Lokalsport

„Funktionäre zweiter Klasse“

Schiriobmann Harald Kuhn

Seit sechs Jahren ist Harald Kuhn Schiedsrichterobmann im Fußballbezirk Neckar/Fils. Beim Staffeltag der Kreisligen A und B im Nürtinger Waldheim säte der 49-Jährige Wind und erntete Sturm – seine Pauschalkritik an den Vereinen wegen angeblich schlechter Schiedsrichterarbeit kam gar nicht an.

Wegen Ihrer drastischen Vereinskritik hat Sie Karl Stradinger vor den versammelten Vereinsvertretern hart kritisiert. Wie empfanden Sie das?

Harald Kuhn: Ein Stück weit kam das für mich schon überraschend. Doch dass der Bezirksvorsitzende in dieser Sache eine andere Meinung haben wird als ich, liegt in der Natur der Sache.

Was sagen Sie zum Vorwurf, die angeblich ungenügende Arbeit der Vereine pauschal und drastisch zu kritisieren, ohne Positivbeispiele wie den FC Frickenhausen oder den TSV Neckartailfingen zu erwähnen.

Kuhn: Die Situation ist so, wie sie ist. Natürlich gibt es im Fußballbezirk Neckar/Fils auch Vereine, die gute Schiedsrichterarbeit leisten. Aber die Mehrheit macht das eben nicht, und deshalb wollte ich die Klubs mit zugegeben zugespitzten Worten wachrütteln.

Hat der Streit am Staffeltag für Sie irgendwelche Konsequenzen?

Kuhn: Überhaupt nicht. Gleich nach dem Staffeltag haben Karl Stradinger und ich wieder telefoniert, und er hat gefragt, wie ich die ganze Angelegenheit empfunden hätte. Ich habe ihm gesagt, dass ich ein paar seiner Worte als sehr hart empfunden hätte. Doch die Sache ist vergessen. Es bleibt keine Verbitterung.

Was ist Ihr Anliegen als Obmann?

Kuhn: Ich möchte, dass künftig ein besserer, kameradschaftlicherer und respektvollerer Umgang mit Schiedsrichtern gepflegt wird, und zwar von Funktionären wie Zuschauern und Spielern. Leider ist es doch fast überall so, dass Schiedsrichter Funktionäre zweiter Klasse sind. Das muss sich ändern, denn sonst will bald niemand mehr Schiri werden.

Wie ist die aktuelle Situation in der Schiedsrichtergruppe Nürtingen zahlenmäßig?

KuHn: Während des Spielbetriebs müssen wir an den Wochenenden zwischen 90 und 130 Schiedsrichter für die Partien im Männer-, Frauen- und Jugendbereich abstellen. Pro Saison fallen durchschnittlich zehn Spiele aus, weil kein Schiedsrichter erscheint.

Das klingt nach einer einigermaßen zufriedenstellenden Situation.

Kuhn: Das ist es nicht. Viele Schiedsrichter müssen an den Wochenenden gleich für zwei oder drei Spiele eingeteilt werden, was an die Grenze der individuellen Belastbarkeit geht.

Für was plädieren Sie?

Kuhn: Wir brauchen mehr Schiedsrichter, und jeder Bezirksverein sollte dafür werben. Außerdem brauchen wir mehr Schiedsrichterbeauftragte in den Vereinen, saubere Kabinen und Vorstände, die ihre Schiedsrichter auch einmal zur Weihnachtsfeier einladen.

Sinngemäß hat Karl Stradinger gesagt, Schiedsrichter seien wichtig, aber die Mannschaften seien wichtiger. Überhöhen Sie das Schiedsrichterthema nicht ein wenig?

Kuhn: Die Gefahr ist groß, dass es künftig immer weniger Schiedsrichter geben wird, weil nicht genügend jüngere Leute nachkommen. Deshalb ist das Thema wichtig.

Wenn nächste Woche nochmals Staffeltag wäre: Würden Sie wie gehabt vorgehen?

Kuhn: Vielleicht würde ich etwas gebremster auftreten. An meiner Meinung ändert das aber grundsätzlich nichts.

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