Lokalsport

Keine Zeit für lange Debatten

Hahnweide: Der Ukrainer Borovyk und der Russe Borovik ​sind trotz unterschiedlicher politischer Ansichten Freunde geblieben

Gute Freunde kann nichts trennen: Der Ukrainer Dmytry Borovyk und der Russe Vitalii Borovik beweisen beim 48. internationalen Hahnweide-Wettbewerb, dass selbst brisantester Polit-Sprengstoff eine langjährige Sport-Partnerschaft nicht so schnell auseinander­dividieren kann.

48. Hahnweide-Segelflugwettbewerb 2014 Ukrainer Dmytry Borovyk (links) und Russe Vitalii Borovic

Hahnweide-Segelflugwettbewerb 2014: Der Ukrainer Dmytry Borovyk (links) und der Russe Vitalii Borovic.

Kirchheim. Dmytry Borovyk ist 43 und Segelflieger aus Leidenschaft. Vitalii Borovik hat schon 22 Jahre mehr auf dem Buckel, betreibt den Sport aber ebenfalls höchst ambitioniert. Borovyk, der Ukrainer, und Borovik, der Russe, fliegen in Kirchheim gemeinsam in der Offenen Klasse und haben exakt ein und dasselbe Wettbewerbsziel. Mangels Kenntnissen der örtlichen Gegebenheiten wollen beide Hahnweide-Debütanten im Abschlussklassement auf einem guten Mittelfeldplatz landen. „Mehr ist in dieser stark besetzten Offenen Klasse kaum möglich“, glaubt Dmytry. Immerhin haben die zwei Ost-Flieger zum Auftakt schon mal den amtierenden Weltmeister Laurent Aboulin (Frankreich) abgehängt.

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Auch sonst gibt es zwischen dem Mann aus Kiew, der seit einem Jahr im südfranzösischen 4 200-Seelen-Örtchen Vinon als angestellter Segelfluglehrer des örtlichen Klubs lebt, und dem Elektronik-Unternehmer aus dem fernen Novosibirsk etliche Parallelen. Neben dem Spaß am Sport verbindet sie beispielsweise das Insiderwissen, wo man am besten hochwertiges Segelfluggerät einkauft: in Kirchheim/Teck. Beide haben ihre Wettbewerbsmaschinen Quintus M (Borovyk) beziehungsweise Nimbus 4M (Borovik) bei der Firma Schempp-Hirth erworben, wo ihnen Geschäftsführer Tilo Holighaus im Gegenzug den Hahnweide-Start empfahl. In den sportlichen Steckbriefen weisen Dmytry und Vitalii ebenfalls Übereinstimmungen auf. Die aktuellste: Beide wurden von ihren Landesverbänden für die bevorstehenden Weltmeisterschaften im polnischen ­Leszno (21. Juli bis 10. August) angemeldet.

Beide Ost-Piloten sind sich grün – „wir sind Freunde“, sagt der Ukrainer über sich und seinen russischen Kollegen, der in früheren Jahren schon Sieger der ukrainischen Landesmeisterschaft war. Wegen ihrer sportlichen Vorlieben haben sie sich immer wieder bei internationalen Meetings getroffen und dort festgestellt, dass die Chemie stimmt. Beide schätzen sich – nur, wenn‘s politisch wird, trennen die beiden plötzlich Welten. Was der Russe als Konsequenz verfehlter ukrainischer Politik wähnt und schlussendlich vehement verteidigt, zeugt für den Ukrainer von purem imperialistischem Denken: Wladimir Putins Krim-Annexion.

Bevor sich die Miene von Vitalii Borovik beim Thema noch mehr verdunkelt, ist das kleine Polit-Scharmützel in der Fliegerhalle auch schon wieder beendet – Wettbewerbsflieger haben in der Regel Wichtigeres zu tun als ausgiebig über Politik zu streiten. Zum Beispiel, rechtzeitig vorm Start für die eigene Flugsicherheit zu sorgen. Und so bleiben die zwei Fast-Nachnamensvettern aus dem Osten von jedwedem Konfliktstoff verschont. Der Segelflugsport lässt keine Zeit zum Debattieren.

Und so wenden sich Dmytry Borovyk und Vitalii Borovik rasch wieder anderen Dingen zu – der Ukrainer gönnt sich erstmal eine Zigarette, der Russe schlendert zum Fototermin. Beiden gefällt es bei ihrer Premiere auf der Hahnweide, und sie wollen wiederkommen im nächsten Jahr – wenn es der Zeitplan erlaubt. Vitalii Borovik logiert während der Wettbewerbstage in einem Kirchheimer Hotel allein. Daheim, im fast 5 000 Kilometer entfernten Novosibirsk, wartet derweil seine Ehefrau. „In der Küche“, wie er spaßend bemerkt.

Der Ukrainer hat‘s da komfortabler: In Bissingen teilt er seine Unterkunft derzeit mit Ehefrau Marina, Söhnchen Dmytry (20 Monate) und den Töchtern Daria (7) und Sofia (12). „Es ist wie ein kleiner Urlaub für die Familie“, sagt Dmytry Borovyk. Was machen die vier tagsüber, wenn er auf der Hahnweide ist? „Sie warten auf meine Rückkehr am Abend“, sagt er und macht den nächsten Gag. Der Mann, der außer Segelflug-Instruktor auch noch Chef einer Internetfirma mit Sitz in Kiew ist („finanziell ist das mein Hauptstandbein“), ist genau wie sein Fliegerkollege aus Sibirien in diesen Tagen öfters mal zum Scherzen aufgelegt. Dazwischen kann ungeliebte Politik die Stimmung höchstens mal für ein paar Minuten vermiesen.