Lokalsport

Mangelware Schiedsrichter​

Fußballbezirk Neckar/Fils sucht junge Referees – Rückgang Jahr für Jahr

Der Mangel an Schiedsrichtern macht dem Fußball-Bezirk Neckar/Fils schwer zu schaffen. Noch sind alle Spielaustragungen gesichert. Wie lange noch?

Kein leichter Job heutzutage: Fußball-Schiedsrichter.Foto: Markus Brändli
Kein leichter Job heutzutage: Fußball-Schiedsrichter.Foto: Markus Brändli

Kirchheim. „Junge Schiedsrichter haben bei Zuschauern und Spielern nicht die Akzeptanz wie die älteren. Deshalb werden sie auch häufiger in den Spielen angemacht. Irgendwann resignieren sie dann und sagen: Leckt mich doch am A.. . . Danach hören sie mit der Pfeifen auf.“ Bernd Schraitles (Teil-)Analyse des Schiedsrichter-Rückgangs im Fußball-Bezirk Neckar/Fils resultiert aus persönlichen Erfahrungswerten. Der 54-jährige Beurener ist in der Organisation nicht nur Spielleiter, sondern auch ununterbrochen Schiedsrichter seit 1979 mit inzwischen etwa 2 000 Spielen in den Knochen. Früher hat er Landesliga gepfiffen, heutzutage tut er es altershalber eine Spielklasse tiefer. Seine These: Ältere Referees taugen als Respektperson am besten.

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Die Lust am Pfeifen hat Schraitle bis heute nicht verloren – viele Jung-Schiedsrichter verlieren sie dafür regelmäßig. 14- und 15-jährige Schüler sind in Neulingskursen manchmal deutlich in der Mehrheit. Vier Jahre später ist vom Ehrgeiz vieler Teenager, mit überdurchschnittlichen Regelkenntnissen und Durchsetzungsvermögen später vielleicht zum regionalen Vorzeige-Referee aufzusteigen, oft nichts übrig geblieben. Wer 18 oder 19 ist, macht Abitur, ergreift einen Beruf oder fängt das Studieren an – die Lebensplanung wird eine andere und das Zeitfenster knapp. „Etwa 50 Prozent der jungen Schiedsrichter hört in den ersten fünf Jahren schon wieder auf“, sagt Steffen Müller, der stellvertretender Schiedsrichterobmann im Bezirk ist. In den meisten Fällen sind solche Leute für den Fußball ein für alle Mal verloren.

Es sind nicht nur üble Umgangsformen und persönliche Weichenstellungen, die dafür sorgen, dass immer weniger junge Sportfreunde an einer Schiedsrichter-Laufbahn im Fußballsport basteln. Der zehnprozentige Rückgang in den letzten fünf Jahren auf 71 000 Referees bundesweit hat als Ursache auch die Seniorenlastigkeit in der Alterspyramide. Weil mehr Ü 60-Referees altershalber ausscheiden aus dem Spielbetrieb, als jüngere Jahrgänge nachrücken, „verzeichnen wir seit Jahren einen schleichenden Rückgang. Für einen einzigen ausscheidenden Altschiri müssen fünf junge Schiedsrichter nachrücken, damit alle Spiele besetzt werden können“, wie Müller weiß. Es klingt fast wie der Rentnervergleich in der Politik.

Vor acht, neun Jahren zählte die Schiedsrichtergruppe Nürtingen noch 180 Pfeifenmänner. Bis heute ist diese Zahl auf 140 zusammengeschrumpft. Im gesamten Fußballbezirk Neckar/Fils beträgt die aktuelle Zahl 397 – Rückgang wie gehabt. „In anderen württembergischen Schiedsrichtergruppen verhält es sich ähnlich“, weiß Müller. Wie der Königsweg in eine bessere Schiri-Zukunft aussieht, weiß er nicht.

Keiner weiß das so genau, zumal schnöder Mammon kaum Aussicht auf mehr Schiedsrichter verspricht. „Ob ein Bezirksliga-Schiri 30 Euro Aufwandsentschädigung wie derzeit oder 50 Euro für ein Spiel erhält, macht keinen Unterschied“, sagt Schraitle, „denn kaum ein Schiedsrichter pfeift wegen des Geldes.“ Schon eher wegen des Prestigegewinns, die der 23. Mann auf dem Feld auch heutzutage im persönlichen und sportlichen Umfeld noch erleben kann. Gute Schiedsrichter sind gefragt. Und Aufstiegschancen haben sie auch.

Doch das lokale Schiedsrichterwesen steckt weiter in der Krise, wie Neckar/Fils-Schiedsrichterobmann Harald Kuhn (Neckartailfingen) beim Bezirksliga-Staffeltag in Deizisau nochmals betonte (wir berichteten). Angesichts der gegenwärtigen Schiri-Anzahl sei nicht sichergestellt, ob alle Pflichtspiele in der kommenden Spielzeit 2016/17 besetzt werden könnten, sagte er. Für Kuhn ebenso wie für Schiedsrichter-Routinier Schraitle muss ein Unparteiischen-Sterben dringend gestoppt werden. Den Hitzköpfen unter den Zuschauern empfiehlt er, auf dem Fußballfeld Anstand und Fairness zu zeigen, seinen jüngeren Kollegen, verbalen Entgleisungen mit Selbstbewusstsein zu begegnen. „Schiedsrichter dürfen nicht päpstlicher als der Papst sein.“ Schraitle plädiert für einen freund(schaft)licheren Umgang zwischen den Fußball-Beteiligten. Nur so seien potenzielle Schiedsrichter-Kandidaten wieder in die Vereine zu locken.