Lokalsport

Jung und hungrig

Basketball Im Schatten des Knights-Erfolgs schreibt Regionalliga-Aufsteiger VfL Kirchheim in der bisherigen Saison die ungewöhnlichsten Geschichten. Von Bernd Köble

„Wir haben keine 30-Punkte-Stars, aber viele ehrliche Arbeiter.

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Benjamin Zieker

Teammanager des VfL in der 2. Basketball-Regionalliga

Kirchheim. Die Parallelen sind frappierend, auch wenn das Rampenlicht ungleich verteilt ist. Wer von der längsten Erfolgsserie im Kirchheimer Basketball spricht, der meint zurzeit vor allem eines: die Knights. Neun Siege in zehn Spielen, Platz zwei in der Pro A. Eine Mannschaft, der vor Saisonbeginn nicht wenige den nackten Überlebenskampf ins Kursbuch geschrieben hatten.

Ums Überleben hätte es nach Expertenmeinung auch drei Etagen tiefer in der Regionalliga Baden-Württemberg gehen sollen. Der Start, mit dem sich Aufsteiger VfL Kirchheim ins neue Abenteuer stürzte, war eines sicher nicht: gründlich vorbereitet. Langes Zögern, finanzielle Bedenken, ein in letzter Minute zusammengestellter Kader unter der Regie eines blutjungen Trainers, der die Unerfahrenheit schon im Namen zu tragen schien. Konnte das gut gehen? Es kann. Und wie.

Die Mannschaft von Felix Jung, dem mit 27 Jahren jüngsten Chefcoach der Liga, watscht in Serie die Favoriten ab. Teams wie Crailsheim, Mannheim, Haiterbach oder Schwäbisch Hall, teils mit sechsstelligen Etats und teuren Exportspielern gesegnet, beißen sich am Neuling aus Kirchheim die Zähne aus. Fünf Eigengewächse stehen im Team des VfL. Der Rest sind junge Talente, zumeist aus der Region. Die beiden Knights-Kooperationsspieler Niclas Sperber und Justin Hedley bilden gemeinsam mit Desmond Strickland, dem einzigen Amerikaner, das Rückgrat der Mannschaft. Weil das Reglement der Liga nur eine US-Kraft erlaubt, versuchen Vereine, die es sich leisten können, vor allem diese Position möglichst stark zu besetzen. Bestes Beispiel: Crailsheims Karl Anderson Moore ist mit durchschnittlich 27 Punkten Topscorer der Liga. Kirchheims eifrigster Punktesammler Niclas Sperber, immerhin Reservist in der Pro A, kommt auf 16,8 Zähler. Strickland ist Teil der letztjährigen Erfolgsgeschichte in der Oberliga und seit Jahren schon Kirchheimer. Nach seinem Einstieg über ein freiwilliges soziales Jahr (FSJ) betreut er bis heute drei Jugendmannschaften. Stallgeruch, das ist, was zählt.

„Wir haben keine 30-Punkte-Stars, aber viele ehrliche Arbeiter“, sagt Teammanager Benjamin Zieker. „Eine Mannschaft wie aus einem Guss.“ Zieker ist als Co-Trainer der Knights das Bindeglied zwischen beiden Teams. Was in der zweiten Liga momentan gut funktioniert, ist auch das Erfolgsrezept des Juniorpartners. Die Verantwortung ruht auf vielen Schultern. „Dadurch sind wir für jeden Gegner nur schwer auszurechnen“, meint Zieker, „weil man sich bei uns auf keinen Spieler konzentrieren kann.“ Viele kleine Nadelstiche statt der großen Offensiv-Show. Jung und hungrig, statt mit allen Wassern gewaschen.

Das gilt auch für den Chef, von dem viele behaupten, er trage den größten Anteil am Erfolg. Für Felix Jung ist es seine erste Station als Headcoach. Zuvor stand er als Assistenztrainer im Nachwuchsbereich der Bundesligisten in Tübingen und Ludwigsburg in der Verantwortung. Seit seinem 15. Lebensjahr trainiert er Nachwuchsteams. Selbst Knights-Coach Michael Mai behauptet, es gebe wenige seines Alters, die basketballerisch besser ausgebildet seien als er. Im Hauptberuf ist Jung Erzieher – auch das wohl kein Nachteil.

„Die Mannschaft ist lernbegierig“, sagt Felix Jung. „Das hilft mir bei der Aufgabe, sie besser zu machen.“ Der 27-Jährige, der beim SV Möhringen zum Basketball kam, ist der ruhige Typ. Einer, der sich Respekt durch Besonenheit verdient. Und dem der Zufall mit jenem Glück zur Seite stand, das man dem Tüchtigen nachsagt. „Der Spielplan“, sagt er, „hat uns kräftig in die Karten gespielt.“ Leichte Gegner zu Beginn, danach die kontinuierliche Steigerung. „Zuletzt gegen die Topteams waren wir im Flow“, sagt er. 92:83 gegen Crailsheim, 83:69 zuletzt gegen Mannheim, im Duell der beiden einzigen bis dahin noch ungeschlagenen Teams.

Das sind Resultate, die am Anspruch auf die Favoritenrolle eigentlich keine Zweifel lassen. Ist der Durchmarsch in die 1. Regionalliga ein Thema? „Mein nächster Gedanke ist, wie gut wir auf Rückschläge vorbereitet sind“, meint Jung zurückhaltend. „Unser Ziel ist ein Platz unter den besten Acht“, sagt er. „Danach können wir über alles weitere reden.“