Lokalsport

Leichtathleten trotzen der Corona-Pause

Die Coronakrise weckt neue Kreativität: Selbst Hürdenläufe im Garten oder das Hammertraining mit einem Besen (kleines Foto) sind
Die Coronakrise weckt neue Kreativität: Selbst Hürdenläufe im Garten oder das Hammertraining mit einem Besen (Bild unten) sind dann gefragt. Fotos: Christian Melzer

Leichtathleten haben es zurzeit alles andere als einfach. Zum einen fehlt ihnen die sportliche Infrastruktur, weil die Stadien geschlossen sind, zum anderen fehlt es an Zielen. Denn auf was soll man sich aktuell eigentlich vorbereiten? Gibt es überhaupt noch Wettkämpfe in diesem Jahr, und wenn ja, welche? Fast alle Meisterschaften auf Kreis- und Regionalebene sowie Sportfeste finden zwischen April und Juni statt. Aber selbst die ganz große sportliche Bühne wird es, wenn überhaupt, in diesem Jahr nur sehr eingeschränkt geben. Die Hoffnungen der Spitzenathleten im Kreis ruhen auf der zweiten Jahreshälfte, wo die eine oder andere Landes-, Süddeutsche oder Bundesmeisterschaft doch noch stattfinden könnte. Zunächst aber sind bis zum 15. Juni sämtliche Wettkampfveranstaltungen und Kadertrainingseinheiten im Kreis und im Verband außer Kraft gesetzt.

Wie es anschließend weitergeht, kann derzeit niemand voraussagen. Die Motivation der Athleten wird aufgrund der Ungewissheit hart auf die Probe gestellt. Vor allem wird von jedem Einzelnen eine große Portion Disziplin abverlangt, die Trainingspläne der Trainer alleine umzusetzen. Die LG Filder und die LG Teck wären eigentlich im Trainingslager im kärntnerischen Villach und Klagenfurt zur motorischen und technischen Feinjustierung gewesen. Doch anstelle kollektiven Trainings und gemeinsamer Unternehmungen unter südlicher Sonne stehen nun einsame Läufe auf Wald-, Wiesen- und Feldwegen vor der eigenen Haustüre auf dem Programm.

Kreativität kennt keine Grenzen

Kellerräume und Garagen wurden in den vergangenen Tagen in kleine Trainingsstudios umfunktioniert. Obwohl direktes Coaching aktuell nicht drin ist, sehen Landes-Mehrkampftrainer Florian Bauder (Köngen) und Mittel- und Langstreckenstratege Rudi Persch (Nürtingen) die Lage noch nicht ganz so dramatisch. Würfe und Stöße finden jetzt eben in der freien Natur oder auf privatem Gelände statt. Dabei sind der Kreativität der Athleten, die täglich bis zu drei Stunden trainieren, keine Grenzen gesetzt. Während Siebenkämpferin und Kreisrekordhalterin über 100 Meter, Melanie Steibl von der LG Filder/Köngen, Sprudelkisten an die Hantelstange hängt, „hämmert“ die baden-württembergische Siebenkampfmeisterin Cora Reitbauer (LG Filder/Berkheim) ihre Ballwürfe gegen einen Teppich, der im elterlichen Garten hängt. Den Medizinball schleudert sie derweil gegen die Kellerdecke.

Inliner-Touren ergänzen Dauerläufe, ausgediente Autoreifen dienen für Zugwiderstandsläufe. Einen solchen Zugschlitten hat sich Mittel- und Langstrecken-Ass Alexander Niemela von der LG Teck extra selbst gebastelt, den er nun - beladen mit Gewichten - bis auf Weiteres über die heimische Ochsenwanger Alb zieht. Dem ausgefallenen Landeskader-Trainingslager in Cervia an der italienischen Adriaküste trauert der 19-Jährige jedenfalls nicht nach. „Meine Motivation ist ungebremst. Natürlich macht Laufen in der Gruppe mehr Spaß, aber mein Ziel ist es, noch in diesem Jahr die 1 500 Meter unter 3.50 Minuten und die 5 000 Meter unter 14.30 Minuten zu laufen, denn dies würde die Quali für die U23-Europameisterschaften bedeuten.“

Steine taugen auch zum Stoßen

Dass Not erfinderisch macht, zeigt sich auch im Trainingsalltag der LG Teck. Der Kirchheimer Chefcoach Ralf Mutschler übermittelt per Whats-App an sein Team täglich neue Video-Trainingsprogramme wie Stabilisation, Dehnübungen, Koordinationen, Rope-Skipping, Wurf- und Stoßtechniken und vieles mehr. Wer keine Kugel zu Hause hat, behilft sich eben mit Steinen. Kraft und Stabi‘s könne man außerdem auch ohne Hanteln mit dem eigenen Körpergewicht trainieren, und in der Natur gäbe es genügend Gräben, über die man springen könne, meint der 46-jährige ehemalige Zehnkämpfer. Als Beweis, dass die Trainingsbotschaften auch in die Tat umgesetzt werden, fordert Mutschler im Gegenzug Bilder von seinen Athleten.

„Das Einzige, was nicht optimal trainiert werden kann, sind Sprints und wettkampfspezifische Läufe“, meint der Nürtinger Meis­termacher Rudi Persch, der mit Lukas Eisele (Nellingen) und Louis Rath (Denkendorf) zwei der besten Lauftalente im Kreis betreut. Und Florian Bauder ergänzt: „Je mehr wir jetzt trainieren, desto besser sind wir in Form, wenn wieder grünes Licht gegeben wird. Wichtig ist, dass die Athleten auf eine bestimmte Anzahl an Würfen kommen, egal ob diese gut oder schlecht sind.“

Auch Kugelstoß-Ass Tizian Noah Lauria (LG Filder/Neuhausen), Drittbester der deutschen U18-Bestenliste mit 19,25 Metern und WLV-Rekordhalter im Diskuswerfen mit 60,35 Metern, sieht die momentane Situation gelassen. „Das Training im Freien setzt ganz neue Reize. Das ist eine nette Abwechslung zum Training am Olympia­stützpunkt Stuttgart (OSP)“, so Lauria, der von Bundes-Stützpunkttrainer Arthur Hoppe betreut wird. Martin Moll

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