Lokalsport

„Ich traue keinem mehr übern Weg“

In der lokalen Leichtathletikszene erntet der Olympia-Ausschluss Russlands Zustimmung

Volle Zustimmung von Experten aus der Region zum IAAF-Entscheid, die gedopten russischen Leichtathleten von Olympia auszuschließen.

Eines der prominentesten „Opfer“ des russischen Ausschlusses: Stabhochspringerin Yelena Isinbayeva war 2004 und 2008 Olympiasieg
Eines der prominentesten „Opfer“ des russischen Ausschlusses: Stabhochspringerin Yelena Isinbayeva war 2004 und 2008 Olympiasiegerin. Foto: dpa

Kirchheim. Im November hatte der Leichtathletik-Weltverband (IAAF) die russischen Athleten aufgrund eines Berichts der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) über systematisches und umfangreiches Doping von allen internationalen Wettbewerben ausgeschlossen. Vergangene Woche entschied die IAAF einstimmig, die Sperre vor den Olympischen Spielen in Rio nicht aufzuheben. Britische Drogenfahnder bestätigten frühere Vorwürfe der Wada, die russischen Leichtathleten dopten mit Unterstützung des Staates. Laut Bericht scheiterten 700 Kontrollen, weil die betroffenen Athleten nicht erreichbar waren oder sich in Kasernen aufhielten, zu denen die Briten keinen Zugang bekamen.

Vier Tage später stellt sich das IOC hinter die Entscheidung der IAAF, die Russen komplett von den Spielen auszuschließen. Öffnete jedoch ein Hintertürchen: Wer aktiv und individuell nachweisen kann, nicht gedopt zu haben, darf starten. Wie die Verbände das im Falle der unter Generalverdacht stehenden Russen und auch Kenianer klären sollen, blieb offen. Das IOC sprach lediglich von „unabhängigen Kontrollen“.

„Ha, ha, ha“, war die erste Reaktion von Micky Corucle auf das Schlupfloch des IOC. Der Cheftrainer des VfB Stuttgart und VfL Kirchheim bezeichnet das Ganze „als Farce von Anfang an.“ Dabei fände er es hundertprozentig richtig, die dopenden Russen, aber auch Amis, Jamaikaner, Kenianer und viele andere gnadenlos zu bestrafen. Seine persönliche Konsequenz: „Ich schaue mir keine Leichtathletik mehr an. Nur noch Wettbewerbe, an denen meine Athleten beteiligt sind. Denn da weiß ich: die sind sauber.“

Totalen Ausschluss von den Spielen fordert Dieter Göggel, Abteilungsleiter der VfB-Leichtathleten. „Alles andere wäre unglaubwürdig. Das, was sich die Russen mit Billigung und Unterstützung des Staates leisten, ist an Dreistigkeit nicht zu überbieten. 70 Prozent konnten nicht kontrolliert werden, weil sie weggeschlossen wurden. Das toppt alles bisher da gewesene.“

„Wenn man die ganzen Berichte liest, wird‘s einem schlecht“, sagt Peter Salzer aus Nürtingen, Landestrainer Kugelstoßen im Olympiastützpunkt Stuttgart. „Ich traue keinem mehr über den Weg. Am schlimmsten sind die Amis, aber die lassen sich nicht erwischen. Für die Russen muss gelten: Wer nachweislich gegen den Wada-Code verstößt, gehört gesperrt.“

In das gleiche Horn stößt Hans Krieg, WLV-Sportwart und DLV-Sprecher der Sportwarte der Landesverbände aus Großbettlingen. „Es ist erwiesen, dass die Russen manipuliert haben. Die Sperre ist ein Zeichen für sie und andere Verbände, künftig mit den zuständigen Organisationen zusammenzuarbeiten. Die ergriffenen Maßnahmen könnten einen Selbstreinigungsprozess auslösen.“ Bedenken äußert er gegen den Schritt zurück, den das IOC getan hat: „Ich halte es für fraglich, dass das Olympische Komitee einem Sportverband wie dem IAAF in den Rücken fällt.“

„Es war notwendig, ein Zeichen zu setzen“, sagt Martin Moll. Der Kirchheimer Vorsitzende der LG Teck spricht sich gegen Kompromisse aus: „Entweder kommen alle dran oder keiner. Natürlich trifft es auch Athleten, die ehrlich sind. Aber das ist dann halt so.“ Moll glaubt allerdings, dass die staatlich gelenkte Verschleierungstaktik in den 70er- und 80er-Jahren noch viel gründlicher betrieben wurde. „Damals waren die Athleten aus Russland und dem ganzen Ostblock wesentlich dominanter, weil noch intensiver gedopt wurde.“

Mag sein. Heute stehen viele andere Nationen unter Generalverdacht, ebenfalls unlautere Mittel anzuwenden, um konkurrenzfähig zu sein. Sie lassen sich nur nicht ertappen oder die Kontrolleure gar nicht erst ins Land. Sauberer Sport – ein Traum, der in Rio und vielleicht für immer unerfüllt bleiben wird. Allen gut gemeinten Maßnahmen von IAAF und IOC zum Trotz.

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