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Marianne Mittnacht ist eine Fußballerin der ersten Stunde und schaut heute gespannt TV

Sie ist eine von Deutschlands Fußballerinnen der ersten Stunde: Marianne Mittnacht kickte für den VfL Schorndorf erstmals 1970 – just in jenem Jahr, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sein Spielverbot für Frauen aufgehoben hatte. Danach machte sie Karriere – und ihr außergewöhnliches Talent sprach sich bis nach Italien herum. Doch das ­Traumangebot aus dem Süden schlug die heute 64-Jährige damals aus.

Zeitungslektüre gehört dazu: Bei Marianne Mittnacht, die heute so etwas wie Managerin beim FV Faurndau ist, dreht sich das halbe
Zeitungslektüre gehört dazu: Bei Marianne Mittnacht, die heute so etwas wie Managerin beim FV Faurndau ist, dreht sich das halbe Leben um Fußball.Foto: Deniz Calagan

Göppingen. Wenn Marianne Mittnacht auf dem Wochenmarkt in Schorndorf Besorgungen macht, wird sie meist herzlich begrüßt. Die Fußball-Veteranin aus dem 17 Kilometer entfernten Bartenbach kennt man, auch wenn‘s schon eine ganze Weile her ist, dass sie mit Toren, Tricks und Tempodribblings die Fußball-Region entzückte. Bis 1994 war sie in Schorndorf am Ball, erst für den VfL, später bei der SG. 833  Spiele bestritt sie in dieser Zeit, erzielte 1 257 Tore. Zehn Mal wurde sie mit ihrer Mannschaft Württembergischer Meister, sechs Mal gewann sie den WFV-Pokal. Die Liste ihrer Erfolge ist lang – mindestens so lang wie die Zahl ihrer Bekannten, die sie durch den Fußball hat.

Marianne Mittnacht – es ist die Geschichte einer Ex-Sportlerin, deren frühes Talent so ausgeprägt war, dass sie es mit gleichaltrigen Jungs locker aufnehmen konnte. Mit zehn kickte sie in der D-Jugend-Mannschaft ihres Heimatvereins TSV Waldhausen, für den sie vier Jahre am Ball war. 1964 war ihre Spielsondergenehmigung via WFV erloschen, was folgte, war mangels Existenz einer Mädchen-Mannschaft die sechsjährige Kick-Zwangspause für den fußballbesessenen Teenager, der von Kindesbeinen an lieber mit Plastikbällen anstatt mit Barbiepuppen gespielt hatte. Ihren Hang zum Jungensport hatte sie als Mädchen elterlicherseits stets ausleben dürfen, wie sie heute versichert. „Mit fünf oder sechs Jahren habe ich jeden Nachmittag mit jungen Arbeitern in deren Mittagpause kicken können, sommers wie winters. Wir wohnten direkt am Sportplatz“, sagt sie.

1970, mit 20, stieß sie zum VfL Schorndorf – via Zeitungsannonce. „Der Verein wollte damals eine gute Frauenmannschaft aufbauen und suchte interessierte Hobbyspielerinnen“, sagt sie. Zum Sichtungsabend in der Gaststätte Weißes Lamm strömten damals 50 Mädchen und Frauen aus der Umgebung, die alle kicken konnten – die eine mehr, die andere weniger. Übungsleiter Gerhard Strohmaier gelang es schließlich, aus der bunten Freizeit-Truppe eine ambitionierte Einheit zu formen, die dank eines 6:0-Kantersiegs über den ESV Rot-Weiß Stuttgart in Waiblingen fast aus dem Stand he­raus Bezirksliga-Meister wurde. Fünffache Torschützin war Marianne Mittnacht – in der brandneuen Frauenfußballszene der Region war über Nacht ein Stern aufgegangen.

Über die Jahre hinweg wurden die Schorndorfer Frauen immer besser, und 1975 gelang sogar der Sprung ins Viertelfinale des DFB-Pokals. Der FC Bayern München erwies sich in Hin- und Rückspiel zwar als eine Nummer zu groß (2:6, 0:5), doch die aufstrebenden Schorndorferinnen hatten sich nachdrücklich empfohlen – Marianne Mittnacht besonders. Damals war ihr ein Traumangebot aus Italien ins Haus geflattert. Doch den

Lockruf von Signore Paolo Mescalghin, des millionenschweren Präsidenten von Damen-Profiklub Gamma Padua, für ein Handgeld von 50 000 DM plus 3 000-DM-Monatssalär zwei Jahre lang zum Auslandsprofi zu werden, schlug Mittnacht nach sechswöchiger Bedenkzeit und vielen Diskussionen mit ihrem damaligen Ehemann aus. „Heutzutage denke ich immer mal wieder an dieses lukrative Angebot zurück. Manchmal bedauere ich es, es nicht angenommen zu haben“, sagt sie. Die Auslands-Erfahrung hätte sie in jungen Jahren gerne angenommen.

Doch weil es nichts hilft, alten verpassten Chancen nachzutrauern, blickt die 64-Jährige derzeit lieber voraus – auf das, was bei der derzeit laufenden Frauen-Weltmeisterschaft in Kanada vielleicht noch passieren wird. „Ich drücke den Deutschen natürlich die Daumen“, sagt sie vor dem heutigen Viertelfinal-Knüller gegen Frankreich (ab 22 Uhr live im ZDF), und ihre Lebensgefährtin, die frühere Schorndorfer Torhüterin Renate Lehmann (60), nickt. Beide hoffen auf einen schwarz-rot-goldenen Triumph, auch wenn dem Fußball-Paar das öffentliche Auftreten von Bundestrainerin Silvia Neid nicht ganz so gut gefällt.

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