Lokalsport

Für ein paar Stunden den Kopf freibekommen

Begeistert jagen die Flüchtlinge aus dem Containerdorf in der Dettinger Straße bei der TG dem Ball nach. Unter der fröhlich trai
Begeistert jagen die Flüchtlinge aus dem Containerdorf in der Dettinger Straße bei der TG dem Ball nach. Unter der fröhlich trainierenden Kickerschar ist der eine oder andere richtig gute Fußballer. Foto: Markus Brändli

Samstagnachmittag, 15.30 Uhr, Jesinger Allee. Teilnehmer eines Hochzeitskorsos fahren übermütig hupend die belebte Hauptstraße entlang. Nur ein paar Meter weiter herrscht ebenso gute Stimmung. Die Fußball-Gruppe aus der Flüchtlings-Sammelunterkunft in der Dettinger Straße tritt auf dem TG-Platz zu einer Trainingseinheit an.

Munya Chonyera traut dem Braten noch nicht so recht. „Sie haben Regen angesagt“, argwöhnt der 38-Jährige in astreinem Deutsch, lehnt sich an das Sportplatzgeländer und richtet seine skeptischen Blicke in Richtung des wolkenverhangenen Himmels. Chonyeras Vorsicht hat einen plausiblen Grund. „Bei unserer ersten Trainingseinheit vor zwei Wochen hier auf dem TG-Gelände hatte es regelrecht geschüttet“, erinnert sich der aus Zimbabwe stammende Kirchheimer, der in der Unterkunft für die neu eingetroffenen Flüchtlinge als eine Art Koordinator und Betreuer agiert. „Die Jungs hatten damals teils noch gar keine Sportschuhe und sind auf Socken oder barfuß auf dem regennassen Platz herumgerutscht“, erinnert sich der seit mehr als zehn Jahren in der Teckstadt lebende Afrikaner.

Die meteorologisch bedingten Sorgen erweisen sich als unbegründet. Das lokale Wetter spielt an diesem Mai-Samstag prächtig mit. Alles läuft glatt: 22 Grad, ein erfrischender Wind und zudem ein weitgehend gelöstes Schuhproblem. Nach einem Aufruf über Facebook und andere Kanäle werden die TG-Vorsitzende Silvia Kretzschmar („es ist schön anzusehen, wie sich dieses Fußball-Angebot für Flüchtlinge positiv entwickelt“) und ihre TG-Mitstreiterin Sabrina Wohlleben an diesem Tag rund zehn Paar Kickstiefel an die Teilnehmer verteilen.

Die Hauptdarsteller treffen anschließend im Minutentakt ein. Einige kommen zu Fuß, viele mit dem Fahrrad, einer sogar mit einem Tretroller. Alle haben ein Lächeln im Gesicht und ein „How are you?“ oder „Guten Tag“ beim Händeschütteln auf den Lippen. Die meisten Teilnehmer dieser neu formierten „Fußball-AG“ stammen aus Gambia. „Viele dieser Jungs sind unter großen Gefahren mit dem Boot übers Meer geflüchtet“, erläutert Said Kenneth. Der in Kirchheim lebende Nigerianer kennt sich aus. Er hält engen Kontakt zu den neu Angekommenen und ist einer der Initiatoren der Fußballgruppe. „Für heute habe ich extra eine Liste angefertigt, darin konnten sich die Spieler für die Trainingseinheit eintragen“, erzählt er und ist am Ende baff, dass statt der 20 angemeldeten Kicker letztendlich 32 auf dem TG-Platz stehen. „Daran sieht man, welche Freude dieses Angebot macht“, sagt Kenneth stolz.

Für den fußballerischen Part sind derweil Tiago Santos-Araujo und Joachim Kehl-Silcher zuständig. Erstgenannter, einstiger Oberligakicker des VfL Kirchheim („ein Kreuzbandriss warf mich vor sechs Jahren stark zurück“) und aktueller Torjäger des A-Ligisten TG, hat die Trainingseinheit solide durchgeplant. „Wir werden erst einige Lockerungsübungen machen, mit dem Ball jonglieren, das Passspiel trainieren und zum Abschluss gibt es ein richtiges Spiel“, kündigt der 32-jährige Brasilianer an, „mal schauen, was die Jungs drauf haben.“

Unterstützt wird der Vollblutstürmer von Joachim Kehl-Silcher. Der torgefährliche Mittelfeldakteur des Kreisligisten TSV Owen ist über eine andere Schiene zur samstäglichen Freizeit-Beschäftigung gekommen. „Ich kenne die beiden Flüchtlingsbetreuer Said und Munya gut“, erläutert er, „als sie mich fragten, ob ich an diesem Samstag beim Training mithelfen kann, habe ich habe spontan zugesagt.“

Bereits nach den ersten Ballkontakten wird Santos-Araujo und Kehl-Silcher eines klar: Es sind einige richtig gute Fußballer unter der zumeist in fröhlicher Runde trainierenden Kickerschar. Einer wie Adama Tamba zum Beispiel. In der ersten gambischen Liga habe er gespielt, sagt er, liebend gerne würde er nun in einem deutschen Verein kicken. Das wäre auch ganz nach dem Geschmack von Tubai Jallow, der zuvor bei seiner flotten Ankunft per Rad mit einem freundlichen „Guten Morgen“ erste Deutschkenntnisse offenbart und angesichts der fortgeschrittenen Tageszeit für entsprechende Schmunzler gesorgt hatte. Mittlerweile arbeitet der mit zig Rastalöckchen ausgestattete junge Mann aus Gambia als Hausmeistergehilfe in der Flüchtlings-Unterkunft.

Theresa Ringwald von der Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Flüchtlingsarbeit gefällt die Entwicklung. „Es ist ein tolles Gefühl, dass die Jungs dieses Fußball-Angebot mit so einer Freude annehmen, so bekommen sie nach all dem Erlebten für ein paar Stunden den Kopf frei.“ Sie hatte im Hintergrund mit dafür gesorgt, dass das Trainingsangebot zustande kam.

Zum Abschluss gibt es schließlich ein Spiel. Ergebnis? Zweitrangig. Viel mehr zählt das gemeinsam Erlebte. „Wir sind dankbar, dass wir dieses Angebot und diese Chance bekommen“, konstatiert Ceesay Kalila, der in der Dettinger Straße sowohl Bewohner wie respektierter Ansprechpartner für die Flüchtlinge ist.

Vielleicht schreibt einer aus der Trainingsgruppe ja alsbald eine ähnliche Geschichte wie jüngst Mohamad Alshisk-Saleh. Der syrische Flüchtling sorgte beim Kreisliga-Spiel des TB Neckarhausen gegen den TSGV Großbettlingen mit einer hoch motivierten Vorstellung für Furore. Mit zwei Treffern avancierte er quasi zum Matchwinner und war nach dem Abpfiff in Kreisen der TBN-Fußballer ein überschwänglich gefeierter Mann.REIMUND ELBE

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