Lokalsport

In der Champions League der Scouts

Der Kirchheimer Hans-Martin Kleitsch hat den Sprung ins Profigeschäft nie bereut – Aus beim FC Bayern wegen Pep Guardiola

Mit Fußball-Größen wie Paul Breitner, Christian Streich und Thomas Tuchel tauscht(e) er sich regelmäßig aus, und die Namen der größten internationalen Jungtalente vermag er im Schnelldurchgang herunter zu beten: Hans-Martin Kleitsch (63) gilt als größter Fußballkenner der Teckregion. Soeben wurde sein Vertrag als Chefscout von Bundesligist TSG Hoffenheim um eine weitere Spielzeit verlängert.

Kennerblick: Hans-Martin Kleitsch beobachtet europaweit Fußball-Talente. Als Chefscout der TSG Hoffenheim geht er demnächst in s
Kennerblick: Hans-Martin Kleitsch beobachtet europaweit Fußball-Talente. Als Chefscout der TSG Hoffenheim geht er demnächst in seine dritte Saison.Foto: Baumann

Kirchheim. Der Kirchheimer Schafhof-Bewohner hat blitzartig Karriere gemacht, und zwar in den letzten sechs Jahren – auf die alten Tage sozusagen. Ursächlich für den Um- und Aufschwung im Leben von Hans-Martin Kleitsch war pikantermaßen die Entlassung als VfB-A-Junioren-Trainer durch Horst Heldt im Frühsommer 2008: Damals setzte ihm Stuttgarts Manager nach einem verlorenen Halbfinale um die deutsche Meisterschaft den Stuhl vor die Tür. Anschließend war Kleitsch ein halbes Jahr arbeitslos, bis ihm ein Traumangebot des FC Bayern erreichte. „An den Anruf des damaligen Bayern-Chefscouts Wolfgang Dremmler erinnere ich mich noch ganz genau. Ich war damals in Kirchheim unterwegs, als beim Rathaus plötzlich mein Handy klingelte. Dremmler, der mich offenbar von meiner VfB-Zeit kannte, sagte, ich solle mal in sein Münchner Büro kommen.“ Gesagt, getan. Kleitsch reiste an – und war kurz darauf offizieller Bayern-Scout. Sein neuer Arbeitsplatz war riesig: die Stadien Europas.

Vier Jahre lang war Kleitsch Bayern-Scout, suchte alle möglichen inländischen, ausländischen und selbst amerikanische Stadien auf, bewertete Talente und fertige Stars – Kicker, die auf der Münchner Einkaufs-Liste standen. Bei den Transfers von Rafinha und Javi Martínez sprach der Entdecker von Ex-Nationalspieler Thomas Brdaric („den habe ich als damaliger VfL-Trainer von den A-Junioren in die Oberliga-Mannschaft versetzt“) ein gewichtiges Wort mit, beim Buhlen um Nationalspieler André Schürrle hatten er und Kollegen das Nachsehen. Trotzdem stieg Kleitsch mit Kompetenz, Kennerblick und einer guten Trefferquote bis in die Champions League der europäischen Scouts auf. Sein Höhenflug endete, als Pep Guardiola am 24. Juni 2013 das Kommando beim Rekordmeister übernahm. Als der eigenwillige Katalane die Scoutabteilung nach seinen Wünschen umbesetzen ließ, war für Kleitsch und Andere kein Platz mehr. „Plötzlich gab es an der Säbener Strasse nur noch Spanier“, blickt Kleitsch auf seinen erzwungenen Bayern-Abgang nüchtern zurück.

Tiefpunkte in seinem Leben war der Mann ohnehin gewohnt. Es gab derer zwei, drei – und einer davon war besonders schlimm: 2003, mit 51, diagnostizierten die Ärzte bei ihm Nierenkrebs. Es folgten zwei Operationen und das Grübeln nach den Ursachen. Kleitsch, der nie ungesund lebte, fand rasch eine Antwort: „Ich bin mir sicher, dass die Krankheit stressbedingt war“. Denn damals war er tagsüber Mechaniker bei der Kirchheimer Firma Sprimag gewesen und abends Trainer der VfB-Bundesliga-A-Junioren, und Frau, Eigenheim und Betriebsrats-Job hatte er darüber hinaus auch. Es war zu viel für ihn – Kleitsch kündigte seinen Job und handelte mit dem VfB Stuttgart einen gutbezahlten, befristeten Vertrag als VfB-Nachwuchstrainer aus. Es war ein hohes Risiko, das er damals einging, doch der Sprung ins kalte Wasser zahlte sich letztlich aus: Heute ist Kleitsch 63 und viel gesünder als mit 51. Kerngesund.

„Den Schritt ins Profigeschäft habe ich bisher kein einziges Mal bereuen müssen“, bilanziert Kleitsch. Er fühlt sich ausgefüllt und glücklich als Chefscout des Bundesligisten TSG Hoffenheim, der nach dem Bayern-Rauswurf den Kirchheimer kurzerhand verpflichtet hatte. Seit zwei Jahren arbeitet er nun für den Hopp-Club und reist zum Segen seiner Ehefrau nicht mehr ganz so viel herum. Hunderte von Spielern hat er als Hoffenheimer Ein-Mann-Spähtrupp trotzdem schon kritisch beäugt, benotet und gegebenfalls dem Verein als Neuverpflichtung empfohlen. Deutschland, Kroatien, Belgien, Niederlande und die Schweiz heißen seine Einsätzländer – zuweilen auch Brasilien. Im Land der Pelés, Elbers und Dantes verbrachte Kleitsch neulich zehn Tage, um sechs als Rohdiamanten gepriesene Spieler anzuschauen. Vier fielen durchs Sieb, zwei blieben in der engeren Wahl.

„Wir beobachten sie weiter“, sagt Kleitsch.

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