Lokalsport

Freispruch für fast alle

Fußball Eines der brisantesten Sportgerichtsverfahren im Fußball-Bezirk Neckar/Fils ist zu Ende. Im abgebrochenen Kreisliga B-Spiel TSV Notzingen – TG Kirchheim ging es auch um Rassismus-Vorwürfe. Von Thomas Pfeiffer

Wer bei der öffentlichen Sportgerichtsverhandlung im Vereinsheim der SG Eintracht Sirnau auf lückenlose Aufklärung gehofft hatte, wurde enttäuscht: Manche Szene, die kurz nach dem Spielabbruch-Pfiff von Schiedsrichter Tobias Schäfer beim Kreisliga B-Spitzenspiel zwischen dem TSV Notzingen und der Flüchtlingsmannschaft TG Kirchheim am 18. September im hektischen Durcheinander von TG-Siegertanz, Protesten, Beleidigungen und Zuschauereinmischungen entstanden war, wurde auch nach intensiver Beobachter-Befragung nicht transparent. Länger als fünf Fußball-Halbzeiten dauerte der Verhandlungs-Marathon mit 31 geladenen Zeugen im Esslinger Stadtteil. Ursächlich dafür war der Sportgerichts-Vorsitzende Siegfried Bippus, der eine offene Frage nach der anderen abarbeiten musste.

Oft erntete er bei den Beschuldigten Schulterzucken. „I don‘t remember“, sagte ein gambischer TG-Spieler auf die Frage, ob er das Schimpfwort „Motherfucker“ seinem Gegner zugeschrien habe, „ich mache keine rassistischen Beleidigungen“, kommentierte ein Notzinger Spieler, ebenfalls mit dem Vorwurf übler Beschimpfung konfrontiert. Beide Fälle waren vergleichsweise harmlos zu dem, was einer TG-Betreuerin und einer AK Asyl-Funktionärin beim Nachspiel im Eichert widerfahren war: sexistische Spieler-Sprüche aus der untersten Schublade. Doch weil stets Aussage gegen Aussage stand, endete die Urteilsfindung des Sportgerichts im Tagesordnungspunkt „Beleidigungen“ fast mit lauter Freisprüchen. Zweifel blieben.

Fakt für die Bezirks-Juroren nach der Zeugen-Befragung war Folgendes: Weder der TG Kirchheim noch dem TSV Notzingen ist vorzuwerfen, den Spielabbruch entscheidend provoziert zu haben. Die Richter kamen vielmehr zum Schluss, dass Schiedsrichter Schäfer allein ursächlich für die (Fehl-)Entscheidung des Spielabbruchs in der 73. Minute gewesen sei. Schäfer begründete seine Verhaltensweise mit der hohen Aggressivität der Gambier, die ihn bei strittigen Entscheidungen stets umringt und Karten für den Gegner gefordert hätten. Schließlich, nach dem 3:1, hätte nicht der auf ihn zurennende schwarze TG-Linienrichter mit Regenschirm seinen letzten Pfiff forciert, sondern die Zusammenrottung von Spielern und Zuschauern beim Tollhaus-Jubel an der Seitenlinie, sagte Schäfer sinngemäß in Esslingen. Danach hätte er um die Sicherheit der Beteiligten fürchten müssen. Schäfer sah sich nach eigener Aussage „in Bedrängnis“.

Dagegen stellten die Sportjuroren in ihrer Urteilsbegründung fest, dass für den Schiedsrichter in Notzingen „zu keiner Zeit“ eine Bedrohungslage bestanden habe. Selbige sei auch Minuten vor dem Abbruch, bei der Rücknahme eines Elfmeters nach Notzinger Spielerprotesten, nicht eingetreten. Im Übrigen hatte das Sportgericht für die gezeigte Leistung des Bezirks-Schiedsrichters nur eine Wertungsnote: mangelhaft. Der Spielabbruch sei nicht gerechtfertigt gewesen. Schäfer hätte nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um das Spiel in einer kritischen Situation zu beruhigen.

Für Verwunderung sorgte in Esslingen der Vorwurf des TSV Notzingen, TG-Mitglieder hätten in der aufgeheizten Stimmung mit Bierbänken nach Notzinger Spielern geworfen. „Trotz eines Spielstandes von 1:3 für die TG Kirchheim stürmten (. . .) sowohl Auswechselspieler, Funktionäre und Zuschauer der TG Kirchheim das Spielfeld“, heißt es im Schreiben von Fußball-Chef Wolfgang Schäfer, „ sie bewarfen unsere Spieler mit Bierbänken, die für Auswechselspieler gedacht waren und zerschlugen die Eckfahne, welche gänzlich zu Bruch ging. Auch die Bierbänke sind nicht mehr zu gebrauchen.“

Das mit der Eckfahne stimmt, sonst aber nichts – urteilte das Sportgericht Neckar/Fils. „Aufgrund des Ergebnisses der Beweisaufnahme bleibt zu entgegnen, dass sich für ein derartiges Vorgehen überhaupt keine Anhaltspunkte ergeben hatten“, heißt es im Urteil.

Selbiges hat Kreisliga B6-Staffelleiter Stefan Cserny mit Interesse gelesen. Und gleich den Termin für das Wiederholungsspiel fixiert: TSV Notzingen und TG Kirchheim treffen am 11. Dezember ab 14 Uhr erneut aufeinander. Diesmal unter der Aufsicht eines Bezirks-Offiziellen.

Der Bankstemmer wird noch gesucht

Das Sportgericht Neckar/Fils mit dem Vorsitzenden Siegfried Bippus (hinten, Mitte) in Sirnau: viele Zeugen, wenig Verurteilungen
Das Sportgericht Neckar/Fils mit dem Vorsitzenden Siegfried Bippus (hinten, Mitte) in Sirnau: viele Zeugen, wenig Verurteilungen.Foto: Genio Silviani

Zehn Beschuldigte hatte das Sportgericht Neckar/Fils in Sirnau abzuurteilen, in den meisten Fällen fehlten zu einem Schuldnachweis aber die Beweise. Für die offiziellen TG-Betreuer Munya Chonyera und Sabrina Wohlleben, der Beleidigung beziehungsweise des sportwidrigen Betragens angeklagt, gab es ebenso Freisprüche wie für die Notzinger Spieler Pascal Beutl und Peter Müller, die der Beleidigung bezichtigt worden waren. Teamkollege Tarkan Tekkeoglu erwischte es härter. Wegen diskriminierender Äußerungen wurde er für zwei Monate und längstens acht Spiele gesperrt (7. November bis 31. Dezember), muss 400 Euro berappen und sich einer WFV-Weiterbildungsmaßnahme im Bereich der Gewaltprävention unterziehen. Ein Beschuldigter wurde bei der Verhandlung vemisst: Jener Schwarzafrikaner, der sich während des Spiels unter die TG-Zuschauer gemischt und beim TG-Treffer zum 3:1 in bester Gewichtheber-Manier eine Bierbank nach oben gestemmt hatte. Den Mann, vermutlich aus einem Flüchtlingsheim außerhalb der Teckregion, kennen selbst die TG-Flüchtlingskicker nicht. Laut Zeugenaussagen hat sich der Fußballfreund aus der Fremde in Notzingen aber nichts zuschulden kommen lassen: Die Bank wurde von ihm wieder ordnungsgemäß abgestellt.top

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