern“, weiß er.

Die nächste Chance hätte Stecher theoretisch am morgigen Sonntag, wenn er beim Ironman Vichy über die Langdistanz an den Start geht. Wo andere verbissen einem unerreichbaren Ziel nachjagen würden, macht der Kirchheimer allerdings lieber auf Realist. „An Hawaii zu denken, ist utopisch. Zumal in Vichy Temperaturen von über 30 Grad herrschen werden. Da gilt es, gesund anzukommen“, sagt er und meint es auch so: Bei seinen letzten beiden Langdistanz-Rennen vor zwei Jahren musste er jeweils verletzungsbedingt aufgeben. „Der Kopf wird eine wichtige Rolle spielen“, blickt er auf den erst zehnten Langdistanz-Wettkampf seines Lebens voraus. Insgesamt hat Stecher bereits rund 120 Triathlons unterschiedlicher Länge in den Knochen.

Dass man die nicht einfach aus dem Ärmel schüttelt, versteht sich von selbst. Rund 15 Stunden trainiert Gunter Stecher in der Woche, wobei der Schwerpunkt auf dem Radfahren liegt. Seine Schwimmeinheiten holt er sich bei den VfL-Wasserballern, für die er seit Jahrzehnten auch noch auf Torejagd geht. Die restliche Trainingszeit ist seiner vermeintlich schwächsten Disziplin, dem Laufen, sowie dem Fitnessstudio vorbehalten – alles ohne Trainingsplan oder Personal Coach. „Solange ich es schaffe, im Wettkampf 90 Prozent der Jüngeren hinter mir zu lassen, kann ich so viel ja nicht falsch gemacht haben“, grinst er. „Aber das Leben ist schon stark durchgetaktet“, berichtet Stecher von der immer gleichen Abfolge von Schlafen, Trainieren, Arbeiten und Essen. Was monoton klingt, übt auf den Mann mit dem grau-melierten Haarschopf eine besondere Faszination aus. „Draußen zu sein, fit zu sein und Spaß an der Bewegung zu haben – darauf kommt es mir an.“

Dabei auch mal Fünfe gerade sein lassen zu können, ist dem 53-Jährigen am wichtigsten. „Viele hangeln sich an Trainings- und Ernährungsplänen entlang. Ich freue mich einfach, wenn ich abends bei schönem Wetter mit dem Rad auf die Alb und hinterher im Teckkeller einen Zwiebelrostbraten essen kann“, lacht er, der für seine (sportliche) Zukunft vergleichsweise bescheidene Ziele hegt. „Wenn ich in 20 Jahren immer noch mit dem Rad die Alb raufkomme, bin ich zufrieden.“

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