Lokalsport

Köln im Blick, Abstieg im Kopf

Die Rückrunde der Fußball-Bundesliga steht vor der Türe, und im Schwabenland machen sich viele VfB-Fans sorgen um ihren kriselnden Verein aus Stuttgart. Auch die Stammgäste im Bistro 93 in Jesingen.

Der VfB in aller Munde. Im Bistro 93 wird heiß über den Rückrundenstart diskutiert.Foto: Jean-Luc Jacques
Der VfB in aller Munde. Im Bistro 93 wird heiß über den Rückrundenstart diskutiert.Foto: Jean-Luc Jacques

Kirchheim. Die zwei kleinen Stufen zur Tür der Vereinsbar des TSV Jesingen sind mit einem großen Schritt erledigt, schon steht man im voll besetzten Raucherraum. Obwohl es noch einige Tage dauert, sitzen zahlreiche Fans des VfB Stuttgart an den Tischen und fiebern der Rückrunde entgegen. Auf den zwei großen Flatscreens läuft das Topspiel in England zwischen Liverpool und Arsenal. Der Holzboden knarrt unter den Füßen, an den Wänden hängen von zahlreichen Fans mitgebrachte Schals, die den besonderen Flair des Bistros vermitteln: vom VfB über Borussia Dortmund bis hin zum FC St. Pauli und den Queens Park Rangers.

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Gesprächsthema Nummer eins: die Rückrunde des VfB. Alle sind gespannt, wie es Samstag in einer Woche weitergeht – halten sie die Klasse? Wird in zwei Monaten wieder der Trainer entlassen? Oder schaffen sie überraschend doch noch den Sprung ins internationale Geschäft?

An der Bar steht Ercü, der sich über Stuttgarts Neuverpflichtung Kevin Großkreutz auslässt. „Für mich als Galatasaray-Fan ist er ein Verräter mit schwierigem Charakter. Aber wenn er sich anpasst, kann er dem VfB sportlich weiterhelfen“, sagt er über den Sound des Darts-Automaten hinweg, der im Nichtraucherraum vor sich hinpiept. Dort, unterhalb des riesigen 75-Zoll-Fernsehers, steht eine große Glasvitrine bestückt mit Original-Auszeichnungen von VfB-Jungstar Timo Werner. Beide Räume verbindet ein Durchgang, über dem zwei Fanschals hängen, die augenscheinlich aus besseren Zeiten der Roten stammen.

An beinahe jedem Tisch wird über den Rückrundenverlauf der „Cannstatter Jungs“ diskutiert. Daniel ist der Überzeugung, dass der VfB trotz seiner Meinung nach wiederum verpatzter Transferpolitik die Klasse hält. „Der VfB muss absteigen“, sagt hingegen Seppi, „das würde denen ganz gut tun.“ Ganz anderer Meinung ist Daniel: „Wenn der VfB in die zweite Liga rutscht, wird es schwierig, wieder nach oben zu kommen, wie es zum Beispiel 1860 München seit einigen Jahren geht.“

Ins selbe Horn stößt Steffen: „Wenn der VfB weiterhin so eklatante Fehler begeht wie bisher, seien es Weiterzahlungen von entlassenen Trainern oder überteuerte Verpflichtungen von unbekannten Nationalspielern aus der Ukraine oder Tschechien, dann muss ich Seppi da recht geben.“ Der 34-jährige Jesinger sieht die Jungs mit dem Brustring am Ende der Saison trotzdem auf einem gesicherten Tabellenplatz im Mittelfeld, denn er vermutet, dass es mit Hannover, Hoffenheim, Darmstadt und Bremen dieses Jahr erneut noch schlechtere Mannschaften gibt.

Die Hoffnungen liegen auf Martin Harnik, der für viele eine Identifikationsfigur ist. So auch für Daniel, der selbst leidenschaftlicher Kicker ist und den VfB schon von klein auf bei Heim- und Auswärtsspiele anfeuert.

Tischnachbar Seppi sieht die Stuttgarter aber langfristig wieder mit Anschluss an die internationalen Plätze. „Mit den finanziellen Mitteln, die der VfB hat, kann es gar nicht anders sein.“ Er nennt die großen Firmen im Umland wie Siemens, Daimler, Porsche oder Würth als potenzielle Sponsoren. „Ausgliederung, das ist der Punkt“, fällt Daniel ihm ins Wort, „meiner Meinung nach ist diese unumgänglich.“

Lauter Jubel schallt durch den Raum. Jürgen Klopps Liverpooler haben in der 89. zum 3:3 ausgeglichen – der Schlusspunkt eines unterhaltsamen Abends. Das Bistro leert sich allmählich. Nur die kleinen Glasschüsseln, die mit Salzbrezeln oder Erdnüssen gefüllt waren bleiben auf den Tischen zurück. Ebenso die Frage, ob der VfB den ersten Schritt aus der Krise macht. Eine Antwort gibt es heute in einer Woche in der Partie beim 1. FC Köln.