Lokalsport

„Ich weine Bolt keine Träne nach“

Leichtathletik Micky Corucle hat die WM in London als Trainer im Stadion miterlebt. Der einstige Förderer von Tobias Unger macht sich seinen eigenen Reim auf die Woche in der britischen Hauptstadt. Von Klaus Schlütter

Lässt sich selten das Wort verbieten: Micky Corucle, der zurzeit seine rumänische Landsfrau Alina Rotaru (rechts) im Weitsprung
Lässt sich selten das Wort verbieten: Micky Corucle gilt als streitbarer Typ unter den Leichtathletik-Trainern.  Fotos: Ralf Görlitz

Für eine Woche hat Micky Corucle seinen Mikro-Kosmos in Köngen, das Sportgeschäft in der Fußgängerzone, mit der großen Leichtathletik-Welt in London vertauscht. Bei der WM betreute der Sprinttrainer des VfB Stuttgart und des VfL Kirchheim in einem Trainingsanzug seines Heimatlandes seine rumänische Landsfrau, die Weitspringerin Alina Rotaru. Mit einem Koffer voller Eindrücke ist der Mann, der Tobias Unger Beine machte, zurückgekehrt. Und mit einer ganz eigenen Sicht auf die Dinge. Corucle über . . .

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. .  . Usain Bolt: „Ich freue mich, dass er aufgehört hat. Ich weine ihm keine Träne nach. Durch seine Fabelzeiten hat er in der Vergangenheit viele andere Läufer animiert, etwas Unerlaubtes (sprich: Doping, d. Red.) zu machen. Jetzt ist der Sprint wieder normal geworden.“

 

. . . Jamaikas Staffeldrama: „Bolt ist ein Showman, und ich bin überzeugt, sein Krampf als Schlussläufer war gespielt. Vielmehr hat er gesehen, dass er den Rückstand auf die Briten und Amerikaner nicht mehr aufholen konnte. Er wollte nach dem dritten Platz über 100 Meter nicht mit einer weiteren Niederlage abtreten. Wenn er wirklich einen Krampf gehabt hätte, hätte er nicht nach wenigen Sekunden wieder aufstehen und normal gehen können.“

 

. . . die Stimmung im Stadion: „Immer volles Haus, immer eine tolle Atmosphäre. Da merkte man, dass die Briten eine große Leichtathletik-Tradition haben. Das wird bei der EM 2018 in Berlin genauso sein. Kein Vergleich zu den Olympischen Spielen in Peking, wo ich ebenfalls war. Dort mussten Schüler das Stadion füllen.“

 

. . . Justin Gatlin: „Unfair fand ich nur, wie der 100-Meter-Weltmeister ausgepfiffen wurde. Das war sogar pervers, denn ganz London war mit WM-Plakaten von Linford Christie vollgepflastert, der wegen Dopings auch mal zwei Jahre gesperrt war. Gatlin hat einen Fehler gemacht. Hat dafür gebüßt und ist jetzt sauber. Er ist in der Lage, die 100 Meter auch ohne Doping unter zehn Sekunden zu laufen.“

. . . das Debakel der deutschen Sprintstaffel: „Beim letzten Wechsel hat Robin Erewa den entscheidenden Fehler gemacht. Er stand falsch und hat Roy Schmidt den Weg versperrt. Der musste den Stab vor der Übergabe von der rechten in die linke Hand wechseln, sonst hätten sie die Wechselmarke überlaufen und wären disqualifiziert worden.“

 

. . . wie er als Trainer darauf reagiert hätte: „Man muss gelegentlich auch mal ein böser Trainer sein und mit der Faust auf den Tisch hauen. Ich habe da nie mit mir diskutieren lassen. Deshalb war ich ein unbeliebter Gesprächspartner. Tobias Unger kannte das von mir, und wir sind gut damit gefahren.“

 

Gut gefahren ist bisher auch Alina Rotaru in der Zusammenarbeit mit Corucle. Die für den VfB Stuttgart startende Rumänin erreichte zum ersten Mal ein WM-Finale der letzten Zwölf. Im Endkampf sprang sie 6,46 Meter weit, nachdem sie sich mit 6,50 Metern dafür qualifiziert hatte. Heute ist sie bereits auf dem Weg zur Universiade in Taipeh/Taiwan, wo sie berechtigte Titelchancen hat - allerdings ohne ihren Trainer. Corucle: „Den Flug bezahlt mir niemand.“

Lässt sich selten das Wort verbieten: Micky Corucle, der zurzeit seine rumänische Landsfrau Alina Rotaru (rechts) im Weitsprung
Die rumänische Weitspringerin Alina Rotaru ist der neue Schützling von Trainer Micky Corucle. In London zog sie ins WM-Finale ein.  Fotos: Ralf Görlitz

Goldene Zeiten mit Tobias Unger

Micky Corucle hatte seine erfolgreichsten Zeiten als Trainer an der Seite von Tobias Unger. Die Zusammenarbeit mit Deutschlands jahrelang schnellstem Sprinter begann in den frühen Neunzigerjahren. Damals startete Unger im Trikot des VfL Kirchheim. 2004 wurde er Siebter bei den Olympischen Spielen in Athen und holte im selben Jahr Bronze bei den Hallenweltmeisterschaften über 200 Meter. Ein Jahr später knackte Unger den deutschen Uralt-Rekord und wurde Halleneuropameister. bk