Lokalsport

„Ich habe nur meinen Job gemacht“

Fußballeklat Der Dettinger Schiedsrichter Michael Myland über den Umstand, dass er einen Kollegen belastete, der einen nigerianischen Spieler diskriminiert hatte. Von Thomas Pfeiffer

Ein Fußballschiedsrichter mit Prinzipien: Michael Myland. Foto: Markus Brändli
Ein Fußballschiedsrichter mit Prinzipien: Michael Myland. Foto: Markus Brändli

Laut dem Bezirksvorsitzenden Karl Stradinger war er der erste Schiedsrichter zwischen Neckar und Fils, der in einem Sportgerichtsverfahren um Spielerdiskriminierung ohne Scheu gegen einen Kollegen aussagte. „Ich fühlte mich der Wahrheit verpflichtet“, begründete der Dettinger Bezirksliga-Referee Michael Myland (33) die Tatsache, weshalb er keine Fakten verschwiegen, sondern wichtige Details enthüllt hatte. Stradinger beschrieb das SFD-Vereinsmitglied als „couragiert und vorbildlich“ und ehrte ihn vor kurzem im Rahmen einer Schiri-Schulung (wir berichteten).

„Rassistische Sprüche haben auf dem Sportplatz nichts zu suchen“, sagt Myland. Am 30. Oktober hatte er an der Seitenlinie der Kreisliga-B-Partie TSVW Esslingen II gegen SV 1845 Esslingen II mitbekommen, wie der Schiedsrichter dem nigerianischen SV-Spieler Ajeonoro Igbinomwanka erst die Gelb-Rote Karte vorgehalten und ihn dann vor Publikum mit Worten rassistisch beleidigt hatte. So: „Den können wir gleich wieder nach Afrika zurückschicken“. Eine Diskriminierung, die der Württembergische Fußball-Verband (WFV), wohin der Fall wanderte, schriftlich als „gravierend“ einstufte. Umso mehr, als die Verbalinjurie mit rassistischem Unterton für etliche Zuschauer nicht zu überhören war. Auch Myland hörte mit.

Gratulation zur Auszeichnung in Frickenhausen. Was gab es denn außer lobenden Worten?

Michael Myland: Als Belohnung standen zwei Freikarten zur Auswahl - entweder für ein Spiel des VfB Stuttgart oder eines von Frisch Auf Göppingen. Als Bayern-Fan habe ich mich natürlich gegen den VfB und für Frisch Auf entschieden.

Wie waren die Reaktionen, nachdem Ihre Kritik am Trainerkollegen bekannt geworden war?

Myland: Die Reaktionen waren durchweg positiv. Von der SFD-Abteilungsleitung wurde mir ein Essen spendiert und ein Kirchheimer Arbeitskollege hat mir per WhatsApp zu einer ‚coolen Aktion‘ gratuliert.

Gab es auch Leute, die Sie als eine Art Nestbeschmutzer beschimpft haben?

Myland: Nein, zumindest mir gegenüber hat sich niemand so geäußert. Kritisch geäußert über meine Haltung haben sich nur zwei oder drei Schiedsrichterkollegen. Angeblich.

Würden Sie sich in einer neuen Situation, wo einer Ihrer Schiri-Kollegen rassistisch wird, wieder genauso verhalten?

Myland: Das ist keine Frage. Egal, ob Fußballer klein, dick, schwarz, weiß oder sonst was sind, diskriminierende Äußerungen haben auf dem Sportplatz nichts verloren. Es geht um Fußball und nur um den.

Was lief bei dem Skandalspiel am 30. Oktober zwischendurch genau ab?

Myland: Als eingeteilter Schiedsrichter des nachfolgenden Hauptspiels war ich gerade an der Seitenlinie beim Warmlaufen, als der Schiedsrichter dem Nigerianer die Gelb-Rote Karte zeigte. Danach fiel wohl nach einem kurzen Disput der Satz mit der Afrika-Rückkehr, weshalb ich meinen Kollegen in der Kabine später gefragt habe, ob er das wirklich so gesagt hat. Er hat bejaht und gesagt: ‚Ich stehe dazu. Dann sollen sie mich halt sperren‘.

Glauben Sie, dass es eine bewusste, womöglich politisch motivierte Diskriminierung dieses Schiedsrichters war oder eher ein Vergehen im Eifer des Gefechts?

Myland: Das weiß ich nicht. Ich kann mich nicht in ihn hineinversetzen.

Was wollten Sie mit Ihrer Vorgehensweise eigentlich erreichen?

Myland: Nichts wollte ich damit erreichen. Sie müssen wissen, dass ich in der Angelegenheit keinen aktiven Part gespielt habe. Es war vielmehr so, dass mich der SV 1845 Esslingen im Zuge des Verfahrens als Zeuge benannt hat und ich dann zu Protokoll gegeben habe, was ich gesehen und gehört habe. Ich habe nicht versucht, jemanden zu decken, sondern die Wahrheit zu sagen.

Als Strafe hat der Deizisauer Schiedsrichter vom WFV 380 Euro Geldstrafe aufgebrummt bekommen. Gab es sonst noch Konsequenzen für ihn?

Myland: Offizielle Sperrstrafen gibt es bei uns Schiedsrichtern nicht. Der Kollege pfeift also weiterhin Spiele.

Glauben Sie, dass er zur Einsicht gelangt, dass man ausländische Mitbürger, seien sie auch nur befristet da, nicht einfach mal so diskriminiert?

Myland: Ich weiß es nicht und werde mich auch nicht über ihn äußern. Was passiert ist, muss er mit sich selber ausmachen.

Was, würden Sie sagen, war Ihr Motiv in der Sache: einem diskriminierten Nigerianer Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, einen diskriminierenden Schiedsrichter sanktionieren zu lassen oder einfach nur ein politisches Zeichen zu setzen?

Myland: Ich wollte ein Zeichen setzen. Wissen Sie, ich habe selber Migrationshintergrund und deswegen schon einige schlechte Erfahrungen gemacht. Als Zweijähriger kam ich nach Deutschland, als ich sechs war, stand in einer Dettinger Unterführung „Milan, du Polacke“ zu lesen - was mir damals sehr zu schaffen machte. Mit neun habe ich erleben müssen, wie Unbekannte bei einem Besuch von Bekannten in Endersbach auf den weißen Toyota meiner Eltern über Nacht zwei große schwarze Hakenkreuze aufgesprayt hatten. Wir haben dann die Polizei geholt. So etwas vergisst man nicht.

Laut Bezirks-Chef Stradinger sind Sie der erste Schiedsrichter im Bezirk, der in einer Beleidigungssache gegen einen Kollegen mit belastenden Aussagen nicht hinterm Berg hielt. Sind Sie stolz darauf, ein Vorreiter für mehr Offenheit im Schiedsrichterwesen zu sein?

Myland: Ich bin nicht stolz darauf, habe nur meinen Job gemacht. Als Schiedsrichter bin ich der Fairness und der Wahrheit verpflichtet. Es ist gut und wichtig, dass Vorfälle mit beleidigendem, diskriminierendem oder rassistischem Hintergrund nicht unter den Teppich gekehrt werden.

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