Lokalsport

Hinter dem Talwald lauert die „gelbe Gefahr“

Der SV Reudern hat sich zum Branchenführer in der Mountainbike-Nachwuchsförderung entwickelt

Vereine, die als Traditions-Stützpunkte gelten, gibt es viele. Den SV Reudern als Mountainbike-Hochburg zu bezeichnen, wäre vor gut einem Jahrzehnt wohl niemand in den Sinn gekommen. Heute gilt die kleine Radsportabteilung mit mehr als 80 Nachwuchsbikern als größte Talentschmiede in der Region.

Je früher, desto besser: Schon Dreijährige erlernen beim SV Reudern, wie man sich auf dem Mountainbike geschickt im Gelände bewe
Je früher, desto besser: Schon Dreijährige erlernen beim SV Reudern, wie man sich auf dem Mountainbike geschickt im Gelände bewegt. Für das nötige Gemeinschaftsgefühl im Training sorgt das Vereinstrikot, das bei Rennen am Start immer häufiger zu sehen ist.Fotos: Markus Brändli /Oliver Felten

Nürtingen. Der Wechsel in den aufrechten Gang liegt noch nicht allzu lange zurück. Die Stützräder hat er einfach übersprungen. An diesem wolkenverhangenen Samstagmorgen blickt der kleine Ben etwas neidisch hinüber zu denen, die ihn um eine Kopflänge überragen. Deren Räder sind schon deutlich größer. Seines passt locker noch in Papas Kofferraum. Drei Jahre ist Ben alt und damit der Jüngste an diesem kühlen Morgen auf dem Reuderner Sportgelände unweit der Bürgerseen. Der SV hat dort vor zwei Jahren eine Freifläche neben dem Vereinsheim zu einem kleinen Bikepark umgebaut. Verschlungene Trails über Erdhügel und Treppenstufen. Ein Dorado für mutige Zweirad-Artisten oder solche, die es werden wollen.

Bambini-Biken heißt das Programm, das jeden Samstag draußen am Sportplatz stattfindet. Wer mindestens drei Jahre alt ist und halbwegs sicher auf dem Rad sitzt, kann ohne Voranmeldung mitmachen. Vor ein paar Monaten schaute Vizeweltmeister Manuel Fumic vorbei. Er hat Tipps gegeben und Trikots verteilt. Trikots, an denen große Erfolge haften. Fast so, wie am gelben Jersey mit den roten Streifen. Aufs eigene Vereinstrikot ist der SV-Nachwuchs mächtig stolz. Auch, weil es inzwischen so viele sind. Auch, weil es fast täglich mehr werden.

85 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen sieben und 19 Jahren nehmen in Reudern regelmäßig am Training teil. Mehr als 25 Übungsleiter, einige davon mit B- und C-Trainer-Lizenz, tragen dafür die Verantwortung. Mal geht es weit hinaus ins Revier zwischen Teck und Neuffen, vor allem die Jüngeren schulen Geschicklichkeit und Bike-Beherrschung auf dem vereinseigenen Gelände. Der Zulauf ist derart groß, dass die Gruppen in manchen Altersklassen inzwischen geteilt werden müssen.

Das Einzugsgebiet der Mitglieder reicht bis nach Göppingen und Reutlingen. „Es vergeht kaum ein Wochenende, an dem wir keine neuen Anmeldungen bekommen“, sagt Oliver Felten. Der 53-jährige begeisterte Mountainbiker, der als Flugkapitän im Beruf Linienjets steuert, ist einer der Urheber der Reuderner Erfolgsgeschichte. „Dass wir für jede Leistungsklasse und jedes Alter das passende Training bieten, hat sich inzwischen herumgesprochen“, sagt er. Auf Werbung kann der SV deshalb längst verzichten. Rennwochenenden wie zuletzt in Böhringen, wo der Auftakt zum Albgold-Juniorscup in eine Bundes-Nachwuchssichtung eingebettet war, sind Werbung genug. Knapp 40 Starter schickte der SV an beiden Tagen ins Rennen – mehr als jedes andere Team. Im Verein spricht man deshalb schon scherzhaft von der „gelben Gefahr“.

Dabei hat alles ganz klein begonnen. 1999 trafen sich Mitglieder der SV-Skiabteilung zu ersten Ausfahrten mit dem eigenen Nachwuchs. Die Termine waren so beliebt, dass da­raus schnell ein wöchentliches Training wurde. Feltens Tochter Lena war 2001 die Erste, die für den SV Reudern als damals Sechsjährige in einem Mountainbike-Rennen startete. Zwölf Jahre später stand sie in der U 19 im Landeskader. Andere wie der 14-jährige Tim Hufnagel – am Sonntag Sechster in der Nachwuchs-Bundesliga – oder der zwei Jahre jüngere Louis Krauss gelten als Riesen-Talente für die Zukunft. Um ihnen eine dauerhafte sportliche Heimat bieten zu können, will der Verein auch strukturell vorankommen. Seit zwei Jahren gibt es mit Detlef Burk einen Sportlichen Leiter, eine weitere Kraft kümmert sich seitdem um potenzielle Geldgeber. Spaß vermitteln, ohne den Leistungssport aus dem Blick zu verlieren, heißt die Devise.

Da lässt es sich sogar verschmerzen, dass der berühmteste Biker Reuderns für den MTB Teck in Kirchheim startet. U 23-Vize-Europameister Luca Schwarzbauer schaut gerne beim SV-Nachwuchs vorbei. „Er ist für alle hier ein großes Vorbild“, sagt Oliver Felten. „Strukturen, die zu seiner Klasse passen, können wir leider nicht bieten“, meint er und schiebt rasch hinterher: „noch nicht.“

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